FC St. Pauli

Torschusspanik? Die Ursachen für die Schwächen im Abschluss

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Igor Matanovic kommt aus der eigenen Jugend und wechselt im Sommer 2023 zu Eintracht Frankfurt. Er traf bislang nicht.

Igor Matanovic kommt aus der eigenen Jugend und wechselt im Sommer 2023 zu Eintracht Frankfurt. Er traf bislang nicht.

Foto: WITTERS

Unvermögen, Pech, Kopfblockaden – was die Stürmer im Team von Trainer Timo Schultz verbessern müssen.

Hamburg. Zehn Zentimeter, höchstens. So viel fehlte dem FC St. Pauli am Sonnabend in der Nachspielzeit, um die Partie gegen den 1. FC Heidenheim zu gewinnen. Aber der Schuss von Igor Matanovic war eben nicht drin, sondern wurde doch noch von einem Gegner von der Linie gekratzt. Eine exemplarische Szene für die anhaltende Torschusspanik bei den Hamburgern. Danach hat sich die Diskussion um die Leistungen der Angreifer im Team von Trainer Timo Schultz weiter verschärft. Was ist da also los?

„Wir spielen uns die Chancen gut heraus“, sagt Angreifer Etienne Amenyido, „es liegt an uns, dass wir da konsequenter sind. Wir müssen die machen.“ Das gilt auch für den 24-Jährigen höchstselbst, der in dieser Saison immer wieder klare Gelegenheiten nicht nutzt: „Wir müssen unsere Chancen analysieren und in den Abschlüssen besser werden.“ Im Training am Dienstag ließ Schultz praktisch die kompletten 90 Minuten Abschlüsse und das Herausspielen von Chancen üben.

FC St. Pauli: "Matanovic wirkt, als überlege er zu viel"

Auf zwei Kleinfeldern mit großen Toren attackierten sich die reduzierten Teams und schossen, schossen, schossen. Drüber, daneben, dem Torwart in die Arme. „Weiter, weiter“, forderte Co-Trainer Fabian Hürzeler lautstark. Und ja, der eine oder andere traf auch mal. Auch Igor Matanovic.

Das ist ein Spieler, der sich trotz seiner Jugend Gedanken macht über seine Form und seine Situation. „Er ist ehrgeizig, umsetzungsfähig und gewohnt, Erfolg zu haben“, sagt ein langjähriger Begleiter von Matanovics Karriere: „Er wirkt, als überlege er zu viel, die Leichtigkeit geht ihm anscheinend gerade ab.“ Toreschießen ist eben auch Kopfsache.

Auf Matanovic hatten Sportchef Andreas Bornemann und Trainer Schultz gesetzt, als es darum ging, die Kaderplanung für die laufende Spielzeit zu finalisieren. Der 19-Jährige bringt alle Voraussetzungen mit, der gesuchte „Zielspieler“ im gegnerischen Strafraum zu werden. 1,94 Meter ist er lang, hat im Sommer auch noch an Körpermasse zugelegt, spielt trotz seiner Jugend die dritte Zweitligasaison und hat schon bewiesen, welche technischen und Torschussqualitäten er hat.

FC St. Pauli belegt bei Qualität der Chancen Platz vier

„Wir haben mit Igor einen Modellathleten, was die Größe angeht, auch mit David Otto“, sagte Bornemann am Sonntagabend im „Sportclub“ des NDR, „aber wenn Matanovic nicht spielt, dann wird er nicht besser werden.“ Das könnte man als Kritik an der Aufstellung von Timo Schultz verstehen. Doch in der Beurteilung der sportlichen Lage sind sich die beiden Verantwortlichen weitgehend einig. Die Spielanlage und die Leistungen in den meisten Partien sind besser als der Tabellenplatz. Auch in Bezug auf die Offensive.

164 Torschüsse hat der FC St. Pauli in den zehn Saisonpartien bislang abgegeben. Das sind die zweitmeisten der Liga. Nur der SC Paderborn (184) hat mehr. Tabellenführer HSV hat 151-mal aufs Tor geschossen. Bei der Qualität der Chancen, die mit der Formel X-Goals“ gemessen werden, belegt St. Pauli Platz vier.

„Ich würde nicht sagen, dass wir vorne ein Qualitätsproblem haben“, meint entsprechend Mittelfeldspieler Marcel Hartel, „am Herausspielen dieser Gelegenheiten liegt es also nicht, wohl aber in der Qualität der Abschlüsse.“

Fehlende Qualität im Abschluss ist kein neues Phänomen

Auch da lohnt wieder ein Blick in die Statistik. Mit einer Chancenverwertung von 6,5 Prozent belegt der FC St. Pauli Platz 14 unter den 18 Zweitligisten. Der Durchschnitt liegt bei 8,2 Prozent. Nur 30 Prozent der Abschlüsse gehen laut dem Podcast „Millernton“ überhaupt Richtung Tor, der Rest verfehlt das 7,32 Meter breite Ziel einfach.

Die fehlende Qualität im Abschluss ist dabei kein neues Phänomen dieser Saison. Auch in der Rückrunde der vergangenen Spielzeit herrschte in der entscheidenden Phase schon Torflaute. Trotz Guido Burgstaller und Daniel-Kofi Kyereh, deren Abgänge von vielen Fans jetzt als entscheidend für die zu wenigen Torerfolge gehalten werden. Nach dem 3:1-Sieg gegen den Karlsruher SC am 25. Spieltag folgten sieben Partien mit nie mehr als einem Tor und nur einem 1:0-Sieg – der Aufstieg war verspielt.

„Wir reden über die Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor, den letzten Willen und die Überzeugung. Daran müssen wir arbeiten“, sagt Verteidiger Lars Ritzka. Angreifer Johannes Eggestein, der auch seit sechs Spielen auf einen Torerfolg wartet, sieht „ein bisschen Pech. Das Glück müssen wir uns zurückerarbeiten.“

FC St. Pauli: Matanovic will weiter "alles geben"

Natürlich schaut Bornemann auch schon auf den Markt, ob da nicht doch in der Wintertransferperiode ein Spieler ist, der helfen könnte. So wie ihn der kommende Gegner Eintracht Braunschweig im Sommer in Anthony Ujah (31) gefunden hat, der am 2. August ablösefrei von Union Berlin kam und in den letzten vier Spielen dreimal getroffen hat.

Bornemann hat stattdessen die Angreifer Eggestein (24) und Otto (23) neu verpflichtet. Die Erwartung, dass sie kurzfristig weiterhelfen, hat sich jedoch nicht erfüllt. Bleibt zunächst also nur die Hoffnung, dass kurzfristig bei dem einen oder anderen der berühmte Knoten platzt. Und der Kopf frei wird.

„Es ist leider manchmal so, dass du zehn Spiele nicht triffst. Ich bleibe aber weiter dran und gebe alles“, sagt Matanovic und denkt an das knapp verpasste Tor gegen Heidenheim: „Wenn ich nächstes Mal noch ein Stück näher komme, dann geht der Ball auch über die Linie.“

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