Wie die Hamburg Towers jetzt ganz Hamburg verändern

Die Macher der Towers (v. l.): Sportchef Marvin Willoughby, der Vereinsvorsitzende Jan Fischer und Hauptgesellschafter Tomislav Karajica.

Die Macher der Towers (v. l.): Sportchef Marvin Willoughby, der Vereinsvorsitzende Jan Fischer und Hauptgesellschafter Tomislav Karajica.

Foto: Witters

Der Aufstieg der Towers ist nicht nur ein sportlicher Triumph. Er ist auch mit dem Erwachen ihrer Heimat Wilhelmsburg verbunden. Der lange Weg in die Bundesliga – und was der Verein nun plant.

Hamburg. Viel dringt nicht nach außen von diesen angeblich so feuchtfröhlichen Feierlichkeiten der Hamburg Towers in jener denkwürdigen Nacht zum 1. Mai dieses Jahres. Die Mannschaft demonstriert auch in den Stunden des Triumphes in den sozialen Medien Disziplin und Teamgeist, jene Tugenden, die schon Stunden zuvor in der mit 3000 Zuschauern überfüllten Chemnitzer Richard-Hartmann-Halle zum finalen 78:72-Erfolg im fünften und entscheidenden Aufstiegsspiel zur Basketballbundesliga führen. Offenbar gegen 4 Uhr morgens, das lassen die wenigen Posts und Tweets vermuten, endet die Sause im Hotel Best Western im benachbarten Niederwiesa, und bis auf den jungen Spielmacher Justus Hollatz (18), der zwischenzeitlich erschöpft in der Sauna liegt, haben alle die Nacht aufrecht überstanden.

„Wir haben heute ein kleines Stück Sportgeschichte erlebt“, jubelt Hamburgs Innen- und Sportsenator Andy Grote (SPD), der mit seinen Personenschützern die 500 Kilometer nach Chemnitz rast, um den Towers im bisher wichtigsten Spiel ihrer Clubgeschichte nicht nur politische, auch emotionale Unterstützung zukommen zu lassen. Grote streift sich wie viele an diesem historischen Abend nach der erlösenden Schlusssirene das schwarze T-Shirt mit der Aufschrift „You can’t guarentee an Aufstieg“ über, das an den legendären Satz des neuen Towers-Trainers Mike Taylor vor Beginn der damaligen Saison erinnert. „Das war der Anfang von etwas Großem“, sagt Grote später. „Die Towers haben eine Erfolgsgeschichte geschrieben, sich mit einer unglaublichen Leistung belohnt. Jeder kann jetzt sehen, welche Kraft im Hamburger Sport steckt. Basketball erhält nun vielleicht endlich die verdiente Aufmerksamkeit.“

Erstes Spiel gegen Bayern München

Am kommenden Montag (20.30 Uhr, live im Internet bei Magenta Sport) bekommt der Club sie ganz bestimmt. Die Towers treten im ersten Bundesligaspiel ihrer Geschichte beim deutschen Meister Bayern München an, der Übermannschaft der Liga. Deren Etat ist mit 25 Millionen Euro mehr als fünfmal so hoch wie der der Hamburger, aber selbst in ihrer mittelfristigen Ausrichtung wollen und können die Towers nicht an dieser Marke kratzen. „Ziel ist es aber schon, uns dauerhaft unter den ersten acht der Liga zu etablieren“, sagt Marvin Wil­loughby (41), Sportchef und geschäftsführender Gesellschafter des Wilhelmsburger Basketball-Clubs. „Wenn uns das in den nächsten Jahren gelingt, dürfen wir über weitere Schritte nachdenken.“

Erfolgsgeschichten lesen sich oft wie eine Abfolge zwangsläufiger Ereignisse, die Wirklichkeit sieht meist anders aus; auch bei den Towers. Die Cinderella-Story wäre vor fünf Jahren beinahe beendet gewesen, bevor sie überhaupt begonnen hat. Im Spätsommer 2014, vor dem ersten Tip-off zur 2. Basketball-Bundesliga ProA, klafft im 1,4-Millionen-Euro-Etat zwischen Ausgaben und erwarteten Einnahmen eine Lücke von 300.000 Euro. Wie sie gedeckt werden soll, bleibt lange Zeit unklar. Der Spielbetrieb ist in Gefahr, bis der spätere Hauptgesellschafter, der Hamburger Projektentwickler und Investor Tomislav Karajica (42), beschließt, nicht nur das Defizit auszugleichen, sondern auch mit seinen Firmen, unternehmerischem Know-how und als Sponsor in den Club einzusteigen.

Sportarten abseits des Fußballs brauchen in Deutschland fast immer private Impulse dieser Art. Auch Bayern Münchens Basketballerfolge wurden in den vergangenen Jahren erst möglich, weil Präsident Uli Hoeneß gefallen findet am Spiel, dessen Image und deren Vermarktungsmöglichkeiten. Schließlich, das mag auch sein Kalkül gewesen sein, leisten sich europäische Fußball-Spitzenclubs wie Real Madrid oder der FC Barcelona ebenfalls herausragende Basketball-Abteilungen.

„Heute können die Towers auch unabhängig von mir existieren“, sagt Karajica. Am 25. Januar dieses Jahres präsentiert der Verein mit dem börsennotierten Hamburger Waggonvermietungs- und Schienenlogistikunternehmen VTG stolz seinen ersten Hauptsponsor. Der Vertrag läuft bis Mitte 2022 und dürfte pro Spielzeit mit einer halben Million Euro dotiert sein. Bestätigt ist das nicht. Bei Zahlen sind die Towers weit zurückhaltender als bei ihren Korbwürfen.

Karajica spielt eine zentrale Rolle

Karajica spielt seit seinem Einstieg 2014 eine zentrale Rolle bei der Entwicklung der Towers, gründet – auch für seine zukünftigen Unternehmungen – die Vermarktungsgesellschaft More than Sports, erstellt die Businesspläne des Clubs, hilft beim Aufbau der wachsenden Strukturen. Zudem plant er seit zwei Jahren eine neue Spielstätte, eine Multifunktionsarena an den Elbbrücken für bis zu 9000 Zuschauer. Sie soll 150 Millionen Euro kosten. Derzeit werden von den Behörden fünf geeignete Standorte im Bezirk Mitte geprüft. „Hamburg braucht eine Halle dieser Größe für Basketball und Handball“, sagt Senator Grote. Sie wird wohl kommen.

Die edel-optics.de Arena im Inselpark, die den Namen eines Karajica-Unternehmens trägt, scheint mit 3400 Sitzplätzen perspektivisch zu klein für die wachsenden Ansprüche des Vereins und seines Umfelds. In der vergangenen Saison war die Halle bis auf die ersten zwei Heimspiele ausverkauft, online meist schon nach wenigen Minuten.

Für die anstehende Bundesligasaison wird der Dauerkartenverkauf bei 1200 Abonnenten gestoppt, die Tickets für die Hinrundenspiele bis Weihnachten sind bereits vergriffen. Das Rückspiel gegen Meister München im April 2020 soll deshalb in der Barclaycard Arena ausgetragen werden. „Es wäre schon interessant zu wissen, wie groß unser Zuschauerpotenzial ist“, sagt Willoughby. In den vergangenen fünf Jahren besuchten insgesamt rund 260.000 Zuschauer die bisherigen Zweitligaspiele.

Der lange Weg des Clubs in die Bundesliga beginnt im Jahre 2006 an einem Küchentisch. Willoughby und sein Freund Jan Fischer (38), ein diplomierter Soziologe und Regionalliga-Basketballer, suchen am heimischen Herd nach Synergien zwischen Leistungssport und Sozialarbeit. Willoughby, der 35-mal für Deutschland auflief, hat gerade seine Profikarriere wegen einer komplizierten Sprunggelenksverletzung beenden müssen. Beide gründen zusammen mit Freunden noch in jenem Jahr den Verein Sport ohne Grenze, bis heute die Keimzelle der Hamburg Towers.

Kinder und Jugendliche von der Straße zu holen, Perspektiven zu schaffen, einer Vision zu folgen, Basketball-Camps zu organisieren, sind die Leitgedanken, die diese Initiative auslösen. „Wir haben uns damals wie heute die Frage gestellt, wie wir Basketball nachhaltig nach vorne bringen und gleichzeitig Werte vermitteln können. Die Gründung der InselAkademie 2011 war dann der nächste Schritt“, sagt Fischer. Schon damals spukt ihnen die Idee einer Basketball-Bundesligamannschaft in den Köpfen herum. Die bis dato letzte, die BC Johanneum Tigers, ist 2001 abgestiegen und 2002 pleitegegangen; die von Fischer und Willoughby soll 2015 in die Erste Liga aufsteigen. Das zumindest sieht ihr Plan vor, den sie im Jahre 2011 aufschreiben und mit bunten Grafiken unterlegen. Für die Bundesliga wählen sie die Farbe Rot.

Willoughby ist heute das Gesicht der Bewegung, Sohn eines Nigerianers und einer Deutschen, in Wilhelmsburg geboren. Er spielt Fußball, Schach, Basketball in der Schulmannschaft oder allein auf der Straße, macht Kampfsport, besucht die Gesamtschule, die jetzt den Namen Nelson Mandela trägt, macht dort Abitur, studiert später Sport-Management, erhält 2015 für sein soziales Engagement den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland und 2017 den Ehrenpreis der Hamburger Sportgala. Als Kind versucht er nicht aufzufallen. Ist er unterwegs, hört er weg, wenn in der S-Bahn oder im Bus wieder mal rassistische Sprüche fallen. Die Worte hat er bis heute nicht vergessen, auch nicht deren ausländisch klingenden Akzent und die falsche Grammatik jener Sätze.

Ole von Beust empfahl den Standort Wilhelmsburg

Blühende Landschaften verspricht Bundeskanzler Helmut Kohl 1990 bei der Zusammenführung des Landes den Ostdeutschen. Für viele Wilhelmsburger klingen solche Aussagen wie Hohn. Ihr Stadtteil ist vom Rest Hamburgs abgehängt, die Wiedervereinigung scheint hier auf unabsehbare Zeit verschoben, der Fluss, der den Norden vom Süden kulturell und wirtschaftlich trennt, eine unüberwindbare Mauer in den Köpfen. Und wenn Willoughby einst den Sprung über die Elbe wagt, bekommt er zu hören: „Was, du kommst aus Wilhelmsburg? Ey, echt krass. Wie bist du da rausgekommen? Wo sind dein Messer, deine Pistole? Zeig mal deine Schusswunden!“ Oder: „Wieso kannst du überhaupt so gut Deutsch?“

Diese Erlebnisse prägen ihn. „Wir waren die Kanaken. Ich wurde ständig mit negativen Dingen konfrontiert. Das war für einen Heranwachsenden extrem frustrierend. Mein Traum war es, dass die Hamburger irgendwann mal sagen: Hey, du kommst aus Wilhelmsburg! Das ist doch der coole Ort, wo dieser megageile Basketballclub in der Bundesliga spielt!“ Der Traum wird am 30. April in Chemnitz wahr. Wilhelmsburg, ein weiterer Gewinner des Aufstiegs, wandelt sich in den vergangenen Jahren auch dank der Towers zu einem Stadtteil mit Zukunft. Was die Politik jahrzehntelang vergeblich versucht, gelingt den Basketballern: der Imagewechsel von abgehängt zu angesagt.

„Der Abend in Chemnitz war ex­trem“, erinnert sich Willoughby. „Alles, wofür wir über viele Jahre gearbeitet hatten, kulminierte zu diesem Moment. Ich hatte in der Halbzeit zum ersten Mal in meinem Leben Kreislaufprobleme, mir wurde auch wegen der schlechten Luft in der Halle leicht schwindelig, musste mir Wasser aus einer Trinkflasche ins Gesicht schütten. So viel Druck hatte ich noch nie gespürt, nicht mal, als ich in der Bundesliga oder der Nationalmannschaft spielte. Nach der Schlusssirene ist alles rausgeplatzt, wir haben uns gefreut wie Kinder, sind rumgehopst, haben rumgeschrien.“

Einer der ersten Gratulanten per WhatsApp ist Dirk Nowitzki, Superstar in der nordamerikanischen Basketball-Liga NBA, ein langjähriger Freund Willoughbys und mit seiner Dirk-Nowitzki-Stiftung auch Unterstützer der Wilhelmsburger Sozialprojekte. Die Towers haben allerdings verschiedene Väter. Ende des Jahres 2011 fassen der Münchner Marketingexperte Gunnar Klink (58) und der Hamburger Unternehmer Wolfgang Sahm (56), beide Zeit ihres Berufslebens mit Sport und Sportveranstaltungen in Kontakt, den Entschluss, in Hamburg eine Basketball-Bundesliga-Mannschaft aufzubauen. Sie soll Hamburg Towers heißen. „Eine trendige Sportart wie Basketball gehört in eine Sportstadt, die Hamburg ja sein will. Das war unsere Motivation“, sagt Sahm.

Klink holt den langjährigen Frankfurter Nationalspieler Pascal Roller (42), mit Nowitzki WM-Dritter 2002 und Vizeeuropameister 2005, als Berater ins Team. Mut macht ihnen Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Ole von Beust, Geschäftsfreund und juristischer Berater Sahms. „Basketball passt in diese Stadt“, sagt von Beust (CDU), öffnet sein politisches Netzwerk, vermittelt Gespräche mit dem damaligen Innen- und Sportsenator Michael Neumann (SPD) und Hans-Jörg Schmidt-Trenz, dem Hauptgeschäftsführer der Handelskammer.

Auch die Basketball-Bundesliga (BBL) steht hinter den Plänen und dem von Sahm und Klink vorgelegten Papier. Hamburg fehlt der Liga – und vor allem deren Sponsoren – in ihrem Portfolio. Seit Jahren versucht die BBL in Hamburg Unterstützer für das Projekt zu gewinnen, ist sogar bereit, dem neuen Team eine Wildcard zu geben oder einen norddeutschen Erstligaclub nach Hamburg zu verlegen. Einen Kandidaten gibt es 2013 bereits. BBL-Geschäftsführer Jan Pommer schwebt eine Liga mit Bayern München, Borussia Dortmund und dem HSV vor. Sahm und Roller werden beim damaligen HSV-Präsidenten Carl Jarchow vorstellig. Dem gefällt die Vorstellung, „doch wir haben momentan leider ganz andere Probleme“, sagt Jarchow.

Umbau der Blumenhalle kostet 14 Millionen Euro

Was Sahm, Klink und Roller vor allem fehlt, ist eine Trainings- und Spielstätte. In der Sporthalle Hamburg an der Winterhuder Krochmannstraße gibt es keine freien Termine, die Arena am Volkspark mit 13.000 Sitzplätzen ist für die Anfänge zu groß und zu teuer. Roland Krügel, Bürgermeister von Tornesch, scheint in diesem Moment einen Ausweg zu öffnen. Er bietet Trainingszeiten in der örtlichen Sporthalle an, ist gewillt, für die Basketballer eine neue zu bauen.

Die Wege Sahms, Klinks und Rollers sollen sich aber alsbald mit denen von Willoughby, Fischer und Jochen Franzke (39), damals Geschäftsführer der InselAkademie, kreuzen. Bereits von Beust empfiehlt nach Studium des Konzeptes Wilhelmsburg als Basketball-Standort, Senator Neumann und Thomas Beyer, Direktor des Sportamtes, führen schließlich die zwei Parteien im Frühjahr 2013 zusammen. Am 6. August 2013 wird die Hamburg Towers Basketball Betreibergesellschaft mbH ins Handelsregister eingetragen, Blatt 128511. Stammkapital: 60.000 Euro. Die ersten Gesellschafter sind Fischer, Franze Klink, Roller, Sahm und Willoughby.

Seit 2011 ist eine Basketball-Arena im Inselpark in Planung, als Nachnutzung der Blumenhalle der Internationalen Gartenschau (igs), die 2013 in Wilhelmsburg abgehalten wird. Das Nachnutzungskonzept erstellen Willoughby und Fischer Anfang 2011. Der Umbau der Blumenhalle kostet später 14 Millionen Euro. Bauherren sind die Wilhelmsburger Benno und Inge Behrens-Stiftung – sie zahlt sechs Million Euro – und die Internationale Bau-Ausstellung (IBA/4,5 Millionen). Die Stadt Hamburg steuert 3,5 Millionen bei. Für ihren Zuschuss fordert sie die Integration der Bundesliga-Rollstuhlbasketballer der BG Baskets im HSV in das Projekt, „und dass dort regelmäßig Jugend- und Sozialarbeit stattfindet“. Eigentümer der Sporthalle bleibt die Stiftung, Pächter und Betreiber wird die InselAkademie Sport- und Schulungszentrum Wilhelmsburg GmbH, deren Gesellschafter heute Fischer, Karajica und Willoughby sind.

„Diese Form der Nachnutzung der Blumenhalle ist ideal“, findet Senator Neumann. Er sieht in den Basketballern den „Schlussstein für die Entwicklung Wilhelmsburgs“, eines Stadtteils, der inzwischen bunt, dynamisch und lebenswert sei, dessen Ruf aber bislang nicht mit diesem Aufwärtstrend Schritt halte.

Auch als Breitensportverein haben die Towers große Pläne

„Wir wollen soziale Verantwortung und Leistungssport verbinden und zum Imagewandel Wilhelmsburgs beitragen. Und wir sind kein Club, der in den Stadtteil hineingepflanzt wird, wir haben einen soliden, über Jahre gewachsenen sportlichen Unterbau und mit den Piraten Hamburg zwei erfolgreiche Mannschaften in der Jugend- und Nachwuchsbundesliga“, sagt Willoughby damals, „jetzt fehlt uns nur eine Profimannschaft als Deckel.“ Es ist ebendiese mangelnde sportliche Perspektive, die Talente immer wieder aus Hamburg abwandern lässt. 2013 wechselt Willoughbys Lieblingsschüler Ismet Akpinar, der einst bei den Piraten wirbelte, vom heutigen Towers-Kooperationspartner SC Rist Wedel zum Bundesliga-Spitzenclub Alba Berlin. Inzwischen spielt Akpinar (24) bei Besiktas Istanbul, ist Stammkraft der deutschen Nationalmannschaft.

Der Traum von der Ersten Liga muss Anfang 2014 erst mal vertagt werden. Im September 2013 stimmen die Hamburger in einem Volksentscheid für den Rückkauf der Energienetze. Sahm, Klink und Roller glauben jedoch ausgerechnet in dieser Branche ihren Hauptsponsor für die Towers gefunden zu haben, der nach dem Bürgervotum aber das Interesse an einem öffentlichen Engagement verliert. Die wirtschaftliche Grundlage ist dem Projekt entzogen. Die 2. Bundesliga soll es nun sein, und wird es auch zur Saison 2014/15. Für 75.000 Euro erhalten die Towers eine Wildcard für den sportlichen Unterbau der BBL.

Die Mannschaft muss mit vier Auswärtsspielen in Folge in die Saison starten, von denen sie drei gewinnt, erst am 19. Oktober 2014 folgt die siegreiche Heimpremiere gegen Bayer Leverkusen (74:64) in der zu diesem Zeitpunkt nicht fertigen Inselparkhalle. 2000 Zuschauer kommen zur Premiere, mehr werden von der Feuerwehr aus Sicherheitsgründen nicht zugelassen. Erst Ende November wird die Arena offiziell ihrer sportlichen Bestimmung übergeben, im April 2015 ist die Kapazität auf 3400 Besucher erhöht.

Immer wieder Diskussionen über die künftige Strategie

Unter Trainer Hamed Attarbashi – er wird Mitte Februar 2018 nach einer langen Niederlagenserie beurlaubt – werfen sich die Towers gleich in ihrer ersten Saison als Tabellenachter überraschend in die Play-offs um den Bundesliga-Aufstieg, scheitern aber erwartungsgemäß in der ersten K.-o.-Runde am Vorrundensieger Würzburg.

Schon vor dem Start in die erste Spielzeit gibt es unter den sechs Gründungsgesellschaftern vom August 2013 immer wieder Diskussionen über die künftige Strategie und den Grad der Professionalität. Dem ehemaligen Profi Roller ist die sportliche Ausrichtung nicht ambitioniert genug und nach außen zu defensiv kommuniziert, Willoughby will die Sozialarbeit nicht vernachlässigt sehen, plädiert für moderates Wachstum.

„Wir wollten Club von oben nach unten aufbauen, Marvin ihn von unten nach oben“, sagt Sahm. Die Folge der Differenzen: Sahm und Klink scheiden im Sommer 2014 noch vor dem Saisonstart als Gesellschafter aus, Roller ein Jahr später. Alle drei verkaufen ihre Gesellschaftsanteile, jeweils 10.000 Euro, an Karajica. „Wir waren beruflich voll ausgelastet, wollten Marvins und Jans Ideen auch nicht im Wege stehen. Heute sehen wir mit Hochachtung und großer Freude, wie die beiden zusammen mit Tomislav Karajica unsere gemeinsamen Pläne erfolgreich weiterentwickelt haben“, sagt Sahm. Er pflegt weiter den Kontakt zu den Towers, die beiden anderen Gründungsmitglieder nicht.

Die Towers, das mag eines der Missverständnisse gewesen sein, verstehen sich nie als reiner Proficlub. „More than Basketball“ („mehr als Basketball“) lautet das Motto seit den Anfängen im Jahr 2014, das Fischer, Willoughby und Hauptgesellschafter Karajica konsequent umzusetzen versuchen. Die zen­trale Rolle spielt dabei der im Frühjahr 2016 gegründete Breitensportverein Hamburg Towers e. V., der bereits mehr als 420 Mitglieder zählt, „aktiver Partner der Stadtteilentwicklung in Wilhelmsburg und den angrenzenden Stadtteilen“ werden soll. So steht es im 25-seitigen Masterplan, den der ehemalige Sportamtsdirektor Beyer 2018 für die Towers schreibt. „Wir wollen der erste Topsportverein auf der Elbinsel werden“, sagt Aufsichtsratschef Beyer.

Neues Herzstück der Towers

Topsportvereine – in Hamburg gibt es 27 – haben in der Regel mehr als 2500 Mitglieder. Die Towers streben in den nächsten Jahren die doppelte Zahl an. „Wir wollen auch als Breitensportverein in der Ersten Liga spielen“, sagt Fischer, der mit Oliver Eckhardt (37) den Vorstand des e. V. bildet. Ein Geschäftsstellenleiter soll demnächst eingestellt werden, möglichst eine Frau. „Frauen sind bisher bei den Towers in der Führung unterrepräsentiert, das wollen wir ändern“, sagt Beyer.

Das Potenzial sehen die Towers in den bis ins Jahr 2025 erwarteten 15.000 Neubürgern in Wilhelmsburg, für die gerade in sieben Quartieren rund 6000 Wohnungen gebaut werden, und stärkerer Rekrutierung der 60.000 Alt-Wilhelmsburger, von denen derzeit nur acht Prozent Mitglied eines Sportvereins sind. Der Bundesschnitt beträgt 30 Prozent. Der SV Wilhelmsburg von 1888 ist mit 1600 Clubangehörigen aktuell der größte Verein auf der Elbinsel, drei weitere Clubs haben um die 500 Mitglieder.

Herzstück der Towers soll das Quartierssporthaus an der Dratelnstraße im Wilhelmsburger Rathausviertel werden. Karajica, zugleich geschäftsführender Gesellschafter des Projektentwicklers Imvest, verhandelt mit der Stadt über das geeignete Grundstück. Eine Einigung zeichnet sich für die nächsten Wochen ab. Im neuen Sportzentrum sind eine inklusionsgerechte Dreifeldhalle, ein Fitnessstudio, drei Gym-Flächen für Tanzen, Ballett, Kampf-, Reha- und Gesundheitssport geplant, dazu bespielbare Dachflächen, Räume für Kinderbetreuung, Seminare und Schulungen.

Die bisher kalkulierten Kosten: 18,39 Millionen Euro. Der Bund zahlt bereits bewilligte 4,5 Millionen Euro dazu, die Stadt wohl 5,5 Millionen. Laufen alle Genehmigungsverfahren halbwegs reibungslos, dürfte Ende nächsten Jahres mit dem Bau begonnen werden. Karajica will anschließend Vereinsgebäude und Grundstück als Vermögenswerte in eine Towers-Stiftung überführen.

Dazu könnten auf dem etwa 13.000 Quadratmeter großen Gelände Flächen für ein Hostel, eine Beratungsstelle des Bezirks Hamburg-Mitte und für Gewerbe vorgehalten werden.

Wöchentlich rund 50 Kurse an Hamburger Schulen

„Wir forcieren den Aufbau eines Großsportvereins, den ein wachsender und sich wandelnder Stadtteil wie Wilhelmsburg dringend braucht. Jugend-, Schul-, Sozial- und Stadtteilarbeit sind die Wurzeln und bleiben Werte der Towers. Wir versuchen einen Verein aufzubauen, der in sich und unabhängig von den Basketballprofis funktioniert, und das über Jahrzehnte“, sagt Karajica.

Die Anfänge sind gemacht. 18 Basketballmannschaften, davon 13 Jugendteams, nehmen in der neuen Saison am Hamburger Spielbetrieb teil, die erste Herren ist inzwischen in die Bezirksliga aufgestiegen, die viertklassige Regionalliga ist das Ziel. Özhan Gürel, ehemaliger Co-Trainer der Profimannschaft, organisiert die Abteilung. Die Towers-Basketball-Akademie führt wöchentlich rund 50 Kurse an Hamburger Schulen durch, begleitet die Zusammenarbeit mit acht Wilhelmsburger Schulen vor allem in der Ganztagsbetreuung am Nachmittag. Nächstes Projekt ist eine Grundschul-
Liga mit der NBA als Partner. Die Amerikaner stellen Trikots und Bälle, jede Schulmannschaft soll in den Farben eines der 30 NBA-Teams auflaufen.

31 Trainer beschäftigt der e. V. in den derzeit vier Sparten Basketball, Cheerdance, Triathlon und Kampfsport, Stand-up-Paddling und Rudern kommen demnächst dazu. Die Cheerleader wurden im Frühjahr Siebte der Weltmeisterschaften in Orlando (USA), der e. V. hat zuletzt Mitgliedschaften im Triathlon- und Fußballverband sowie dem Verband für Turnen und Freizeit beantragt. „Die Fußballer wollen nur in der Freizeitliga kicken“, sagt Fischer. Neu ist ein Projekt mit dem Norddeutschen Regatta Verein, der Kindern und Jugendlichen der Towers auf der Außenalster Segelkurse anbietet. „In Wilhelmsburg leben mehr als 50 Ethnien und Kulturen. Golf und Tennis sind hier weniger gefragt, Kampfsport umso mehr“, sagt Beyer. Kick­boxen und Kung Fu sollen neben Fitness weitere Schwerpunktsportarten werden.

Mit den anderen Clubs in Wilhelmsburg haben die Towers früh das Gespräch gesucht, ihre Pläne kommuniziert. „Alle ortsansässigen Vereine werden von unseren Aktivitäten profitieren, mittelfristig ebenfalls größeren Mitgliederzuwachs haben“, sagt Fischer.

Die Konkurrenz bleibt vorerst skeptisch. „Wir freuen uns sehr, dass der Sport in Wilhelmsburg derzeit so viel Aufmerksamkeit erhält“, sagt Philip Wendt, Geschäftsführer des SV Wilhelmsburg. „Wir hoffen jetzt nur, dass auch die kleineren Sportvereine auf der Elbinsel den momentanen Hype um die Towers nutzen können.“