FC St. Pauli

Das ist die neue Allzweckwaffe im Mittelfeld der Kiezkicker

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Rupert Fabig
Carlo Boukhalfa erzielte beim 13:0-Sieg im Testspiel gegen Bezirksligist Hetlinger MTV zwei Tore.

Carlo Boukhalfa erzielte beim 13:0-Sieg im Testspiel gegen Bezirksligist Hetlinger MTV zwei Tore.

Foto: TimGroothuis/WITTERS

Carlo Boukhalfa hat auf allen Positionen Spaß, Marcel Hartel Freude am Führen: Besetzung der Vakanzen im Sturm aber weiter ungeklärt.

Hamburg.  Beim SSV Regensburg hat sich Carlo Boukhalfa den Ruf als „Mr. Ein Kontakt“ erarbeitet. Mit Erfolg. 30 Zweitligaspiele, vier Tore und unzählige direkt, per einem Kontakt eben, weiter verarbeitete Bälle standen in der Endabrechnung. Bei seinem ersten öffentlichen Medientermin im Trikot des FC St. Pauli hinterließ Boukhalfa den Eindruck, bald als „Mr. Ein Wort“ betitelt zu werden.

Wohlgemerkt: mit Erfolg. Was dem 23-Jährigen als Wortkargheit unterstellt werden könnte, lässt sich nämlich, passend zu seinem Spiel, viel besser mit dem Adjektiv „effizient“ umschreiben. Und wenn der gelockte Mittelfeldakteur seine Antworten dann noch mit einem charmanten Lächeln und badischem Zungenschlag made in Freiburg, garniert, sammelt er direkt weitere Bonuspunkte.

FC St. Pauli: Boukhalfa hinterließ Eindruck

Und genau das ist ihm auch auf Anhieb bei Trainer Timo Schultz gelungen. Maßstab ist dabei keineswegs nur der 13:0-Sieg im Testspiel beim Bezirksligisten Hetlinger MTV, bei dem Boukhalfa zwei Treffer erzielte und auf der Zehnerposition einsprang, sondern viel mehr der Eindruck der ersten Trainingswoche.

„Carlo war sehr umtriebig, hat den Weg in die Schnittstellen und Abschlüsse in der Box gesucht. Ich kann ihn mir gut in einer offensiven Rolle vorstellen, aber normalerweise ist er jemand für die Rautenposition, weil er sehr gut gegen den Ball ist“, so Schultz. Sieht auch Boukhalfa so. Spaß habe er auf der Zehn, Acht und, wenn nötig, auch Sechs. „Hauptsache, Mittelfeld“, sagt der Allrounder, dessen Großvater mütterlicherseits er seinen algerischen Nachnamen verdankt.

„In Regensburg haben wir viel gegen den Ball gearbeitet"

Ein wenig konkreter wird der 1,86-Meter-Blondschopf allerdings doch noch. „Ja“, sagt er, lieber orientiere er sich offensiv als defensiv. Schon in Regensburg wurde er mitunter als Zehner und Hängende Spitze eingesetzt, in den Gesprächen mit St. Paulis sportlicher Leitung habe sich auch herauskristallisiert, dass „ein Tick offensiver“ mit ihm geplant werde. Boukhalfa als Nachfolger von Daniel-Kofi Kyereh, der kurioserweise kurz vor einem Wechsel in Boukhalfas Heimatstadt Freiburg steht? „Wir müssen nicht auf einen klaren Zehner festgelegt sein, sondern können das auch im Dreierbund mit Lukas Daschner, Etienne­ Amenyido und Carlo lösen“, sagt Schultz.

Statt „Mr. Nachfolger“ also eher „Mr. Kurzpass“ in der Raute. „Ich sehe mich schon als effektiven Spieler zwischen den Strafräumen“, so Boukhalfa, dem direkt auffiel, weswegen der Wechsel zum FC St. Pauli ein sportlicher Schritt nach vorne war: „In Regensburg haben wir viel gegen den Ball gearbeitet und lange Bälle gespielt. Hier muss jeder was am Ball können, ihn laufen lassen.“ Kann Boukhalfa. Nur unter Druck, meint er, müsse er mit der Pille noch ruhiger werden. „Kommt mit der Spielpraxis.“

„Das war ein schönes Zeichen vom Trainer"

Die muss er sich entweder als Zehner erarbeiten oder – dann allerdings nur von der Bank kommend – in der Raute, wo Jackson Irvine und Marcel Hartel im Normalfall gesetzt sind. Ausgerechnet Hartel. Derjenige, der Boukhalfa besonders herzlich aufgenommen hat, ihm das Gefühl gibt, „als sei ich schon lange hier“. Abermals: ausgerechnet Hartel. Derjenige, der selbst im Vorjahr erst Anfang August verspätet von Arminia Bielefeld zum Team stieß, integriert werden musste und nun in seiner ersten kompletten Saison bereits Führungsambitionen anmeldet. In Hetlingen schenkte ihm Schultz auch direkt das Vertrauen als Kapitän.

„Das war ein schönes Zeichen vom Trainer. Ich habe mir viel vorgenommen und möchte die Mannschaft führen. Dazu gehört, dass ich die Neuen von Anfang an integrieren möchte. Ob mit Binde oder nicht – ich werde trotzdem meinen Weg gehen“, sagt der 26-Jährige, der einer der Favoriten auf die Nachfolge des Ex-Kapitäns Philipp Ziereis ist. Auch Hartel könnte in der Theorie ein Kandidat im offensiven Mittelfeld sein, in der Praxis ist er auf der linken Rautenseite unverzichtbar. „Ich spiele gern auf der Acht, weil ich dort mehr Freiheiten defensiv wie offensiv habe. Da kann ich mir den Ball auch mal hinten abholen, auf der Zehn muss ich höher stehen“, sagt Hartel.

Besetzung der Vakanzen im Sturm ungeklärt

Während es im Mittelfeld also ein breites Angebot gibt, ist die Besetzung der Vakanzen im Sturm weiter ungeklärt. Mit Igor Matanovic und Amenyido stehen nur zwei nominelle Angreifer im Kader. Schon seit Wochen kursiert der Name von Dynamo Dresdens Christoph Daferner (24/13 Tore), Fahrt nahm die Personalie nicht wirklich auf.

Zuletzt wurde der Torjäger mit dem 1. FC Nürnberg in Verbindung gebracht, doch der Deal hakt dem Vernehmen nach an den Ablöseforderungen von Dresdens Sportchef Ralf Becker. Nach Abendblatt-Informationen wird Daferner, dessen Vertrag noch eine Saison Gültigkeit besitzt, gewiss nicht in der 3. Liga spielen, und St. Pauli zählt weiterhin auf einem recht großen Markt zu den Bietern. Die Entscheidung solle noch in den kommenden Tagen fallen.

FC St. Pauli: Bouk­halfa will Hamburg kennenlernen

All das: kein Thema für Carlo Bouk­halfa. Am Wochenende ist er vom Hotel in seine neue Wohnung gezogen. Nun wartet der Gewinner des DFB-Pokals der A-Junioren (2018/SC Freiburg) sehnlichst darauf, dass seine Freundin im Juli nachkommt.

Bis dahin möchte er seine neue Heimatstadt, so gut es die Saisonvorbereitung zulässt, kennenlernen. Noch gibt Boukhalfa aber Eingewöhnungsschwierigkeiten zu. Nicht im Team, das ihn offen empfangen habe. Sondern im Stadtbild. „So viele Menschen, das bin ich weder aus Freiburg noch Regensburg gewöhnt.“ Aber er wird sich dran gewöhnen. Kontakt für Kontakt.

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