Sieg gegen BVB

FC St. Pauli: Eine rauschende Nacht lässt Träume reifen

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Andreas Hardt
St. Paulis Spieler feiern den Treffer zum 2:0 gegen den BVB.

St. Paulis Spieler feiern den Treffer zum 2:0 gegen den BVB.

Foto: picture alliance/dpa | Axel Heimken

Der FC St. Pauli steht erstmals seit 2006 im Viertelfinale des DFB-Pokals. Der Sieg gibt Selbstvertrauen für den Aufstiegskampf.

Hamburg. Nein, „Pokalsiegerbesieger“-T-Shirts werden nicht produziert. Obwohl die sich bestimmt verkaufen würden, ganz sicher. So mit Datum und der Mannschaftsaufstellung drauf, als Erinnerung an diesen denkwürdigen 18. Januar 2022, der als einer der besonderen Tage in die Vereinsgeschichte des FC St. Pauli eingehen wird. 2:1-Sieg gegen Titelverteidiger Borussia Dortmund im Achtelfinale des DFB-Pokals, so etwas passiert am Millerntor ja weiß Gott nicht jeden Tag.

Und dennoch: „Wir sind ja hier Spezialisten in solchen Möchtegerntiteln. Damit will ich mich aber nicht wirklich rühmen“, sagte Trainer Timo Schultz (44): „Wir haben heute gegen eine wirklich gute Mannschaft gewonnen. Darauf können wir alle stolz sein. Irgendwelche Formulierungen sind nicht so mein Ding.“ Damit ist das auch klar. Tatsächliche Ergebnisse zählen für Schultz und sein Team – und nicht irgendwelche Werbegimmicks der Merchandising­abteilung. Da muss sich der Fan auch erst einmal dran gewöhnen.

Sieg gegen BVB: St. Paulis Mut war bemerkenswert

Zum ersten Mal seit 2006 haben die Kiezkicker die Runde der letzten acht im DFB-Pokal erreicht. „Für uns als Verein ist es nicht normal, dass wir die erste Runde überstehen“, sagte Schultz, „jetzt spielen wir um den Einzug ins Halbfinale. Das ist fantastisch.“

Fast alles lief gegen die Dortmunder Startruppe so, wie Schultz und sein Trainerteam es sich im Vorhinein ausgedacht hatten. Der Mut, mit dem St. Pauli spielerisch immer wieder den Weg in die Offensive suchte, war bemerkenswert und spricht für das Selbstvertrauen des Teams. „Wir sind so ins Spiel reingegangen, dass wir von Anfang an mitspielen und Fußball spielen und eklig sein wollten“, erklärte Guido Burgstaller.

Gesagt, getan. Obwohl BVB-Trainer Marco Rose genau davor gewarnt hatte, gingen die Hamburger durch Etienne Amenyido (4.) und ein Eigentor von Axel Witsel (40.) in Führung. „So einen Start hat man sich natürlich gewünscht, dass es tatsächlich so kommt, ist natürlich schön“, sagte Amenyido.

FC St. Pauli gestattete Dortmundern wenige Chancen

Schon im Trainingslager in Benidorm hatte die Mannschaft zudem an einer etwas veränderten Defensivformation gearbeitet. Jackson Irvine ließ sich bei gegnerischem Ballbesitz neben Eric Smith auf die Doppelsechs zurückfallen, die Räume wurden enger. Damit wurde Dortmunds Trainer Marco Rose überrascht. „Wir haben viel Zeit im Trainingslager darauf verwendet, auch bei der Analyse“, sagte Schultz nicht ohne Stolz. „Das war eine gute Premiere der Systemanpassung, es macht uns defensiv stabiler.“

Tatsächlich war es beeindruckend, wie wenig Chancen aus dem Spiel heraus der FC St. Pauli den Dortmundern gestattete. Erling Haaland hatte zwar zwei, drei gefährliche Ansätze, klare Möglichkeiten aber nicht. Schon die Zuspiele auf den Norweger wurden oft unterbunden. „Unsere Innenverteidiger Jakov Medic und James Lawrence zusammen haben es gut gelöst, sie haben einen sehr guten Job gemacht“, lobte der Trainer. „Sie haben es auch im direkten Zweikampf häufig sehr geschickt gemacht.“

Auch nach dem Elfmeter fiel St. Pauli nicht auseinander

Medic hatte nur das Pech, dass ihm ein Ball von Mats Hummels aus einem Meter an den ausgestreckten Arm sprang. Schiedsrichter Harm Osmers entschied nach Videobeweis in der 58. Minute auf Elfmeter, den Haaland zum 1:2 nutzte. Aber auch danach fiel der Zweitliga-Tabellenführer nicht auseinander, sondern behielt die Ordnung und schaffte es immer wieder, sich zu befreien. „Es ist ein unglaubliches Gefühl, dafür arbeiten wir jeden Tag“, strahlte der überragende Medic, der keinen Zweikampf am Boden verlor.

„Haaland war frustriert mit seiner Mannschaft“, berichtete James Lawrence am Mittwoch vor dem Auslaufen, „unser Teamplan ist super aufgegangen.“ Seit Montag hatte der Waliser im Training gemerkt, dass er wohl statt Kapitän Philipp Ziereis an der Seite von Medic spielen würde. Das war etwas überraschend, ging aber ebenfalls voll auf.

„Wir haben auch noch Adam Dzwigala und damit vier super Innenverteidiger. Das ist für den Trainer schwierig, eine Entscheidung zu treffen“, erklärte Lawrence, der statt Ziereis auch die Binde trug: „Ziere ist ein echter Kapitän, es ist nicht so einfach, wenn man in so einem großen Spiel nicht zum Einsatz kommt. Aber er machte es super, er war immer für uns da.“

FC St. Pauli: Jetzt geht der Blick Richtung Lokalderby

Der Teamgeist in dieser St.-Pauli-Mannschaft 2021/22 ist offenbar wirklich intakt. „Wir gehen immer zusammen, das ist das Allerwichtigste“, sagte Lawrence. Am Tag danach richtete sich der gemeinsame Blick schon wieder nach vorne, keine Zeit für Pokalparty. „Wir müssen uns jetzt auf das Spiel am Freitag konzentrieren“, erklärte Medic. Da ist Lokalderby beim HSV – die nächste große Aufgabe. Wie wichtig dieses Spiel auch emotional ist, machte Schultz deutlich: „Im DFB-Pokal war dies auf jeden Fall der schönste Sieg meiner Trainerlaufbahn. Allgemein würde ich die Derbysiege aber höher hängen.“

Rund eine Million Euro fließen durch die Viertelfinalteilnahme auf das Vereinskonto, weitere etwa 900.000 Euro hatte der Club durch die Siege in Magdeburg und Dresden eingenommen. Das hilft immerhin, die Einnahmeverluste durch die Corona-Maßnahmen etwas abzumildern. Ein Ausgleich des emotionalen Verlusts durch die Zuschauerbeschränkung auf 2000 konnte das nicht sein, auch wenn die Anwesenden alles gegeben hatten. Der Mannschaftsbus wurde bei der Ankunft mit bengalischen Fackeln empfangen, Konfettikanonen explodierten kurz vor Spielbeginn. Es war gut, aber es war nicht das Gleiche. „Ich hoffe vor allem, dass wir im Viertelfinale vor einem ausverkauften Haus spielen können“, erklärte Schultz.

Dieses Spiel gegen den BVB, dieses Erfolgserlebnis nach drei sieglosen Pflichtspielen, kann noch wichtige Kräfte für den Rest der Saison freisetzen. „Ich bin seit 15 Jahren hier und war sportlich noch nie in solch einer guten Doppelsituation in Pokal und Liga“, sagt Schultz: „Wir tun aber gut daran, uns nur auf das nächste Spiel zu konzentrieren.“ Und vielleicht ist es dann am Ende der Spielzeit tatsächlich glaubhaft möglich, neue T-Shirts zu produzieren.

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