FC St. Pauli

„Es war furchtbar“: So erlebte Timo Schultz die Quarantäne

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Zurück im Rampenlicht: Trainer Timo Schultz darf nach seiner Corona-Quarantäne den FC St. Pauli in Düsseldorf wieder betreuen.

Zurück im Rampenlicht: Trainer Timo Schultz darf nach seiner Corona-Quarantäne den FC St. Pauli in Düsseldorf wieder betreuen.

Foto: Valeria Witters / WITTERS

St. Paulis Cheftrainer darf nach seiner Corona-Infektion sein Team in Düsseldorf wieder betreuen. Die Isolation war für ihn eine Qual.

Hamburg. Es waren keine leichten Tage, die Timo Schultz seit dem Sonnabend vor zwei Wochen in einem Zimmer seines Hauses verbracht hat. Rein gesundheitlich, das stellt der Cheftrainer des FC St. Pauli klar, sei es ihm bis auf einen leichten Schnupfen gut gegangen. „Ich habe so viel geschlafen wie seit der Geburt unserer ersten Tochter nicht mehr“, berichtete er am Freitagmorgen. „Aus mentaler Sicht aber war die Zeit deutlich schwieriger“, sagte der 44-Jährige am Freitagmorgen bei der virtuellen Pressekonferenz vor dem Auswärtsspiel bei Fortuna Düsseldorf an diesem Sonnabend (20.30 Uhr, Sport 1 und Sky sowie Liveticker bei Abendblatt.de).

Dies war sein erster Termin, seit er sich am 27. November nach einem positiven Corona-Test in häusliche Quarantäne begeben hatte. Am Vormittag leitete er erstmals wieder das Training, ehe es per Flugzeug in die Landeshauptstadt Nordrhein-Westfalens ging. An den Tagen zuvor waren die PCR-Tests negativ ausgefallen, sodass er die Quarantäne am Freitag beenden durfte.

St.-Pauli-Trainer Schultz schildert Corona-Quarantäne

Eindrucksvoll schilderte Schultz weiter, wie sich sein sonst so munteres Berufs- und Privatleben, in dem Kontakte und die direkte Kommunikation in der Gruppe und mit Einzelnen essenzielle Bestandteile sind, in den vergangenen zwei Wochen verändert hatte. „Ich war komplett einkaserniert in meinem Zimmerchen, habe viel am Laptop gesessen, Fußball im Fernsehen geschaut und Sachen erledigt, die man auf die lange Bank schiebt“, erzählte er. „Es war ein komisches Gefühl, oben allein im Zimmer zu sein und unten die Stimmen deiner Familie zu hören. Aber wir wollten vermeiden, dass sich unsere Kinder anstecken. Das hat zum Glück auch geklappt.“ Auch deshalb habe er sich nicht nur in seinem Zuhause, sondern hier eben auch noch mal in einem einzigen Zimmer isoliert.

„Sie haben mir das Essen vor die Zimmertür gestellt. Dann haben wir zur selben Zeit gegessen und uns dabei über Facetime gesehen“, erzählt Schultz über das „Gemeinschaftsgefühl“ bei den Mahlzeiten mit seiner Frau Mareelke und den drei Kindern.

Schultz fühlte sich als Fan zweiter Klasse

Als seine Mannschaft am 28. November in Nürnberg spielte, kam er sich in seinem Quarantänezimmer sogar vor wie ein Fußballfan zweiter Klasse. „Ich konnte das Spiel nur auf Sky Go schauen, meine Familie unten aber normal auf Sky. Als bei mir noch ein Nürnberger auf unser Tor schoss, haben sie unten schon gejubelt. Da wusste ich, dass wir 1:0 führen“, berichtete Schultz. „Da war ein Zeitunterschied von mehr als einer Minute.“ Das einzig Gute am Fußballkonsum daheim sei, dass man während des Spiels die Toilette aufsuchen könne.

„Das möchte ich aber nicht noch einmal erleben. Ich habe ohne Ende geschwitzt, aber nicht, weil ich krank war. Es war wirklich furchtbar, tatenlos zugucken zu müssen“, berichtete er weiter. Die Verbindung mit dem Handy zur Trainerbank sei kein adäquater Ersatz.

An diesem Sonnabend wird er alle Aktionen seines Teams wieder in Echtzeit und ganz aus der Nähe erleben und sich nicht mehr über eine großzügige Interpretation des Begriffs „Liveübertragung“ ärgern müssen. Das Auswärtsspiel bei Fortuna Düsseldorf bildet den Abschluss der Zweitliga-Hinserie und eröffnet die Chance, mit einem Sieg und dann 38 Punkten den vereinsinternen Halbserienrekord zu verbessern. Mit einem Remis wäre die bisherige Bestmarke (36) aus der Hinserie 2011/12 egalisiert.

Schultz lobt seine Vertreter überschwänglich

Die aktuelle Tabellenkonstellation deutet auf eine klare Favoritenrolle des Spitzenreiters St. Pauli gegenüber dem mit 16 Punkten weniger ausgestatteten Tabellenelften Düsseldorf hin. Doch am vergangenen Wochenende ließ die Fortuna mit einem ebenso unerwarteten wie überzeugenden 3:1 beim bis dahin so starken SV Darmstadt 98 aufhorchen.

Tabellenspitze 2. Bundesliga
1. SC Paderborn 8 / 24:8/ 19
2. HSV 8 / 12:5 / 18
3. Heidenheim 8 / 12:5 / 15
4. Darmstadt 98 8 / 15:10/ 15
5. Düsseldorf 8 / 16:10 / 14
6. Hannover 96 8 / 14:10 / 14
7. Kaiserslautern 8 / 16:13 / 13
8. Holstein Kiel 8 / 14:15 / 12

10. FC St. Pauli 8 / 14:13 / 10

„Die Düsseldorfer sind eine sehr erfahrene Zweitligatruppe. Sie sind in dieser Saison nicht ganz so in die Spur gekommen und haben gesucht, was das Richtige für sie ist. Nach dem Sieg in Darmstadt werden sie mit viel Selbstvertrauen in der Trainingswoche zu Werke gegangen sein und sich vorgenommen haben, auch uns ein Bein zu stellen“, sagte Schultz jetzt zum Gegner.

Dabei warnte er vor Düsseldorfs Topstürmer Rouwen Hennings (34/acht Saisontore). „Wir kennen ihn und seinen linken Fuß. Wenn man ihn zum Abschluss kommen lässt, wird es brandgefährlich“, sagte Schultz über seinen früheren Mitspieler bei St. Pauli, mit dem er 2010 in die Bundesliga aufstiegen war.

Mit den Siegen in Nürnberg (3:2) und gegen Schalke (2:1) während Schultz’ Quarantäne konnten sich seine Co-Trainer Loic Favé und Fabian Hürzeler (beide 28) profilieren. „Die beiden haben es überragend gemacht. Ich habe ihnen zu 100 Prozent vertraut, weil ich seit eineinhalb Jahren sehe, wie sie arbeiten“, lobte Schultz. „Wir sehen uns als Team. Die Spiele vorher haben wir ja nicht gewonnen, weil ich da vorn an der Linie gestanden habe.“ Zurück ins einsame Zimmer will er aber auch bei einer Niederlage in Düsseldorf nicht gehen.

Fortuna Düsseldorf: Wolf – Klarer, Oberdorf, Nedelcu – Narey, Ao Tanaka, Koutris – Sobottka, Piotrowski – Iyoha, Hennings.

FC St. Pauli: Vasilj – Zander, Ziereis, Lawrence, Paqarada – Smith – Irvine, Hartel – Kyereh – Burgstaller, Matanovic.

Die umstrittene Werbeaktion für seinen Online-Fanshop in Form einer Parodie auf Verkaufs-TV-Sender hat der FC St. Pauli abgesetzt und zudem einen eigenen Twitter-Kommentar zur harten Kritik von Fans an der Aktion als „fehl am Platze“ bezeichnet.

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