Hamburg Towers

Schaffartzik: „Die Chemie in der Mannschaft stimmt jetzt“

Heiko Schaffartzik (36) erzielte in 14 Spielen für die Hamburg Towers 169 Punkte, verwandelte 36 von 39 Freiwürfen und jeden dritten Dreipunktewurf.

Heiko Schaffartzik (36) erzielte in 14 Spielen für die Hamburg Towers 169 Punkte, verwandelte 36 von 39 Freiwürfen und jeden dritten Dreipunktewurf.

Foto: Witters

Heiko Schaffartzik, Basketballprofi der Hamburg Towers, über spielerische Fortschritte, Heimschwäche und das Niveau der BBL.

Hamburg. Heiko Schaffartzik hat im Lokal „Vollmundig“ an der Wilhelmsburger Veringstraße einen Ecktisch reserviert. Die Wirtin kennt den Profi der Hamburg Towers bereits, „ein netter Typ“. Er bestelle meist einen doppelten Espresso, manchmal dazu einen Cheesecake mit Erdbeersoße, erzählt sie. Diesmal sind es drei Spiegeleier mit Brötchen. „Ich achte nicht speziell auf meine Ernährung“, sagt der 36-Jährige, „mein Körper gibt mir das Signal, was er braucht, und das bestelle ich dann.“

Nicht ganz so entspannt sieht der ehemalige Basketball-Nationalspieler (115 Einsätze), der mit Alba Berlin und Bayern München deutscher Meister wurde, die Lage der Towers. „Wir haben einiges erreicht, aber noch einen weiten Weg vor uns bis zum Klassenerhalt“, sagt Schaffartzik im Gespräch mit dem Abendblatt.

Herr Schaffartzik, wo stehen die Towers nach 14 von 32 Bundesligaspielen in ihrem sportlichen Entwicklungsprozess?

Heiko Schaffartzik: Wir haben gut die Hälfte des Weges geschafft, haben uns in vielen Bereichen verbessert, haben das Bundesliganiveau inzwischen adaptiert, wie zuletzt das Spiel bei den heimstarken Oldenburgern (79:91, die Red.) bewiesen hat. Diese Begegnung hätten wir am Anfang der Saison noch mit 40 Punkten Differenz verloren, jetzt lagen wir fünf Minuten vor Schluss sogar mit einem Punkt in Führung. Der nächste Schritt wäre nun, dieses Momentum auch zu nutzen und zu gewinnen. Wie gesagt, rund 50 Prozent unseres Potenzials liegen noch brach.

Waren Sie überrascht, wie schwer sich die Mannschaft am Saisonanfang tat?

Schaffartzik: Das hatte ich in dieser Form nicht gedacht. Ich hatte ja zuletzt 2005/2006 in Nürnberg bei einem Bundesliga-Aufsteiger gespielt, hatte deshalb gar keine konkreten Vorstellungen, was mich hier erwartet.

Von Ihnen wurde sehr viel erwartet. Sie sollten das Spiel lenken, Körbe werfen, die des Gegners verhindern. Waren Sie anfangs mit der Fülle der Ihnen zugewiesenen Aufgaben überfordert?

Schaffartzik: Vieles war auf meine Person fokussiert, vielleicht zu viel. Wenn man als Spielmacher den Ball führt, gleichzeitig den Spielzug ansagen und darauf achten muss, wo die Mitspieler gerade hinlaufen, dann notfalls auch noch den Korb werfen soll, ist das schon eine sehr komplexe Anforderung – und das in einem Team, das sich noch nicht gefunden hatte. Das war nicht optimal. Mit Jorge Gutiérrez haben wir einen kreativen Spielmacher nachverpflichtet, der nicht nur mich entlastet, mir aber die Chance eröffnet, aus besseren Positionen Würfe zu nehmen.

Die Trefferquote des gesamten Teams ist zuletzt aus allen Distanzen besser geworden.

Schaffartzik: Weil der Ball jetzt im Angriff besser zirkuliert, sich niemand mehr gezwungen fühlt, aus irgendeiner suboptimalen Position zu werfen. Weil inzwischen jeder weiß, dass der Ball zu ihm zurückkommt, wenn er eine optimale Wurfposition findet. Das hat viel Hektik aus unserem Spiel genommen, alle sind ein Stück ruhiger geworden, was der Qualität der Würfe sichtlich zugutekommt.

Sie sagten neulich, vieles sei in der Mannschaft und im Umfeld besser geworden. Sie würden sich jetzt jeden Tag aufs Training freuen. Was ist passiert?

Schaffartzik: Mir macht es großen Spaß, Basketball zu spielen. Dieser Spaß drohte verloren zu gehen. Die Chemie im Team stimmte nicht. Jetzt stimmt sie.

Hat das auch mit Personalentscheidungen zu tun? Der Vertrag mit Marshawn Powell wurde Anfang Dezember aufgelöst.

Schaffartzik: Sie werden von mir keine Namen hören.

Was hat Trainer Mike Taylor in den vergangenen Wochen im Training geändert?

Schaffartzik: Er trainiert weniger (lacht).

Sportchef Marvin Willoughby beklagte noch im November die fehlende Hierarchie im Team. Existiert die jetzt?

Schaffartzik: Die gab es auch schon früher, zumindest habe ich das intern so wahrgenommen. Von außen betrachtet mag das einen anderen Eindruck hinterlassen haben.

Braucht eine Mannschaft überhaupt eine klare Hackordnung? Unternehmen setzen heute auf flache Hierarchien.

Schaffartzik: Im Mannschaftssport müssen Entscheidungen in Echtzeit getroffen werden, da erübrigt sich in diesem Moment jede Diskussion. In Unternehmen hat man dafür in der Regel von 9 bis 17 Uhr Zeit. Das heißt nicht, dass die Meinungen der anderen im Team nicht gefragt sind, dafür sind dann Mannschaftssitzungen da. Auf dem Spielfeld muss es aber klare Ansagen geben.

Warum fällt es der Mannschaft bisher leichter, auswärts zu gewinnen?

Schaffartzik: Auswärts herrscht weit weniger Ablenkung. Da gibt es keine Zeit, sich über andere Dinge als über Basketball den Kopf zu zerbrechen. Zu Hause kommen Freunde, die Familie zu den Spielen, man will die Fans nicht enttäuschen. Es ist psychologisch eine ganz andere, schwierigere Ausgangsposition. Aber wir nähern uns ja dem ersten Heimsieg. Gegen Rasta Vechta sind wir erstmals zu Hause mit einer Führung ins letzte Viertel gegangen.

In der nordamerikanischen Profiliga NBA geht der Trend zum Dreipunktewurf, in der Bundesliga auch?

Schaffartzik: Es geht in diese Richtung. Mathematisch gesehen ergibt es mehr Sinn, Dreipunktewürfe zu versuchen. Man muss nur 40 Prozent treffen, dagegen 60 Prozent aus der Nahdistanz, um auf dieselbe Punktzahl zu kommen. Zudem ist mancher Zweipunktewurf technisch viel anspruchsvoller als ein Dreier.

Die Entwicklung dürfte Sie als Dreierspezialist freuen.

Schaffartzik: Andererseits droht jetzt, dass ich von der gegnerischen Mannschaft besser verteidigt werde. Aber das eröffnet wiederum mir die Möglichkeit, meine Mitspieler in günstigere Positionen zu bringen.

Wo stehen die Hamburg Towers als Verein organisatorisch im Vergleich zu den Bundesliga-Spitzenteams Alba Berlin und FC Bayern München?

Schaffartzik: Ich kenne keine genauen Etatzahlen. Wenn ich aber höre, dass bei den Bayern 50 Leute auf der Geschäftsstelle arbeiten, bei den Towers nur viereinhalb, sind das schon andere Dimensionen.

Was sollten die nächsten Entwicklungsschritte der Towers sein?

Schaffartzik: Bei den Bayern zum Beispiel sind zwei Physiotherapeuten fest angestellt, die vor, während und nach dem Training den Spielern zur Verfügung stehen, die sofort eingreifen können, wenn etwas passiert. Bei vielen kleineren Blessuren hilft eine schnelle Erstversorgung immens. Die Towers haben derzeit niemanden, der regelmäßig beim Training vor Ort ist, auch wenn die medizinische Betreuung im Allgemeinen gut ist. Und im Gegensatz zu anderen Vereinen gibt es bei den Hamburg Towers keinen Sportdirektor. Vielleicht könnte man ja prüfen, ob das eventuell sinnvoll wäre.

Welche Fehler sollten in den nächsten Jahren tunlichst vermieden werden?

Schaffartzik: Sich frühzeitig an Alba Berlin oder den Bayern zu orientieren wäre fatal. Erst einmal muss der Klassenerhalt geschafft werden, dann darf man anfangen, über die nächsten Schritte nachzudenken.

Haben die Towers das Potenzial, sich mittelfristig in der Bundesliga zu etablieren?

Schaffartzik: Wenn in dieser Saison die Klasse gehalten wird, selbstverständlich ja! Das erste Jahr nach dem Aufstieg ist immer das schwerste, gerade für einen so jungen Verein wie die Towers. Im Falle des Abstiegs dann umgehend den Wiederaufstieg zu schaffen wäre eine ungeheure Kraftanstrengung, die viele Ressourcen bindet.

Würden Sie im Falle des Klassenerhalts Ihren Vertrag verlängern?

Schaffartzik: Dazu äußere ich mich, wenn es so weit ist.

2020 wollte die BBL die beste Liga Europas sein. Wo steht die Bundesliga heute im Vergleich zu den momentanen Topligen in Spanien, Italien oder der Türkei?

Schaffartzik: Das A und O für die Popularisierung einer Sportart bleibt ihre verlässliche Fernsehpräsenz, dass man beim Zappen auch mal zufällig bei einem Basketballspiel hängen bleiben kann. Magentasport als BBL-TV-Partner beweist hohe Kompetenz, die Übertragungen werden aber nur vom ohnehin basketballinteressierten Publikum genutzt. Um neue Zuschauer für unseren Sport zu interessieren, muss Basketball medial wesentlich breiter aufgestellt sein. Nur dann hat die BBL die Chance, die wirtschaftliche Lücke zu den Topligen zu schließen.

In welchen Bereichen ist die BBL schon top?

Schaffartzik: Die Hallen, deren Ausstattung sind erstklassig, die Zuschauerresonanz, die Stimmung vor Ort ebenso. Die Gehälter werden pünktlich bezahlt, das ist anderswo keine Selbstverständlichkeit. Die strukturellen Voraussetzungen stimmen in der BBL.

Sie haben sich nach einem Jahr Spielpause entschieden, Ihre Karriere fortzusetzen. Was waren die Gründe?

Schaffartzik: Es gab nur einen: Ich hatte immer noch großen Spaß am Basketball.

Wie schwer fiel Ihnen der Wiedereinstieg?

Schaffartzik: Ich habe nach meiner Knieverletzung (Innenbandanriss, die Red.), die erste etwas größere Verletzung in meiner Karriere, dieses eine Jahr Pause gebraucht – vom Kopf und vom Körper her. Ich habe sportlich in dieser Zeit wenig gemacht, aber ich hatte offenbar noch so viel Substanz, dass die Quälerei sich beim Wiedereinstieg in Grenzen hielt.

Sie haben als ältester Spieler der Towers fast immer die meiste Spielzeit, und das auf in Angriff und Abwehr sehr laufintensiven Positionen. Wie steuern Sie und Ihr Trainer Taylor Ihre Belastung und Regeneration?

Schaffartzik: Ich mache grundsätzlich das komplette Training mit. Wenn ich mal eine Auszeit brauche, darf ich sie mir nehmen.

Welche Pläne haben Sie für die Zeit nach Ihrer sportlichen Karriere?

Schaffartzik: Ich schreibe sehr gern, könnte mir vorstellen, als Schauspieler zu arbeiten oder in die Filmwelt einzusteigen.

Worüber schreiben Sie?

Schaffartzik: Das sind oft Fiktionen, Gedanken, die ich im Kopf habe, die ich versuche, in eine Realität zu übertragen. Das fasziniert mich. Daraus entsteht eine Story, eine Art Drehbuch.

Haben Sie Ihre Geschichten schon mal bei Verlagen vorgelegt?

Schaffartzik: Ich habe sie bisher nur Freunden zu lesen gegeben.

Und: Wie fanden die Ihre Geschichten?

Schaffartzik: Witzig.

Wie erleben Sie Hamburg?

Schaffartzik: Eine schöne Stadt. Die Topografie gefällt mir, die Architektur. Es gibt interessante Plätze zum Verweilen, gute Restaurants, eine breite Palette attraktiver Freizeitangebote.

Können Sie sich vorstellen, länger in Hamburg zu bleiben?

Schaffartzik: Ich kann mir vieles vorstellen, doch jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, darüber zu reden oder zu entscheiden.

Die nächsten Spiele der Hamburg Towers: Sonntag, 19. Januar, 15 Uhr, in Crailsheim; Sonnabend, 25. Januar, 20.30 Uhr, edel-optics.de Arena, gegen Würzburg. Für diese Begegnung gibt es nur noch Stehplätze. Sonnabend, 8. Februar, 20.30 Uhr, edel-optics.de Arena, gegen Ludwigsburg. Für dieses Spiel gibt es derzeit keine Karten mehr. Das Gästekontingent (300 Tickets) ist aber noch nicht ausgeschöpft. Für das Spiel gegen Meister FC Bayern München am 26. April in der Barclaycard Arena sind bereits 8500 von 13.000 möglichen Eintrittskarten verkauft worden.