Basketball

Jabril Durham – der König auf dem Basketballfeld

| Lesedauer: 6 Minuten
Alexander Berthold und Rainer Grünberg
Jabril Durham mit zwei Türmen in seinen Händen. Weiß und schwarz sind die Vereinsfarben der Hamburg Towers.

Jabril Durham mit zwei Türmen in seinen Händen. Weiß und schwarz sind die Vereinsfarben der Hamburg Towers.

Foto: Roland Magunia

Der Spielmacher der Hamburg Towers liebt Schach und gilt als exzellenter Passgeber. Was er an seinen Kollegen besonders schätzt.

Hamburg. Plötzlich stoppt Abendblatt-Fotograf Roland Magunia das Spiel, als Schwarz gerade mit Dame und Springer am gegnerischen Königsflügel einen Mattangriff startet, während Weiß kurz zuvor im Zentrum einen wichtigen Bauern gewonnen hat, sich dadurch für einen Moment im Vorteil wähnt. „Perfekt“, sagt Magunia und zückt seine Kamera, „jetzt ist doch richtig Leben auf dem Brett. Das halten wir mal fest.“

Das Brett sind schwarze und weiße Steinplatten im Rosengarten in Planten un Blomen in der Nähe des Dammtorbahnhofs. Dort treffen sich Hamburgs ältere Hobby-Schachspieler, um bis in die Abendstunden im Freien ihrer Leidenschaft zu frönen. Jabril Durham ist zum ersten Mal hier und beeindruckt von der Kulisse: Bäume, Blumen, Beete, das Gartenschach mit überdimensionalen Plastikfiguren, daneben fünf Schachtische und eben diese etwas skurrilen Typen, die keinen Blick für die Schönheiten der Natur haben, aber mit lauten Kommentaren ihre Partien zu einem Ereignis auch für Umstehende machen.

Durham soll Spielmacher der Hamburg Towers werden

Durham soll der neue Spielmacher des Basketballclubs Hamburg Towers werden, der am nächsten Sonnabend (20.30 Uhr/Magenta Sport) im baden-württembergischen Ludwigsburg in seine dritte Bundesligasaison startet. Als Stratege, Taktiker, einer mit Fingerspitzengefühl, mit Gespür für den nächsten Zug hat der Verein den 27 Jahre alten US-Amerikaner, geboren in Texas, bei seiner Verpflichtung gepriesen – und als „begnadeten Schachspieler“.

Durham findet das ziemlich übertrieben, hat er doch mit seiner Frau erst vor gut einem Jahr Zugang zum königlichen Spiel gefunden. Das Interesse der beiden befeuerte die Netflix-Serie „The Queen’s Gambit“ (Damengambit), die vergangenes Jahr weltweit einen Schachboom auslöste. Seitdem gehören Schachbrett und Figuren zum Hausrat des Ehepaares.

Parallelen zwischen Basketball und Schach

Durham hat beim Schach viele Parallelen zu seinem Beruf entdeckt. Das Vorausdenken, stets die Situation ein, zwei Züge später im Kopf, das gesamte Spielfeld/Brett im Blick zu haben, permanent folgenschwere Entscheidungen zu treffen, die dann meist irreversibel sind, darin würden sich Schach und Basketball ähneln. Und es sei ein gutes Training, ebendiese Fähigkeiten auch außerhalb des Spielfeldes zu schulen. Beim Abendblatt-Termin erhält er dafür von der Hamburger Firma Chessbase. Weltmarktführer bei der Sammlung von Schachpartien und der Erstellung von Lernprogrammen, fünf Übungs-CDs.

Für Durham soll das Engagement bei den Towers der nächste Entwicklungsschritt seiner Karriere werden, die ihn seit fünf Jahren mit Erfolg durch Europa ziehen lässt, zuletzt nach Belgien. Auf dem sportlichen Niveau der Basketball-Bundesliga (BBL) hat er bisher nicht gespielt, er passt dennoch perfekt ins Anforderungsprofil des Towers-Trainers Pedro Calles (38). Der Spanier setzt auf Teamfähigkeit, auf Profis, die sich voll und ganz in den Dienst der Mannschaft stellen, ihr eigenes Ego erst danach bedienen. Durham ist so einer.

Calles nennt Durham „Pass-first-Point-Guard“

Er gilt als Spielmacher, der seine Nebenleute besser macht, sie in Szene setzt und in günstige Wurfpositionen bringt. Das hat er auf allen seinen vorherigen Profistationen und zuvor beim College-Basketball in den USA bewiesen. Calles nennt Durham einen „Pass-first-Point-Guard“. Deshalb hat er ihn verpflichtet – neben sieben weiteren Neuen. Beim einzigen öffentlichen Test der Towers am Freitagabend gegen Bundesligakonkurrent Göttingen (77:88) warf er in 13:55 Minuten dreimal auf den Korb, machte dabei fünf Punkte, glänzte aber als Korb-Butler mit vier Vorlagen.

Die Towers, das hat Durham in seinen ersten sechs Wochen in Hamburg festgestellt, leben Calles’ Philosophie. Die Chemie in der Mannschaft stimme, er habe seine Landsleute fast nicht wiedererkannt. „US-Basketballer in Europa neigen dazu, zuerst an ihre persönliche Karriere zu denken, wie sich profilieren, für bessere Verträge empfehlen können. Das steht bei den meisten im Vordergrund – und nicht das Team. Oft wirken sie daher arrogant und abgehoben“, sagt Durham. Bei den Towers sei das komplett anders. Einer für alle, alle für einen, Calles habe bei der Zusammenstellung des Kaders offenbar genau wieder diese Charaktere gefunden, die das Team in der vergangenen Saison erstmals in die Play-offs führten. Das gefällt ihm.

Jabril Durham: „Hamburg ist eine sehr schöne Stadt"

Jabril Durham ist auch nach Hamburg gekommen, um die Stadt, um Deutschland bei seiner Entdeckungsreise durch Europa kennenzulernen. Hamburg sei die deutsche Großstadt, die im Zweiten Weltkrieg am stärksten zerstört wurde, habe ihm seine Großmutter erzählt. „Davon ist ja nichts mehr zu sehen, Hamburg ist eine sehr schöne Stadt, viel Grün, viel Wasser, moderne Gebäude.“

Dass er in Wilhelmsburg, wo er mit seiner Frau wohnt, „eine großartige Gegend“, nur schwer einen Parkplatz für sein Auto finde, sei das bislang einzig Störende. An der Börse hat er mehr Fortune. Er besitzt „ein paar“ Aktien des US-Elektro-Autobauers Tesla, die hätten sich gut entwickelt, auch wenn sie am gestrigen Montag wieder etwas an Wert verloren haben.

King of the Court: Jabril Durham

Mit welcher Schachfigur er sich als Basketballer identifizieren würde, fragt Abendblatt-Fotograf Magunia am Ende des Treffens vor den finalen Aufnahmen. „Als König!“, antwortet Durham ohne zu zögern. Als King of the Court? „Yes!“ Der König ist im Schach die wichtigste, aber nicht die mächtigste Figur; das ist die Dame, die zieht kreuz und quer über die 64 Felder. Am Ende nimmt Durham zwei Türme, einen schwarzen und weißen, in seine Hand, stellt sich ins Zentrum des Schachbretts, dorthin, von wo aus er auch als Basketballer das Spiel dirigiert.