Spielerabgang

FC St. Pauli: Paqarada glaubt an eine erfolgreiche Zukunft

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St. Paulis Kapitän Leart Paqarada (M.) lässt sich von seinen Mitspielern feiern für sein Tor zum 1:1-Endstand gegen den Karlsruher SC.

St. Paulis Kapitän Leart Paqarada (M.) lässt sich von seinen Mitspielern feiern für sein Tor zum 1:1-Endstand gegen den Karlsruher SC.

Foto: Michael Schwartz / dpa

St. Paulis Kapitän Leart Paqarada verlässt stilvoll das Millerntor und wird beim 1:1 gegen Karlsruhe gefeiert.

Hamburg.  So ganz schien Leart Paqarada im emotionalsten Moment seinen eigenen Wahrnehmungen nicht zu trauen. „Ich fand, dass es extrem laut wurde. War das wirklich so?“, fragte der Kapitän des FC St. Pauli rund eine halbe Stunde nach dem Abpfiff in der Mixed Zone. Paqarada sprach über die 83. Spielminute, als Cheftrainer Fabian Hürzeler seinem Linksverteidiger mit der Auswechslung die Chance gab, sich ganz individuell von den Fans zu verabschieden. Der 28-Jährige ließ sich von seinen Mitspielern herzen und winkte immer wieder ins Publikum bei seinem Weg Richtung Seitenlinie.

Und ja – Paqarada hatte es völlig richtig wahrgenommen. Es war wirklich ziemlich laut geworden im ausverkauften Millerntor-Stadion, als er vom Rasen ging. Keine Frage: Der in Aachen geborene, in Bremen und Leverkusen groß gewordene Deutsch-Kosovare hat in den drei Jahren auf St. Pauli deutliche Spuren hinterlassen, sowohl als Spieler als auch mehr und mehr als Führungspersönlichkeit. Und die Fans am Millerntor haben eben ein feines Gespür dafür, welche Akteure eine besondere Huldigung verdient haben.

Bei "You'll never walk alone" brannten "alle Sicherungen durch"

Zunächst, so berichtete Paqarada, habe er bei seinem Gang vom Feld die Tränen noch verkneifen können. „Dann fangen sie aber auf einmal an ,You‘ll Never Walk Alone‘ zu singen. Da sind natürlich alle Sicherungen durchgebrannt. Dann habe ich mich extra gegen die Sonne gesetzt, damit man denkt, es liegt an der Sonne, dass ich die Augen zukneife“, erzählte er weiter.

„Es war ex­trem emotional. Aber das sind so Sachen, die kann man gar nicht in dem Moment verarbeiten. Es ist so schwer, das alles aufzusaugen und zu realisieren. Da wollte ich einfach mal ein paar Minuten einen Moment für mich haben“, sagte er und begründete so, weswegen er sich nach der Auswechslung zunächst ein Stück abseits von der Auswechselbank auf eine Werbebande gesetzt hatte.

Paqaradas Entwicklung bei St. Pauli war in dieser Form nicht zwingend zu erwarten gewesen, als er im Sommer 2020 vom Ligakonkurrenten SV Sandhausen kam. Dort hatte er sechs Jahre gespielt, war eine konstante Größe im Team, aber noch längst nicht ein so auffällig und dominant agierender Spieler wie zumindest in den beiden jüngsten Spielzeiten in Hamburg.

Warum sich Paqarada am Freitagabend ein Glas Rotwein gönnte

„Ich habe mich hier sportlich, aber auch menschlich enorm weiterentwickelt. Diese Zeit hat mich extrem geprägt“, sagte Paqarada. „Ich habe die Stadt extrem genossen. Die Leute waren unglaublich nett, das habe ich in der Art noch nie erlebt.“ Nun wechselt der kosovarische Nationalspieler also in die Bundesliga zum 1. FC Köln. Seit am vergangenen Freitag der internationale Sportgerichtshof Cas die vom Weltfußballverband Fifa auferlegte Transfersperre aufhob, steht dem ablösefreien Wechsel auch nichts mehr im Weg.

Jetzt, da die Wochen der Unsicherheit vorbei sind, konnte Paqarada auch zugeben, dass ihn die ungeklärte Situation nicht ganz kalt gelassen hatte. „Ich war in den Tagen und Wochen vorher durchaus positiv. Man darf sich ja auch nicht anmerken lassen, dass man damit ein bisschen zu kämpfen hat. Ich war aber schon froh und erleichtert, als der Anruf kam.“

Gerade sei er mit ein paar Teamkollegen beim Abendessen gewesen, als sich die Kölner mit der freudigen Botschaft am Telefon meldeten. „Das war ein sehr schönes Gespräch. Ich gebe zu, dass ich nach dem Anruf ein Glas Rotwein getrunken habe“, erzählte er jetzt weiter. Negative Auswirkungen auf seine Leistungen hatte die unklare Situation nicht gehabt.

St. Pauli stellt mit 41 Punkten Halbserienrekord der Zweiten Liga ein

Vielleicht hatte dagegen der edle Tropfen vom Freitag die Wirkung eines „Zielwassers“. Jedenfalls passte es am Pfingstsonntag ins Bild dieser emotionalen Abschiedsgeschichte, dass Paqarada noch ein Treffer gelang. Es war sein dritter in der nun zu Ende gegangenen Saison und sein siebter in einem Pflichtspiel für St. Pauli. Aus der Drehung von der Strafraumgrenze schoss er flach rechts unten ins KSC-Tor zum 1:1-Ausgleich (58. Minute), was dann auch der Endstand war.

Mit diesem zehnten Unentschieden der Saison – nur Kaiserslautern (zwölf) und Fürth (elf) haben mehr – verpasste es St. Pauli, einen neuen Halbserienrekord für die Zweite Liga aufzustellen. So muss sich das Team die Bestmarke von 41 Punkten mit dem SC Freiburg, Hertha BSC und Fortuna Düsseldorf teilen. Zudem sorgte der verpasste Sieg dafür, dass Fortuna Düsseldorf mit der um einen Treffer besseren Tordifferenz den Kiezclub vom vierten auf den fünften Platz verdrängte.

Paqarada glaubt an eine erfolgreiche nächste Saison für den FC St. Pauli

Für die kommende Saison sieht Paqarada St. Pauli – auch ohne ihn – gewappnet, an die so überaus erfolgreiche Rückrunde anzuknüpfen. „Die nächste Zweitligasaison wird von den Namen her noch einen Tick stärker, weil ein paar große Clubs runterkommen oder drinbleiben. Aber der Weg, den man hier eingeschlagen hat, auch mit Fabian Hürzeler und den Jungs im Team, ist der richtige. Dieser Weg bringt das Potenzial mit, auch konstant über eine Saison erfolgreich Fußball zu spielen“, sagte er.

Und dann verriet er: „Wie oft habe ich mich auf dem Platz mit Gegnern unterhalten, die gesagt haben: Das, was ihr spielt, ist nicht zu verteidigen. Was sollen wir hier, was sollen wir da machen? Ich glaube, wir können uns gefasst darauf machen, dass hier einiges geht.“ Er wird es aus rund 400 Kilometer Entfernung verfolgen.

St. Pauli: Vasilj – Medic, Smith, Mets – Saliakas (75. Zander), Irvine (46. Aremu), Hartel, Paqarada (83. Ritzka) – Metcalfe (75. Eggestein), Daschner, Saad (67. Matanovic). KSC: Gersbeck – Sebastian Jung, Gordon, Kobald, Brosinski (16. Heise) – Wanitzek, Jensen (85. Rapp) – Cueto (85. Thiede), Nebel – Schleusener (85. Siwsiwadse), Kaufmann (68. Rossmann). Tore: 0:1 Schleusener (45.+2), 1:1 Paqarada (58.). SR: Alt (Illingen). Z.: 29.546 (ausverkauft). GK: Mets (4), Zander, Ritzka – Cueto (2), Nebel (7), Kobald (3). Statistik: Torschüsse: 14:7, Ecken: 4:4, Ballbesitz: 63:37 Prozent, Zweikämpfe: 81:71. Laufleistung: 113,97:111,93 km.

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