FC St. Pauli

Warum die Kaderplanung beim Kiezclub nicht aufgegangen ist

| Lesedauer: 4 Minuten
Andreas Hardt
Trainer Timo Schultz wirkte beim 0:2 in Regensburg ratlos.

Trainer Timo Schultz wirkte beim 0:2 in Regensburg ratlos.

Foto: JoergHalisch / WITTERS

Das mit großen Ambitionen gestartete Team von Trainer Timo Schultz ist statistisch ein Abstiegskandidat. Die Gründe sind vielschichtig.

Hamburg.  Beim FC St. Pauli haben am Montag die Renovierungsarbeiten begonnen. Es wird gefeilt und gestrichen. Es wird Fehlerhaftes korrigiert, was auch dringend nötig ist. Und wenn es nicht anders geht, dann werden dafür auch brachiale Mittel angewandt. Die Sanierung des in die Jahre gekommenen Steinwappens vor dem Stadion darf jedoch nicht die einzige Baumaßnahme am Millerntor bleiben. Auch die Mannschaft braucht dringend eine Überarbeitung.

Die 0:2-Niederlage bei Jahn Regensburg hat nach neun Spieltagen in der Zweiten Liga und vor der anstehenden Länderspielpause die Frage beantwortet, wie das Team tatsächlich dasteht: Platz zwölf, nur drei Punkte von den Abstiegsrängen entfernt. „Wir müssen über ein paar grundsätzliche Dinge nachdenken“, sagte Trainer Timo Schultz und schickte die erschütternde Diagnose hinterher: „Uns fehlt in allen Bereichen ein bisschen.“

FC St. Pauli: Befürchtungen haben sich bewahrheitet

Als das Abendblatt in einem Kommentar Ende April nach dem fast sicher verpassten Aufstieg im Anschluss an die Heimniederlage gegen Darmstadt 98 am 31. Spieltag titelte „St. Pauli ab sofort im Abstiegskampf“, klang das vielen zu pessimistisch. Die Befürchtungen haben sich jedoch leider bewahrheitet. Auch 2012, 2014, 2016 und 2019 geriet das Team nach sehr guten Saisons im Jahr darauf in Abstiegsnot.

Der Negativtrend setzte bereits mit Beginn der Rückserie in der vergangenen Saison ein. 36 Zählern aus der Hinrunde standen nur noch 21 in der Rückrunde gegenüber. Schaut man auf die Bilanz im Kalenderjahr 2022, dann wurden in 25 Partien nur 31 Punkte erreicht – hochgerechnet auf eine ganze Saison würde dieser Punkteschnitt für 42 Zähler reichen. Das ist Abstiegskampf. Nimmt man nur die neun Spiele in dieser Saison, liegt der Schnitt bei 1,11 Punkten. Das bedeutet allerhöchste Abstiegsgefahr.

Neuzugänge liefern noch nicht wie erhofft

Schultz und Sportchef Andreas Bornemann haben in der Sommerpause den Kader verjüngt und umgebaut. Aber während Bornemann in den vergangenen Jahren mit Verpflichtungen wie Daniel-Kofi Kyereh, Leart Paqarada, Jakov Medic, Marcel Hartel oder Jackson Irvine Volltreffer landen konnte, lieferten die meisten Zugänge dieses Sommers noch nicht wie erhofft.

David Otto, Carlo Boukhalfa, Connor Metcalfe und Betim Fazliji haben keine Stammplätze. Johannes Eggestein hat zwar dreimal getroffen, steht aber dennoch auch für die Harmlosigkeit im gegnerischen Strafraum, die Schultz in Regensburg klar ansprach: „Die größte Gefahr haben wir ausgestrahlt, als Jakov vorne drin war. Das sagt einiges aus.“

Abgang von Burgstaller und Kyereh nicht kompensiert

Dass Innenverteidiger Medic in der Schlussviertelstunde wegen seiner Kopfballstärke als „Stoßstürmer“ eingesetzt wurde, offenbart die Fehleinschätzungen bei der Kaderzusammenstellung. Der Abgang von Guido Burgstaller und Kyereh konnte nicht annähernd kompensiert werden. Es gibt keinen „klassischen“ Mittelstürmer – und es gibt keinen „Zocker“ aus dem offensiven Mittelfeld mit Qualitäten im eins zu eins und kreativen Ideen. „Wir schenken den Jungs, die da sind, das Vertrauen“, hatte Bornemann zum Ende der Wechselfrist gesagt, „und wir sind sicher, dass sie zurückzahlen werden.“

Das eben passiert noch nicht. Stattdessen: Unsicherheit und fehlender Biss. „Nur Hartel, Irvine und Medic haben gezeigt, dass sie das Spiel mit aller Macht drehen wollten“, kritisierte Schultz. Drei „Alte“ also. „Wir müssen mehr als Einheit auftreten“, fordert Luca Zander. Igor Matanovic kritisierte: „Wir müssen uns jetzt mal zusammenreißen.“

FC St. Pauli will die Kritikpunkte analysieren

Die Kritikpunkte werden in den kommenden Tagen analysiert: Defensive Fehler, offensive Harmlosigkeit, fehlende Fähigkeiten, um sich gegen tief stehende Teams Chancen zu erspielen. Und die Einstellung, auch in unangenehmen Zweikämpfe alles reinzuhauen. „Wir tun gut daran, in den kommenden Tagen einige Dinge aufzuarbeiten und einen neuen Anlauf zu nehmen, um in 14 Tagen gut aus der Pause zu kommen“, forderte Bornemann.

Dumm nur, dass nun in Nikola Vasilj, Fazliji, Matanovic, Medić, Irvine und Metcalfe sechs Spieler wegen Länderspielberufungen fehlen. Paqarada reist wegen seiner in Regensburg erlittenen Muskelverletzung im Oberschenkel nicht zum kosovarischen Team. Heidenheim, auswärts in Braunschweig und dann das Derby gegen den HSV sind die nächsten Aufgaben für den FC St. Pauli. Die nötigen Renovierungsarbeiten müssen schnell erfolgreich sein – sonst geht noch viel mehr kaputt.

( ah )

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: St. Pauli