Zweite Liga

Macht St. Pauli es besser als der HSV? Schultz energisch

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Andreas Hardt
Guido Burgstaller vom FC St. Pauli ist mit vier Gelben Karten vorbelastet. Bei einer weiteren würde er das HSV-Spiel verpassen.

Guido Burgstaller vom FC St. Pauli ist mit vier Gelben Karten vorbelastet. Bei einer weiteren würde er das HSV-Spiel verpassen.

Foto: LeonieHorky / WITTERS

Stadtrivale verspielte regelmäßig in der Rückrunde den Aufstieg. Auch ist der Spielrhythmus durch die Weihnachtspause verloren.

Hamburg. „Nein!“ Da wurde Trainer Timo Schultz ganz energisch. Gar nichts habe man zu verlieren – trotz der Tabellenführung des FC St. Pauli in der Zweiten Liga vor dem ersten Pflichtspiel 2022: „Wir können nur etwas gewinnen.“ Also positiven Druck aufbauen vor dem Heimspiel gegen Erzgebirge Aue (Sa., 13.30 Uhr/Sky, Liveticker abendblatt.de), hungrig bleiben, gierig. „Mit der Situation, dass wir Erster und deshalb die Gejagten sind, befassen wir uns nicht.“

FC St. Pauli spielt gegen Aue – vor 2000 Zuschauern

Immerhin steht ein Heimspiel an. Acht von acht lautet die bisherige Bilanz am Millerntor, alle Partien wurden gewonnen. Mit vielen Zuschauern allerdings. Diesmal sind gerade mal 2000 zugelassen, die im Schachbrettmuster ausschließlich auf der Haupttribüne sitzen werden. Aber auch das ist noch besser als nichts: „Es ist schon ein Unterschied, wenn gar keine Fans da sind beziehungsweise nur Präsident Oke Göttlich, oder doch 2000“, meint Schultz.

Was für ein Jahr wird 2022 für den Club? Triumph und Aufstieg, den viele Experten den Hamburgern zutrauen, oder gibt es einen Rückrundenabsturz, wie ihn der Nachbar aus dem Volkspark regelmäßig erleben musste, am krassesten 2018/19, als nach 37 Punkten in der Hinrunde nur noch 19 Zähler dazukamen? Nach dem 0:3 zum Rückrundenauftakt vor vier Wochen bei Holstein Kiel wäre ein Sieg gegen den Abstiegskandidaten aus Aue extrem wichtig, um keine Zweifel einschleichen zu lassen.

Doch der Spielrhythmus ist durch die Weihnachtspause verloren, etwas, mit dem das Team bisher gar nicht gut klarkam. Zwei der drei Saisonniederlagen (0:1 in Hannover, 0:4 in Darmstadt) folgten auf Länderspielpausen. Beim 4:2-Sieg in Heidenheim nach einer weiteren Unterbrechung hatte St. Pauli großes Glück, dass die Heimmannschaft bei ihrer drückenden Überlegenheit nicht schon im ersten Durchgang den „Sack zugemacht“ hatte.

Wird der FC St. Pauli in die Bundesliga aufsteigen?

Das erste Spiel in einem Kalenderjahr war in den vergangenen fünf Jahren ebenfalls keine Stärke der Kiezkicker. Es gab vier Niederlagen und nur einen Sieg, allerdings musste die Mannschaft auch viermal auswärts antreten. Dass ein Rückschlag in der ersten Partie des Jahres nicht unbedingt einen Hinweis auf die weitere Saison gibt, zeigte St. Pauli jedoch vor einem Jahr: Dem 1:2 in Fürth am (coronabedingt erst) 14. Spieltag am 3. Januar folgte der Aufschwung: Platz vier in der Rückrundentabelle, am Ende der sichere Klassenerhalt – und die Basis für die überragende Hinserie.

31 Punkte holte das Team von Timo Schultz in den 17 Spielen der Rückrunde 2020/21. Wenn das wieder gelingt, dürfte der Aufstieg sicher sein: Mit 67 Zählern ist seit 2017 jedes Team direkt in die Bundesliga aufgerückt. 2021 benötigte man dafür 64 Punkte, 2020 58, 2019 57, und 2018 60. Für Relegationsplatz drei waren zwischen 2021 und 2017 62, 55, 57, 56 und 66 Punkte nötig.

Wahrscheinlich kennen die Verantwortlichen – und die Spieler – diese Statistiken, sie verdrängen sie aber. „Klar wollen wir mit einem Sieg anfangen, trotzdem haben wir immer gut daran getan, uns auf das Spiel, unsere Leistung und unsere Inhalte zu konzentrieren“, sagt Schultz.

St. Pauli in der Chancenverwerterung "Überperformer"

Bisher ist das exzellent gelungen. Sein Team wird bei Statistikern in Sachen Chancenverwertung als „Überperformer“ geführt. Bei normaler Ausbeute sollte St. Pauli laut den „XGoals“ (erwartete Tore) hinter Schalke, Bremen, dem HSV nur auf Platz vier stehen. Aber es gibt eben Guido Burgstaller. Der Österreicher führt mit 14 Treffern die Torjägerliste an. Er erzielte sechsmal das 1:0, fünf dieser Spiele wurden gewonnen.

Burgstaller ist unersetzlich, mit vier Gelben Karten ist er jedoch in Gefahr, für das Lokalderby am kommenden Freitag beim HSV auszufallen. Schultz ist das egal. „Er soll seinen Stiefel weiter runterspielen, weiter griffig sein und vorweggehen, auch mit der Schärfe“, fordert der Trainer, „die anderen Spiele brauchen uns jetzt nicht zu interessieren.“ Vorlagengeber Daniel-Kofi Kyereh fehlt jedoch wegen des Afrika-Cups. „Unser Spiel verändert sich schon, wenn Kofi nicht auf dem Platz steht“, sagt Schultz. Wahrscheinlich wird Christopher Buchtmann Kyereh ersetzen.

"Müssen jeden Zweikampf mit 100 Prozent führen"

Weil zuletzt hoch und aggressiv pressende Mannschaften mit Fünferkette dem Tabellenführer Probleme bereitet haben, ging es im Trainingslager in Benidorm auch darum, mehr Lösungen dagegen zu erarbeiten. „Das ist das, was wir beeinflussen können“, erklärte Schultz.

Auch Aue wird mit Fünferkette spielen, versuchen, physisch aufzutreten. Gegen die Sachsen hat sich seine Mannschaft in „den vergangenen Jahren nicht mit Ruhm bekleckert“ (Philipp Ziereis). Nur zwei Siege gelangen St. Pauli in den vergangenen zehn Partien. „Wir müssen jeden Zweikampf mit 100 Prozent führen“, sagte der Teamchef des Tabellen-17., Marc Hensel, „aber Kiel hat gezeigt, dass St. Pauli verwundbar ist.“

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