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Hamburg Towers trennen sich von Aufstiegstrainer Mike Taylor

Lesedauer: 5 Minuten
Alexander Berthold und Rainer Grünberg
Trainer Mike Taylor ist seit 2018 eines der Gesichter der Hamburg Towers. Nun ist die Trennung vom US-Amerikaner beschlossene Sache.

Trainer Mike Taylor ist seit 2018 eines der Gesichter der Hamburg Towers. Nun ist die Trennung vom US-Amerikaner beschlossene Sache.

Foto: Witters

Wilhelmsburger Basketballclub verlängert Vertrag des US-Coachs nicht. Kommt jetzt ein alter Bekannter von Sportchef Willoughby?

Hamburg. So ganz ohne Basketball geht es bei Mike Taylor einfach nicht. In der knapp bemessenen Zeit, in der sich der Trainer der Hamburg Towers nicht mit Ehefrau Alice und den Söhnen Luke und Nick beschäftigt, plant der 47-Jährige ein Trainingscamp mit der polnischen Nationalmannschaft, die er neben dem Wilhelmsburger Bundesligaclub als Headcoach betreut. "In Polen sind wegen Corona die Hallen noch geschlossen, nicht einmal Kleingruppentraining ist erlaubt. Wir hoffen, bald eine Sondergenehmigung zu erhalten", sagt Taylor, der vorhat, Ende Juni, spätestens Anfang Juli seine Nationalspieler in Polen zu sehen.

Wenn der Publikumsliebling der Towers dann vor seine Auswahl tritt, wird er sein Amt in Hamburg nicht mehr innehaben. Wie das Abendblatt erfuhr, wird der zum 30. Juni auslaufende Zweijahresvertrag des US-Amerikaners nicht verlängert. Das wurde dem Coach jetzt am Wochenende mitgeteilt. In den vergangenen Tagen wurden die Gerüchte in der Basketballszene immer lauter, dass die Trainerentscheidung längst gefallen sei.

Auf Abendblatt-Nachfrage mochte Taylor seinen bevorstehenden Abgang jedoch nicht kommentieren. Auch die Geschäftsführung um die Gesellschafter Marvin Willoughby und Jan Fischer wollte sich zum Taylor-Aus nicht äußern. Spätestens nächste Woche soll der Beschluss aber verkündet werden.

Taylor gelang mit Towers kein einziger Heimsieg

Das Aus des charismatischen Coaches hat viele Gründe. Erste Zweifel kamen bereits vor der Bundesligasaison auf. Der Aufstieg Ende April 2019 in Chemnitz wurde mit der auf dem Papier wohl am besten besetzten Mannschaft der 2. Bundesliga ProA keinesfalls souverän geschafft. Nach der Hauptrunde standen die Towers damals lediglich auf Rang vier, mühten sich anschließend in den Play-offs mit einem allerdings außergewöhnlichen Kraft- und Willensakt recht glücklich in die Basketball-Bundesliga (BBL).

Die Premierensaison verlief dann für Spieler und Verein enttäuschend. Nach drei Siegen in 20 Spielen – alle auswärts – standen die Towers auf dem letzten Tabellenplatz, mussten nur deshalb nicht absteigen, weil die BBL nach Abbruch der Punktrunde Ende April allen Teams die Klassenzugehörigkeit für ein weiteres Jahr zugestand.

Ärger um Taylors Polen-Engagement

Neben dem schwachen Abschneiden in der Liga gab es auch außerhalb des Courts Reibungspunkte. So wollte der Towers-Trainer unbedingt mit Mentaltrainer Hinnerk Smolka (37) weiterarbeiten, Willoughby lehnte dies ab. Auch die vertraglich akzeptierte Doppelbelastung – Towers und polnische Nationalmannschaft – missfiel den Verantwortlichen zuletzt immer mehr.

In der Saisonanalyse kam Sportchef Willoughby letztlich zu der Erkenntnis, dass Taylor nicht mehr der richtige Trainer sei, um die ambitionierten Towers weiterzuentwickeln.

Kommt jetzt Willoughby-Freund Wucherer?

Die Nachfolgersuche läuft bereits auf Hochtouren. Nach Abendblatt-Informationen hält sich neben Thorsten Leibenath, aktuell Sportchef bei ratiopharm Ulm, hartnäckig der Name Denis Wucherer. Der ehemalige Nationalspieler ist derzeit Headcoach des Ligakonkurrenten s. Oliver Würzburg.

Bereits vor sechs Jahren stand der 47-Jährige, der ein freundschaftliches Verhältnis zu Willoughby pflegt, vor einem Engagement in Hamburg. Zwar besitzt Wucherer bei den Franken einen gut dotierten Vertrag bis Mitte 2022, allerdings will Würzburg für die neue Saison den Etat kürzen.

Towers würden auch ohne Zuschauer überstehen

In dieser Woche müssen die 19 potenziellen BBL-Clubs der Liga zwei Konzepte vorlegen, wie ihre wirtschaftlichen Planungen für die nächste Saison aussehen – ohne und mit Zuschauern. "Auch wenn wir es unbedingt vermeiden wollen, könnten wir wohl eine gesamte Saison auch ohne Zuschauer, damit auch ohne Eintrittsgelder überstehen. Das ist zwar eine riesige Herausforderung, aber mithilfe unserer Partner bin ich überzeugt davon, dass wir das schaffen", sagt Geschäftsführer Fischer.

Trotz der Krise sind die Towers finanziell solide aufgestellt, als einer der wenigen Erstligaclubs. Der Towers-Etat, der ursprünglich bei 4,5 Millionen Euro liegen sollte, etwas weniger als in der vergangenen Spielzeit, reduzierte sich wahrscheinlich ohne Zuschauereinnahmen um rund 35 Prozent. Mit seinen Sponsoren verhandelt der Verein momentan über mögliche Kompensationsleistungen, falls die Wahrnehmung der Unternehmen vor Ort wegfiele.

Towers prüfen Spiele mit weniger Fans

Einsparungen beim Personal auf der Geschäftsstelle oder in der erfolgreichen Jugendarbeit soll es auf keinen Fall geben. "Wir werden keinen Jugendtrainer entlassen", sagt Fischer. Auch die Planungen des "Elbdomes", einer neuen, bis zu 9000 Zuschauer fassenden Arena, die auf der Agenda des Towers-Hauptgesellschafters Tomislav Karajica ganz oben stehen, laufen weiter.

Die Towers bereiten sich zudem auf ein Szenario vor, in ihrer edel-optics.de Arena, die 3400 Fans zulässt, Spiele mit reduzierter Kapazität durchzuführen. "Stand heute müssen Zuschauer in Sporthallen zwei Meter Abstand voneinander halten. Unter dieser Vorgabe würden wir 500 bis 600 Plätze anbieten können", sagt Fischer.

In der Barclaycard Arena im Volkspark, Fassungsvermögen: bis zu 13.000 Besucher, wäre die Kapazität fünfmal so hoch. Über einen möglichen Umzug haben die Towers auch wegen der dort weit höheren Kosten aber noch nicht ernsthaft nachgedacht.