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Vor Play-offs gegen Alba: So tickt Towers-Trainer Calles

| Lesedauer: 14 Minuten
Alexander Berthold und Alexander Laux
Towers-Trainer Pedro Calles schaltet in Playoff-Mode

Towers-Trainer Pedro Calles schaltet in Playoff-Mode

Gegen Alba Berlin konnten die Towers zweimal gewinnen. Jetzt steht ein neues Match gegen den Top-Club an.

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Der 37-Jährige ist in ganz Europa begehrt – trotzdem bleibt er in Hamburg. Wie Pedro Calles arbeitet und was seine Rituale sind.

Hamburg. Mit dem Wort Karriereplan kann Pedro Calles nur wenig anfangen. „Den gibt es einfach nicht. Ich möchte der bestmögliche Trainer, Ehemann und Vater sein. Einen Plan, wann ich wo auf einem bestimmten Level coache, habe ich nicht. Ich bin mit dieser Einstellung bisher sehr gut gefahren in meiner Karriere“, sagt der 37 Jahre alte Trainer der Hamburg Towers, dessen Qualität längst auch Topclubs im In-und Ausland aufgefallen ist.

Deshalb ist es kein Geheimnis, dass Sportdirektor und Geschäftsführer Marvin Willoughby (43) eines der begehrtesten Trainertalente Europas gerne längerfristig binden würde. „Ich bin extrem glücklich, hier in Hamburg zu sein. Mein Vertrag läuft bis 2022, und ich will diesen erfüllen. Und wenn denn Willoughby den richtigen Zeitpunkt für Gespräche sieht, werden wir sprechen. Das überlasse ich ganz ihm und den Towers“, sagt Calles.

2020 war der Spanier von Rasta Vechta zu den Towers gekommen, die er auf Anhieb zu ihrer ersten Play-off-Teilnahme in der Clubgeschichte geführt hat. Die Viertelfinalrunde gegen Meister Alba Berlin im Best-of-5 Modus beginnt für Calles und die Towers nun am 20. Mai.

Während seines (natürlich Corona-konformen) Premierenbesuchs in der Abendblatt-Redaktion am Großen Burstah demonstrierte der Spanier nicht nur seine Wurfkünste, als er zusammengeknüllte Zeitungen in einem Papierkorb versenkte. Er gab auch einen tiefen Einblick in seiner Trainerphilosophie und ging die verschiedenen Phasen rund um ein Spiel durch.

Pedro Calles und das Warm-up: Wer wird fit?

Die Vorbereitung auf Spiel eins gegen Alba startete bei den Towers mit drei Tagen ohne Mannschaftstraining. Weil die Towers mit vielen Verletzten zu kämpfen haben, stand Regeneration auf dem Programm: „Die Vorbereitung auf ein Play-off-Spiel unterscheidet sich nicht wesentlich von einem Hauptrundenspiel. Ich weiß, dass ein Ergebnis in einem Play-off-Spiel durch das Format eine größere Wucht hat. Wir haben eine längere Pause bis zum ersten Play-off-Spiel. Da ergibt es keinen Sinn, schon jetzt die Spieler mit Training zu überfrachten. Bevor ich Anpassungen vornehmen kann, muss ich wissen, welche Spieler mir zur Verfügung stehen."

Und weiter: „Deshalb ist es noch nicht klar, wie viel Zeit wir überhaupt haben, um Dinge einzustudieren. Das funktioniert nicht auf Knopfdruck. Wir haben im Trainerstab die Videosequenzen soweit vorbereitet, aber der Hauptbezugspunkt, um zu sehen, wie Alba spielt, wird das anstehende Pokalfinalturnier sein. Ich erwarte aber nicht, dass sich groß etwas ändern wird. Wenn wir alle Spieler an Bord haben, ist es nervig für den Gegner, gegen uns zu spielen. Aber mein Thema ist gerade, wen ich von meinen Jungs überhaupt zur Verfügung habe gegen Berlin.“

Pedro Calles: Einzel- oder Gruppengespräche?

Kommunikation ist für Calles ein wesentlicher Punkt in seiner täglichen Arbeit. Seine Spieler schätzen, dass sie bei Calles immer wissen, woran sie sind: „Ich spreche in der Regel zur gesamten Gruppe, weil ich denke, dass Dinge, die einzelne Spieler betreffen, auch für die gesamte Mannschaft relevant sind. Wenn ich aber das Gefühl bekomme, dass ein Spieler eher ein Vier-Augen-Gespräch benötigt oder ich eine gewisse Botschaft für denjenigen habe, um das Beste aus ihm herauszukitzeln, halte ich natürlich auch Einzelgespräche ab.

Pedro Calles und der Einsatz von Statistiken

Trainingseinheiten werden in der Spielvorbereitung bei Calles mit Videositzungen und Spieldaten ergänzt. „Wir nutzen natürlich auch Daten und Statistiken zur Unterstützung, aber nicht als Richtlinie. Es wäre ein Fehler, es nicht zu tun, aber es gab mal in den 90er-Jahren einen Trainer, der den schönen Satz gesagt hat: „Statistiken sind wie Frauen, die man gerade kennenlernt. Sie sind schön anzusehen, zeigen dir aber nicht alles.“

Pedro Calles: Taktik versus Kreativität

Taktik spielt für den detailversessenen Spanier eine große Rolle. Er gibt ein klares Konzept vor, ohne seinen Spielern Kreativität zu verbieten. „Meine Philosophie ist, dass die Spieler auf dem Platz nicht zu viel denken, sondern instinktiv spielen sollen. Sonst verlangsamt das den Entscheidungsprozess. Basketball ist ein sehr schneller Sport, in dem man in Bruchteilen einer Sekunde Entscheidungen treffen muss. Ich bin allerdings kein Freund davon, ein komplett systemfreies, offenes Spiel zu spielen. Es braucht eine gewisse Struktur.“

Pedro Calles: Vor dem Game-Day steigt die Spannung

Der Spieltag bricht an, die Anspannung steigt bei Calles. Die heiße Phase der Vorbereitung auf eine Partie beginnt in seinem Haus in der Fischbeker Heide. „In der Regel schlafe ich ziemlich gut vor den Spielen. Mein Körper, vor allem mein Magen, reagiert erst am Morgen auf die ansteigende Anspannung. Ich kann zum Beispiel keine Mittagsruhe einlegen, weil ich schon so viel Adrenalin im Körper habe. Mein Körper und Geist verändern sich an einem Spieltag einfach. Vor unserem Anschwitzen bei Heimspielen gehe ich länger mit meinem Hund durch die Fischbeker Heide spazieren als sonst. Nach dem Mittagessen nehme ich mir dann ein Buch, um noch ein wenig herunterzukommen und nicht zu sehr an Basketball zu denken."

Und weiter: „Ich will nicht, dass mir unmittelbar vor einem Spiel noch irgendeine Idee kommt, die womöglich unsere Planungen über den Haufen wirft. Ich verbringe schon Zeit mit meiner Frau an Spieltagen, aber sie lässt mir mehr Freiraum. Bevor ich zur Halle fahre, schauen wir, dass es den Kindern gut geht. Das gibt mir einen extra Push. Am Spieltag selbst mache ich mir keine Notizen. Unter der Woche schreibe ich mir Dinge auf. Mal auf ein Blatt Papier, oder wenn mir beim Spaziergang mit dem Hund im Wald etwas einfällt, dann in mein Handy. Abergläubisch bin ich nicht. Was zu meiner täglichen Routine gehört, ist das Beten. Zudem rufe ich von der Halle aus meine Frau immer noch einmal an, um zu fragen ob alles in Ordnung ist. Dann wünscht sie mir Glück für das Spiel. Und dann kann es losgehen.“

Pedro Calles 120 Minuten vor dem Tipp-Off

Zwei Stunden vor dem Tipp-Off kommt der Towers-Coach in die Halle, sitzt in Trainingsklamotten im Trainerbüro im ersten Stock der edel-optics.de Arena und zieht erst später seinen Anzug an. „Wenn wir am frühen Abend spielen, bleibe ich den gesamten Tag im Büro, weil ich nicht Gefahr laufen möchte, im Stau zu stehen. Ich würde mich als sehr offenen Trainer beschreiben, für den die Meinung seiner Assistenztrainer wichtig ist. Ich kann nicht verhehlen, dass ich ein junger Trainer bin, der noch nicht so viel Erfahrung hat. Also höre ich natürlich auch auf meine Kollegen Miguel Zapata und Benka Barloschky."

Calles ergänzt: „Ich habe ihnen vom ersten Tag an gesagt, dass ich ihnen zuhöre, aber wir vielleicht nicht auf denselben Nenner kommen bei gewissen Themen. Das ist aber auch okay. 45 Minuten vor dem Spiel spreche ich in der Kabine das letzte Mal zur Mannschaft. Da geht es gar nicht so sehr um taktische Dinge, sondern ich rufe bei den Spielern noch mal ins Gedächtnis, was wir umsetzen wollen. Meine letzte Ansprache vor dem Spiel ist eher emotions- als faktenbasiert.“

Pedro Calles' Verhältnis zu den Profis

Die Kabine ist für Calles der Ort für die Spieler. „Das respektiere ich. Wenn ich nicht unbedingt reingehen muss, lasse ich den Jungs dort ihren Freiraum. Mir ist es wichtig, ein sehr enges Verhältnis zu meinen Jungs zu haben. Ich bin sieben Tage die Woche, 24 Stunden für die Spieler da, um ihnen zu helfen. Aber wenn sie Zeit für sich brauchen und nach Siegen zusammenkommen, um ihr 'Yes, Sir!' zu zelebrieren, habe ich in dem Spielerkreis nichts verloren. Ich würde mich nicht als Boss betiteln. Ich bin der Coach, der zur Gruppe der Leader gehört. Wir haben so unterschiedliche Führungsspieler. Wir haben emotionale Leader, strategische Leader oder die Anführer, die mit Leistung vorwegmarschieren. Lionel Messi ist nicht der emotionale Leader des FC Barcelona, aber jeder weiß, dass er der Typ ist, der mit Leistung anführt.“

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Pedro Calles im Game-Modus

Der erste Sprungball wird von den Schiedsrichtern geworfen. Calles schaltet in den „Game-Mode“. „Es gibt Spiele, die kann ich vom Tip-off bis zur Schlusssirene komplett genießen, wenn ich sehe, dass wir das Spiel kontrollieren und ich einfach ein gutes Gefühl habe. Es gibt aber auch Partien, die ich vom Tip-off bis zur Schlusssirene überhaupt nicht genießen kann, weil unser Plan nicht aufgeht, Plan B auch nicht funktioniert. Ich bin davon überzeugt, dass Basketball der Sport ist, in dem Trainer den größten Einfluss auf das Spiel haben. Wir können so oft auswechseln, wie wir wollen, wir haben fünf Auszeiten, viele Situationen, in denen das Spiel ruht."

Calles führt fort: „Mit den taktischen Vorgaben, die wir machen können, ist es schon so, dass wir Spiele in eine gewisse Richtung lenken können. Unsere Spielzüge haben gewisse Namen, aber das ist normal. Eine Sache, die einer meiner Spieler mir gesagt hat, ist, dass ich offenbar dazu tendiere, Anweisungen oder Kommentare zum Spiel auf Spanisch zu geben. Das irritiert manchmal den einen oder anderen meiner Jungs, weil eigentlich Englisch unsere Sprache auf der Bank ist.“

Pedro Calles: Emotionen vs. Verstand

Während des Spiels kommentiert Calles jeden Spielzug, pusht Spieler, diskutiert mit den Unparteiischen. „Ich bin ein sehr emotionaler Mensch, was Vor-und Nachteile hat. Mir ist es wichtig, dass meine Emotionen keinen negativen Einfluss auf meine eigentliche Arbeit haben. Sie können aber die Botschaft, die ich ans Team senden möchte, verstärken. Ich glaube nicht, dass ich an der Seitenlinie durchdrehe, und bisher hatte ich weder Probleme mit meinen Spielern noch mit den Schiedsrichtern. Manchmal werde ich verwarnt, aber wenn ich mich auf einem Video sehe, gibt es nichts, das ich bereue.“

Pedro Calles nach der Schlusssirene

Feierabend – die Arbeit ist für Calles getan. Fast. „Für mich ist einer der schönsten Momente, wenn ich in der Kabine jedem meiner Spieler die Hand schüttele, unabhängig davon, ob wir gewonnen oder verloren haben. Das sind nur wenige Sekunden, aber die mag ich sehr. Genauso wenn ich mich mit meinen Co-Trainern bespreche, bevor wir in unser Büro zurückgehen.“

Pedro Calles und die Pressekonferenz

Emotionale Analyse oder öffentlich Zufriedenheit ausstrahlen? Nicht mit Pedro Calles: „Ich zeige ungern, was in mir emotional vorgeht. Das hat nichts mit Selbstschutz zu tun, sondern viel mehr mit der Botschaft, die ich aussenden möchte. Ich will, dass meine Spieler wissen, was noch vor uns liegt. Selbstzufriedenheit ist der erste Schritt zum Versagen. Deshalb will ich nicht zu viel Zufriedenheit ausstrahlen.“

Pedro Calles und die Heimfahrt

Im Auto lässt Calles auf der 30-minütigen Fahrt von Wilhelmsburg in die Fischbeker Heide seinen Gedanken freien Lauf. „Ich habe nach den Spielen noch so viel Adrenalin im Körper, dass es mir schwerfällt, zur Ruhe zu kommen. Ich habe viele Erinnerungen an Heimfahrten in dieser Saison. Ich drehe Gute-Laune-Musik laut auf, telefoniere mit engen Freunden in der Heimat. Wenn man aber nach Partien heimfährt, die knapp verloren gehen, geht mir vor allem eine Sache durch den Kopf: 'Was hätte ich besser machen sollen, können, müssen?'"

Und weiter: "Wenn ich zu Hause angekommen bin, brauche ich bestimmt zwei Stunden, um so langsam herunterzukommen und an Schlaf zu denken. In der Regel sind meine Kinder im Bett, aber meine Frau wartet auf mich. Das sind Momente, die ich immer wieder genieße, noch mehr natürlich nach einem Sieg. Auf jeden Fall muss ich mir das Spiel noch einmal auf Video anschauen. Manche Trainer wollen ein wenig Abstand zum Spiel haben – ich nicht. Mein Körper und Geist zwingen mich förmlich dazu, das Spiel noch mal zu sehen, es auf mich wirken zu lassen. Dabei mache ich mir keine Notizen. Das ist nicht der richtige Moment. Aber für die Nachbereitung mit dem Trainerteam und der Mannschaft habe ich dann schon ein Gefühl dafür, worauf wir uns für das nächste Spiel konzentrieren müssen.“ Die Vorbereitung beginnt von Neuem.