WM-Kolumne von Felix Magath

Höwedes bleibt ein Schwachpunkt des deutschen Spiels

| Lesedauer: 3 Minuten
Felix Magath

Gegen die USA hätte Löw die Chance gehabt, andere Formationen zu testen. Doch der Bundestrainer setzt auf Kontinuität. Höwedes fehlen die Impulse nach vorne, was das deutsche Spiel ausrechenbar macht.

Die Frage der Bewertung eines Spiels ist immer auch eine Frage der Erwartungen. Wer sich auf ein rauschendes Fußballfest zwischen Deutschland und den USA gefreut haben sollte, der wird am Ende enttäuscht gewesen sein. Die deutsche Mannschaft hat einen technisch und spielerisch limitierten Gegner 90 Minuten kontrolliert und diesen erst am Schluss nach einigen verzeihlichen Nachlässigkeiten noch zu Torchancen kommen lassen. Weil der angestrebte Gruppensieg in dieser Begegnung nie ernsthaft gefährdet war, musste unsere Elf zu keinem Zeitpunkt ein hohes Risiko eingehen. Deshalb waren die Amerikaner in der Lage, unsere meist durchschaubaren Angriffsbemühungen gut zu verteidigen.

Offensiver Druck entstand erst in der zweiten Halbzeit nach der Einwechslung von Miroslav Klose. Der ist eben ein echter Neuner, der seine Position vorne hält, damit die gegnerische Deckung fordert und so Räume für seine Mitspieler schafft. Thomas Müllers Siegtor fiel auf diese Weise. Dass ich ein erklärter Fan Müllers bin, muss ich nicht noch mal betonen. Er mag mit seinen Ballkünsten nicht im Varieté auftreten können, doch er beherrscht alles, was ein Stürmer an Schussfertigkeiten braucht. Kein Schnörkel zu viel, er ist einfach effektiv. Das gefällt mir.

Dass Löw auch im letzten Vorrundenspiel vier Innenverteidigern in der Abwehrkette vertraute, lässt seine Strategie in diesem Turnier erahnen. Er setzt auf Kontinuität, darauf, dass sich diese Elf einspielt und sich von Mal zu Mal steigert. Das kann man natürlich so machen. Aber ein Schwachpunkt in unserem Spiel bleibt Benedikt Höwedes als linker Außenverteidiger. Von ihm, der als Fußballer keinen linken Fuß hat, werden in der Offensive keine Impulse kommen. In den anstehenden K.-o.-Spielen gegen weit stärkere Gegner werden wir dadurch ausrechenbar, weil uns in der Offensive eine zusätzliche Option fehlt. Das kann ein Problem werden, nicht im Achtelfinale, aber eine Runde später, wenn mit mutmaßlich Frankreich der erste Prüfstein wartet.

Die Erfahrung vergangener Welt- und Europameisterschaften zeigt, dass sich Mannschaften im Laufe eines Turniers entwickeln. Dazu sind manchmal personelle und taktische Umstellungen nötig. Gegen die USA wäre für mich die Gelegenheit gewesen, eine andere Formation auszuprobieren. Dass Bundestrainer Joachim Löw im Gegensatz zur EM 2012 weniger experimentierfreudig erscheint, ist allerdings verständlich. Damals wechselte er im Viertelfinale gegen Griechenland (4:2) mit Reus und Schürrle zwei neue Offensivkräfte ein, um beide trotz überzeugender Leistungen im Halbfinale gegen Italien (1:2) wieder auf die Bank zu setzen. Die zweite Maßnahme blieb damals vielen unverständlich – auch mir.

Dennoch bleibe ich optimistisch. In der Vorrunde wird der Gruppensieg ausgespielt, nicht der WM-Titel. Ich komme jetzt nicht damit, dass deutsche Mannschaften Turniermannschaften sind. Aber ich erwarte, dass sich dieses Team noch steigern kann – und wird.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: WM-2014