FC St. Pauli

Mathias Hain sieht Parallelen zum Aufstieg 2010

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Torwarttrainer Mathias Hain (r.) und Cheftrainer Timo Schultz waren schon als Spieler gemeinsam beim  FC St. Pauli und stiegen 2010 in die Bundesliga auf.

Torwarttrainer Mathias Hain (r.) und Cheftrainer Timo Schultz waren schon als Spieler gemeinsam beim FC St. Pauli und stiegen 2010 in die Bundesliga auf.

Foto: TayDucLam / WITTERS

St. Paulis Torwarttrainer über seine Freundschaft zu Timo Schultz, der Arbeit mit den Torhütern und die Geschlossenheit im Team.

Hamburg.  Mathias Hain (49) ist die Konstante im Trainerteam des FC St. Pauli. Schon seit 2011, unmittelbar nach dem Ende seiner aktiven Karriere, arbeitet er als Torwarttrainer des Profiteams. In dieser Funktion hatte er schon acht verschiedene Cheftrainer erlebt, ehe sein ehemaliger Mitspieler Timo Schultz (44) die Verantwortung übernahm.

Über seine Verbindung zu ihm spricht Hain im Abendblatt-Interview ebenso klar und offen wie über die Veränderungen im Torwartspiel und die Aufstiegschance des aktuellen Teams.

Hamburger Abendblatt: Beim jüngsten 1:0-Sieg gegen Heidenheim gab es erstmals nach 15 Spielen kein Gegentor. Freuen Sie sich als Torwarttrainer besonders, wenn der Keeper seinen Kasten sauber halten kann?

Mathias Hain: Ja, ich habe mich für die Mannschaft, aber auch speziell für Niko (Nikola Vasilj, die Red.) gefreut, weil ich weiß, dass es einen beschäftigt, wenn du über so einen langen Zeitraum immer mindestens ein Gegentor kassierst.

Wie bauen Sie einen Torwart auf, wenn er fast immer schuldlos an den Gegentoren ist?

Hain: Das Wichtigste ist, dass der Torwart das Vertrauen in sich selbst behält. Wir schauen uns die Gegentore im Nachgang immer sehr genau auch in ihrer Entstehung an. Bei einem klaren Fehler ist die Analyse einfach. Aber auch bei fast allen anderen Gegentoren kann der Torwart über Coaching oder Positionierung schon im Vorfeld einiges reparieren oder verhindern.

Sie haben in diesem Club in den vergangenen Jahren viel erlebt, auch sportliche Tiefen mit Abstiegskampf bis zum Saisonende. Seit knapp 15 Monaten schwimmt das Team, mit wenigen Dellen, auf einer Erfolgswelle. Was ist jetzt anders als in all den Jahren zuvor?

Hain: Für mich hängt der Unterschied ganz deutlich mit Timo Schultz zusammen. Da mag man sagen, dass ich wegen meiner Freundschaft zu ihm befangen bin, aber ich würde das genauso sagen, wenn wir diese persönliche Verbindung nicht hätten. Mit Timo ist hier ein Geist eingekehrt, den ich eigentlich für so einen Verein voraussetzen würde. Ich habe die Menschen und die Fans hier bei St. Pauli so kennengelernt, dass sie eine Mannschaft sehen wollen, die ihr Viertel widerspiegelt. Eine Mannschaft, die die Mentalität an den Tag legt, die auch hier im Stadtteil St. Pauli verankert ist. Das ist vor allem Mut und Begeisterung. Mit Timo ist ein Fußball eingekehrt, der davon geprägt ist, mutig, aktiv und bestimmend zu sein. Wir wollen auch Spektakel. Es hat seine Zeit gebraucht, bis wir das erfolgreich umsetzen konnten, weil dafür auch andere physische Voraussetzungen nötig sind sowie taktische Abläufe, vor allem im Spiel gegen den Ball.

Sie sind, wie Sie schon sagten, durch die lange gemeinsame Zeit bei St. Pauli mit Timo Schultz befreundet. Wie ist es jetzt, einen Freund als Chef zu haben? Macht es die Sache leichter oder ist es auch problematisch?

Hain: Nicht nur wir beide, auch unsere Familien sind befreundet. Timo und ich haben beide kein Problem mit Offenheit. Nachdem wir beide 2011 als Spieler beim FC St. Pauli aufhörten und beide ins Trainergeschäft einstiegen, ist der Kontakt nie abgebrochen. Wir haben unsere gemeinsamen Joggingrunden gehabt und im Gespräch dabei gemerkt, dass wir sehr ähnliche Vorstellungen haben. Irgendwann hat er mich mal gefragt, ob ich mir vorstellen kann, mit ihm zusammenzuarbeiten. Ich habe gesagt: Ja, natürlich. Aber du musst es dir gut überlegen. Die Abhängigkeit darf nicht zu groß sein. Wenn du Cheftrainer wirst, musst du es wirklich wollen, dass ich in deinem Team bin. Egal wie du dich entscheidest, wird das an unserer Freundschaft nichts ändern.

Wie sehr hat sich das Torwartspiel im Profifußball verändert, und was bedeutet das für Ihre Arbeit mit den Torhütern?

Hain: Ich habe ja noch erlebt, dass der Torwart jeden Rückpass mit der Hand aufnehmen durfte. Als das verboten wurde, gab es die bis heute größte Veränderung. Das torwartspezifische Techniktraining, also Fangen, Springen und Fallen, hat sich nicht sehr verändert. Deutlich schwieriger ist es, wenn du möchtest, dass auch der Torwart, wenn er ins Aufbauspiel einbezogen wird, unter Druck schnelle Entscheidungen treffen kann. Dann muss der Cheftrainer die Torhüter regelmäßig in die Spielformen der Feldspieler miteinbeziehen. Der Torwart muss heute eine sehr gute Ballannahme und -verarbeitung beherrschen und dabei schon den Blick für den freien Raum haben.

Wie schwierig ist es, das Torwarttraining abwechslungsreich zu gestalten und es dabei doch zielgerichtet sein zu lassen?

Hain: Ich bin immer dafür zu haben, auch mal etwas Sinnfreies zu machen, wenn es der guten Laune dient. Es geht aber auch kein Weg daran vorbei, dass es immer wiederkehrende Inhalte und Automatismen gibt. Ich versuche aber, auch dabei kreativ zu sein und dabei so spielnah wie möglich zu trainieren. Auf den Fahrten in meine Heimat im Harz habe ich zudem viel Zeit, über Varianten nachzudenken, oder auch beim Joggen im Niendorfer Gehege. Da bin ich am kreativsten.

Sie werden im Dezember 50 Jahre alt. Bereitet Ihnen der Gedanke daran Probleme?

Hain: Ich hatte schon keine Probleme mit der 30 oder der 40, und jetzt mit der 50 auch nicht. Für mich ist das nur eine Zahl. Eher hätte ich ein Problem damit, wenn ich körperlich eingeschränkt wäre und dieses Alter auch wirklich spüren würde.

Wie halten Sie die Ersatzkeeper bei Laune?

Hain: Vor allem halte ich die Jungs über das Training bei Laune, und ich führe viele Gespräche. Ich weiß natürlich, dass eine gewisse Unzufriedenheit da ist, wenn einer am Wochenende nicht spielen kann. Meine Aufgabe ist, dass jeder Torwart zumindest zufrieden aus der Trainingswoche geht. Das kann ich beeinflussen, alles andere nicht. Es ist eben der Position geschuldet, dass man nicht so oft wechselt. Damit muss man als Torhüter umgehen können. Das haben meine Jungs auch immer geschafft.

Erstmals gab es jetzt die Regelung, dass Dennis Smarsch der Torwart im Pokal war. Wie kam das?

Hain: Für Dennis hat es mich besonders gefreut. In den vergangenen Jahren habe ich dieses Thema öfter angeschoben, dem jeweils zweiten Mann im Pokal die Chance zu geben, sich unter realen Wettkampfbedingungen zu zeigen. Timo war dafür zum Glück total offen. Das war aber auch der Tatsache geschuldet, dass Dennis eine unglaubliche Entwicklung genommen hat. Vor gut eineinhalb Jahren, als er aus Berlin gekommen ist, wäre das so noch nicht möglich gewesen. Wir haben das intensiv besprochen, wo ich seine Defizite sehe. Ich habe ihm gesagt, woran er arbeiten muss, wenn er – wo auch immer – im Profifußball einmal die Nummer eins werden will.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Hain: Die Sprungkraft war ein Thema. Als er herkam, war er noch nicht da, wo wir es uns gewünscht hätten. Er berichtete mir, ihm sei gesagt worden, dass er ja ohnehin sehr groß sei und daher nicht so viel springen müsse. Ich habe ihm gesagt: Ja, du bist groß. Aber stelle dir jetzt nur vor, du könntest auch noch springen. Er war total offen für diese Kritik und hat so daran gearbeitet, wie ich es vorher noch nie bei einem anderen gesehen habe. Wenn er jetzt vor einem steht, ist er eine ganz andere Erscheinung als vorher. Dabei ist er ja nicht größer geworden. Ich bin so froh, dass er seine Entwicklung in den vier Pokalspielen zeigen konnte und großen Anteil an den drei Siegen hatte. Er wird jetzt auch in der ganzen Republik ganz anders wahrgenommen.

Sie sind 2010 als Spieler mit dem FC St. Pauli aufgestiegen. Sehen Sie Parallelen zwischen der damaligen und heutigen Mannschaft?

Hain: Es gibt definitiv Parallelen, was die Geschlossenheit der Mannschaft angeht. Die Jungs haben ein sehr gutes Miteinander und gutes Gespür für die, die vielleicht in der zweiten Reihe stehen. Das ist meines Erachtens die größte Qualität einer Mannschaft, und daraus kann man am meisten Stärke ziehen. Ich glaube, dass wir bis zum Ende da oben sein können und auch sein werden, wenn wir genau das beibehalten, und wenn wir es schaffen, diese Euphorie zu konservieren. Es war ein großes Verdienst der Mannschaft, dass sie die Ruhe bewahrt hat, als es rund um den Jahreswechsel nicht so lief. Sie wusste, dass es wieder losgehen würde.

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