Tabellenführer

Was den FC St. Pauli jetzt zum Aufstiegsfavoriten macht

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Carsten Harms und Julius Allzeit
Die Mannschaft des FC St. Pauli feierte noch lange nach dem Schlusspfiff mit ihren Fans den Sieg über Dynamo Dresden und die Übernahme der Tabellenführung.

Die Mannschaft des FC St. Pauli feierte noch lange nach dem Schlusspfiff mit ihren Fans den Sieg über Dynamo Dresden und die Übernahme der Tabellenführung.

Foto: TayDucLam / WITTERS

Der FC St. Pauli untermauert gegen Dresden, das aktuell beste Team der Zweiten Liga zu sein. Botschaft auf der Bande Richtung AfD.

Hamburg.  Als zwei stille Genießer standen Timo Schultz und Andreas Bornemann im Mittelkreis, schauten aus gebührender Entfernung entspannt zu, wie ihre Mannschaft schön nebeneinander aufgereiht vor der Südtribüne des Millerntor-Stadions stand und mit den dort dicht gedrängt stehenden Fans ausgelassen feierte. Anlass dazu gab es reichlich. 3:0 gegen Dynamo Dresden gewonnen, einen neuen Startrekord mit fünf Heimsiegen in Folge zu Beginn einer Saison aufgestellt – und die Tabellenführung zurückerobert, die St. Pauli nach dem 3:0 gegen Holstein Kiel mit eben jenen Dresdnern (3:0 gegen Ingolstadt) schon nach dem ersten Spieltag innehatte.

Dresden redet St. Pauli zum Aufstieg

Jetzt grüßt St. Pauli sogar ganz allein von der Spitzenposition, die nach nunmehr neun Spieltagen weit mehr Aussagekraft besitzt als nach dem Auftaktmatch. „Der Aufstieg in die Bundesliga führt in dieser Saison über den FC St. Pauli. Es war unser bisher stärkster Gegner“, lobte Dresdens Trainer Alexander Schmidt. Immerhin hatte sein Team am Wochenende zuvor Bundesliga-Absteiger Werder Bremen mit 3:0 bezwungen und einige Wochen zuvor ein 1:1 beim HSV erreicht.

„Die Mannschaft hat eine unheimliche Wucht, wir waren beeindruckt, wie der Gegner hier herausgekommen ist. In der Theorie wussten wir, welche spielerische Klasse St. Pauli hat. Aber wenn man es dann in der Praxis spürt, ist es noch einmal etwas anderes“, sagte Schmidt weiter. „Hinten haben sie eine brutale Stabilität, lassen nur ganz wenig zu. Und nach vorn sind sie super kreativ, laufstark und schnell.“

Tabellenspitze 2. Bundesliga
1. FC Schalke 04 34 / 72:44 / 65
2. Werder Bremen 34 / 65:43 / 63
3. HSV 34 / 67:35 / 60
4. Darmstadt 98 34 / 71:46 / 60
5. FC St. Pauli 34 / 61:46 / 57

St. Pauli feiert Traumstart dank Buchtmann

Dabei hatte St. Paulis Trainer Timo Schultz gezwungenermaßen seine zuletzt so erfolgreiche Startelf verändern müssen. Anstelle des leicht angeschlagenen Maximilian Dittgen, der ganz im Kader fehlte, rückte etwas überraschend Mittelfeldspieler Christopher Buchtmann in die Anfangsformation und nahm die Zehnerposition hinter den Spitzen ein. Daniel-Kofi Kyereh rückte von dort ein Stück nach vorn als Sturmpartner von Torjäger Guido Burgstaller.

Die Einzelkritik von St. Pauli:

Im Gästeblock tummelten sich nur knapp 200 Dynamo-Anhänger. Das Kontingent von 1500 Karten war bei Weitem nicht ausgeschöpft worden, nachdem die aktive Fanszene der Dresdner wegen der bei St. Pauli gültigen 2G-Regel den Besuch boykottiert hatte. Sie erlebten mit, wie auf der gegenüberliegenden Seite St. Pauli schon kurz vor dem Ablauf der ersten 60 Sekunden in Führung ging. Dass ausgerechnet Buchtmann diesen Treffer mit einem Linksschuss von der Strafraumgrenze ins linke obere Toreck nach einem Doppelpass mit Daniel-Kofi Kyereh erzielte, passte irgendwie ins Bild dieses besonderen Spiels. „Das war ein Traumstart“, sagte Schultz nach dem Abpfiff treffend.

St.-Pauli-Talent sorgt für die Krönung

Trotz einer teilweise sehr klaren Überlegenheit dauerte es mehr als 70 Minuten, bis sich St. Pauli wirklich sicher fühlen konnte, auch das fünfte Heimspiel dieser Saison für sich zu entscheiden. Fast zwei Minuten nach einer unübersichtlichen Situation im Dresdner Strafraum, nutzte der insgesamt gute Schiedsrichter Bastian Dankert eine Spielunterbrechung, um nach einem Hinweis von Videoassistent Sascha Stegemann die Szene noch einmal auf dem Bildschirm anzuschauen. Danach wertete er die Aktion des Dresdners Michael Sollbauer an Marcel Hartel als Foul. Wie schon zuletzt in Karlsruhe verwandelte Guido Burgstaller den Strafstoß sicher zum 2:0 (73.) und schraubte sein Torkonto bereits auf sieben in dieser Saison.

Dass am Ende auch noch dem eingewechselten Talent Marcel Beifus (18) nach einem Konter das 3:0 (90.+3) gelang, war die Krönung eines sehr gelungenen Nachmittags. „Es hat mir Spaß gemacht, dem Spiel zuzugucken“, sagte Trainer Schultz weiter. Die gut 14.000 St.-Pauli-Fans konnten dies nur bestätigen und feierten ihr Team schon Minuten vor dem Abpfiff als „Spitzenreiter.“

„Ich kann auch die Tabelle lesen. Es fühlt sich auch für mich sehr gut an, Spitzenreiter zu sein. Aber es fühlt sich auch sehr gut an, zum Training zu kommen und zu wissen, noch viel zu tun zu haben“, sagte Schultz. „Ich liebe Euphorie und verbiete keinem das Träumen, solange er das Arbeiten nicht vergisst.“

Nach AfD-Flyer-Aktion: St. Pauli überrascht mit Bandenwerbung

Dass der FC St. Pauli bei aller Freude über die sportliche Entwicklung seine politische Haltung nicht vergessen hat, fiel während des Spiels wohl vor allem den Fernsehzuschauern auf. Auf einer Werbebande stand: „Der FC St. Pauli grüßt den Flyerservice Hahn.“ Eine Anspielung auf die fiktive Firma, die der AfD die Verteilung von Flyern zugesagt, diese dann aber in siebenstelliger Zahl entsorgt hatte. Die Bande stehe für sich, teilte St. Pauli auf die Frage nach einem Statement des Clubs dazu mit.

Die Statistik

  • FC St. Pauli: Vasilj – Zander (87. Lawrence), Ziereis, Medic, Paqarada (87. Dzwigala) – Aremu – Irvine, Hartel – Buchtmann (65. Benatelli) – Burgstaller (90.+1 Beifus), Kyereh (90.+1 Ritzka).
  • Dynamo Dresden: Broll – Becker (85. Aidonis), Sollbauer, Akoto, Löwe (81. Will) – Stark – Kade (46. Diawusie), Mörschel – Daferner – Schröter (68. Giorbelidze), Königsdörffer (68. Seo
  • Schiedsrichter: Bastian Dankert (Rostock). Tore: 1:0 Buchtmann (1.), 2:0 Burgstaller (73., Foulelfmeter/Videobeweis), 3:0 Beifus (90.+3).
  • Zuschauer: 14.773 (ausverkauft).
  • Gelbe Karten: Zander – Königsdörffer, Giorbelidze.
  • Statistik: Torschüsse: 17:6, Ecken: 6:0, Ballbesitz: 55:45 Prozent, Zweikämpfe: 100:97.

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