Hamburg Towers

Marvin Willougby: „Wir haben die richtigen Schlüsse gezogen“

Marvin Willoughby (42) ist geschäftsführender Gesellschafter der Hamburg Towers.

Marvin Willoughby (42) ist geschäftsführender Gesellschafter der Hamburg Towers.

Foto: Witters

Der Sportchef der Hamburg Towers spricht über seine Erwartungen an eine ganz spezielle Basketball-Bundesligasaison.

Hamburg.  Nach sechs überzeugenden Siegen in den Vorbereitungsspielen für die neue Saison der Basketball-Bundesliga, die für die Hamburg Towers am Sonntag (15 Uhr, MagentaSport) gegen Bamberg startet, verloren die Wilhelmsburger ihr finales Update beim Ligakonkurrenten Oldenburg 74:94. „Das war das Testspiel mit der größten Aussagekraft“, sagt Sportchef Marvin Willoughby (42), „wir haben gesehen, was passiert, wenn wir nicht von Anfang an mit hundertprozentiger Intensität im Spiel sind.“

Hamburger Abendblatt: Herr Willoughby, wie erleichtert sind Sie, dass die Towers doch noch ein Testspiel verloren haben?

Marvin Willoughby: Ich ärgere mich über jede Niederlage. Wenn Sie mit Ihrer Frage aber unterstellen, ob jetzt überbordende Erwartungen wieder auf den Boden der Realität gedimmt wurden, muss ich Sie enttäuschen. Intern haben wir diese Bodenhaftung nie verloren. Unser Ziel bleibt, auch wenn ich Sie damit langweile: Wir wollen uns in der Bundesliga etablieren, erst einmal den Klassenerhalt sicher schaffen und uns Schritt für Schritt entwickeln.

Wie weit sind Sie in diesem Prozess?

Willoughby: Grundsätzlich sind wir mit dem bisher Erreichten zufrieden. Wir haben einen Umbruch vollzogen, fast den kompletten Kader ausgetauscht, auch Teile des Trainerteams. Wir sind überzeugt, eine bessere Mannschaft als in der vergangenen Spielzeit zu haben, auch wenn in der Vorbereitung Verletzungsprobleme das Teambuilding erschwerten. Es gab bisher kein einziges Training, an dem alle Spieler teilnehmen konnten. Das soll keine Ausrede sein, nur eine Beschreibung der Umstände.

Haben Sie zu viele verletzungsanfällige Spieler verpflichtet, weil sie andere nicht bekommen konnten?

Willoughby: Ein ganz klares Nein. Am Sonntag gegen Bamberg sollten bis auf Bryce Taylor alle einsatzfähig sein. Bei Taylor sind wir nach seiner Achillessehnenverletzung bewusst ins Risiko gegangen. Wir wussten, dass wir ihm Zeit geben müssen. Bryce hat auf europäischem Topniveau gespielt, und wir haben weiter die Hoffnung, dass er dieses Level wieder erreichen kann, wenn er fit ist. Das scheint jetzt absehbar.

Experten sagen, von den 18 Bundesligateams hätten sich die Towers am besten verstärkt. Für viele Spieler, mutmaßen wir, dürfte der Club als Tabellenletzter der abgebrochenen vergangenen Saison indes nicht die erste Adresse gewesen sein. Alles eine Frage des Geldes also?

Willoughby: Falsch! Wir sind ein inzwischen respektierter Standort in der Bundesliga, haben hier eine hervorragende Infrastruktur, ein Publikum, das hinter dem Team steht, selbst wenn es noch kein Heimspiel gewonnen hat. Wir haben die Spieler in der Corona-Krise fair behandelt, waren in allem, was wir taten, transparent. Und wir haben mit Pedro Calles einen erstklassigen Trainer geholt, der bewiesen hat, dass er Spieler auf ein Niveau bringen kann, mit dem sie für europäische Spitzenclubs interessant werden. Wir müssen uns nicht verstecken. Wir sind ein attraktiver Club und für niemanden eine Notlösung. Hinzu kommt: Die Bundesliga gehört zu den besten Spielklassen Europas, wirft in modernen Arenen, und die Gehälter werden verlässlich gezahlt.

Das garantieren Sie auch für diese schwierige Saison?

Willoughby: Selbstverständlich! Wir stehen als Club in der Verantwortung gegenüber allen unseren Angestellten.

Gibt es coronabedingte Gehaltsabschläge?

Willoughby: Über Vertragsinhalte reden wir nicht.

Die Bundesregierung und Hamburg haben finanzielle Hilfen für den Spielbetrieb, Entschädigungen für Einnahmeausfälle in Aussicht gestellt. Sind Sie mit den angekündigten Maßnahmen zufrieden?

Willoughby: Bisher haben wir aus diesen Töpfen keinen Cent gesehen, ich gehe aber davon aus, dass da Geld kommen wird. Diese Hilfen dürfen jedoch nicht am 31. Dezember enden, die Unterstützung muss bis zum Saisonende im Mai/Juni 2021 fortgeschrieben werden, sonst könnten nicht nur wir erhebliche Probleme bekommen. Im Augenblick sind wir sehr dankbar dafür, dass Sponsoren und Fans weiter uneingeschränkt zu uns stehen.

Es kamen zuletzt wieder Vorschläge aus der Liga auf, den Saisonstart zu verschieben, bis wieder Zuschauer zugelassen werden.

Willoughby: Wir wollen, dass es endlich losgeht. Niemand garantiert uns, dass sich die Infektionslage in vier oder sechs Wochen entspannter darstellt. Auch wenn es schmerzlich bleibt, vor leeren Rängen anzutreten, und ich davon überzeugt bin, dass die edel-optics.de Arena in Wilhelmsburg dank unseren umfänglichen Hygienekonzepten ein sicherer Ort ist, geht es in diesem Fall um mehr als um Partikularinteressen. Ich möchte jetzt kein Politiker sein, der entscheiden muss, was richtig, was falsch ist. Wir wissen nicht, welche Maßnahmen am effektivsten sind, können deshalb nur an alle appellieren, sich auf einen Grundkonsens zu verständigen, in der Öffentlichkeit Abstand zu halten und Masken zu tragen.

In fast allen Basketball-Bundesligateams gab es bereits Corona-Fälle, bei den Towers jedoch nicht. Was machen Sie anders?

Willoughby: Wer sich im öffentlichen Raum bewegt, kann nicht ausschließen, dass er sich infiziert. Das ist bei unseren Spielern nicht anderes. Insofern haben wir bisher Glück gehabt. Andererseits versuchen wir aus jedem Corona-Fall zu lernen und die entsprechenden Schlüsse zu ziehen. In der Kabine und im Bus tragen alle Masken. Das ist ligaweit Standard. Darüber hinaus geben uns Spieler, Trainer und Betreuer täglich ihre Kontakte der vergangenen 24 Stunden an. Damit wollen wir erreichen, dass nach einem positiven Test nicht die gesamte Mannschaft in Quarantäne muss, sondern nur der Infizierte und seine Kontaktpersonen ersten Grades. Wie auch in Restaurants vernichten wir diese Informationen nach vier Wochen. Wir wollen niemanden überwachen, aber wenn Spiele ständig verschoben werden müssten, vermittelt die Liga ein schlechtes Bild.

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Die Lüneburger Volleyballer haben bei ihrem ersten Auswärtsspiel in Frankfurt auf eine Übernachtung verzichtet, reisten morgens an und fuhren nachts nach dem Spiel zurück. Droht das auch den Towers?

Willoughby: Das wollen wir auf jeden Fall vermeiden, das ist leistungsfeindlich. Wir haben aber bei unserer Saisonplanung erhebliche Probleme, überall geeignete Hotels zu finden. Einige sind geschlossen, andere nicht erreichbar. Diese Saison wird schon sehr speziell.

Wieder 18 Teams:

  • Die Basketball-Bundesliga wirft in dieser Saison wieder mit 18 Teams. Die Towers durften als Tabellenletzter (17.) in der Klasse bleiben, weil der Abstieg beim Abbruch der Punktrunde ausgesetzt wurde. Einziger Aufsteiger sind die Niners Chemnitz. Zwei Mannschaften sollen absteigen, die ersten acht erreichen die Play-offs um die deutsche Meisterschaft. MagentaSport überträgt alle Spiele im kostenpflichtigen Livestream.

Welches Team wird den Widrigkeiten am besten trotzen?

Willoughby: Das am wenigsten Corona-Ausfälle hat. In dieser Saison entscheiden nicht nur Talent, Motivation und Wille über Erfolg und Misserfolg, auch viele nicht beeinflussbare Umstände.

Freuen Sie sich dennoch, dass die Saison jetzt beginnt?

Willoughby: Ja! Wir wollen wieder Basketball spielen und zeigen, dass wir aus der vergangenen Saison die richtigen Lehren gezogen haben. Und ich freue mich schon auf unseren ersten Heimsieg ...

Bogdan Radosavljevic (27), der in der vergangenen Saison auch für die Towers spielte, hat beim Ligakonkurrenten Merlins Crailsheim einen Einjahresvertrag unterschrieben. Für den Center ist es bereits die achte Station in der BBL.

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