FC St. Pauli

Erfolgsserie: Bornemann holte die Top-Talente ins Team

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Carsten Harms
St. Paulis Sportchef Andreas Bornemann hat sich mit seiner Familie längst in Hamburg eingelebt.

St. Paulis Sportchef Andreas Bornemann hat sich mit seiner Familie längst in Hamburg eingelebt.

Foto: TayDucLam / WITTERS

St. Paulis Sportchef kann sich derzeit in seiner Personalpolitik bestätigt fühlen. „Es ist immer eine Gemeinschaftsarbeit“, betont er.

Hamburg.  Entspannt und mit einiger Freude kann Andreas Bornemann (50) in diesen Tagen und Wochen seiner Arbeit als Sportchef des FC St. Pauli nachgehen. Die im Sommer verpflichteten Zugänge haben ganz überwiegend die Erwartungen erfüllt oder gar übertroffen, die umworbenen Leistungsträger Daniel-Kofi Kyereh (25) und Finn Ole Becker (21) konnten zumindest für diese Saison gehalten werden, die als so schmerzlich empfundenen Verluste der Leihspieler Rodrigo Zalazar (ohne Scorerpunkt bei Schalke) und Omar Marmoush (VfB Stuttgart) wurden kompensiert – und nicht zu vergessen: Das Team steht nach acht Spieltagen als Tabellenzweiter so gut da wie zuletzt vor zehn Jahren zu diesem Zeitpunkt der Saison.

In der Anfangsformation, die Trainer Timo Schultz am Sonnabend beim 3:1-Sieg in Karlsruhe auf den Rasen geschickt hatte, standen in Person von Luca Zander (26) und Philipp Ziereis (28) lediglich zwei Akteure, die auch schon da waren, als Bornemann offiziell am 1. Juli 2019 sein Amt beim Millerntor-Club als Nachfolger des knapp drei Monate zuvor beurlaubten Uwe Stöver (jetzt Holstein Kiel) übernahm. Alle anderen Startelfspieler und dazu zwei der vier eingewechselten Profis hat er im Laufe der vergangenen 27 Monate verpflichtet.

FC St. Pauli: Bornemann konstruierte Kader

Es wäre also keineswegs übertrieben zu behaupten, dass es spätestens in dieser Saison eine von „Baumeister“ Bornemann konstruierte Mannschaft ist, die da gerade mit einem attraktiven und temporeichen Kombinationsfußball die Fans begeistert und die Konkurrenz beeindruckt. Er hat dem Kader seinen Stempel deutlich aufgedrückt. Insgesamt 20 Spieler des aktuellen Profi-Aufgebots hat Bornemann ans Millerntor geholt.

„Mir gefällt die Sichtweise nicht, dass es ,meine‘ Mannschaft ist. Ein Team zusammenzustellen ist immer eine Gemeinschaftsarbeit. Die Scouts haben dabei eine wichtige Aufgabe. Und bei jedem Transfer entscheidet auch immer der Trainer mit“, sagte Bornemann am Montag im Gespräch mit dem Abendblatt selbst dazu. „Wenn einer von uns bei einem Kandidaten Bauchschmerzen hat, wird es nicht funktionieren. Dann wird er auch nicht verpflichtet.“

FC St. Pauli: Arbeit von Bornemann überzeugt

Längst hat Bornemann mit seiner Arbeit auch das Präsidium und den Aufsichtsrat St. Paulis überzeugt. Schon im Juli war sein Vertrag vorzeitig verlängert worden. Zudem gilt er als einer der ersten Kandidaten, um nach der kürzlich verabschiedeten Satzungsänderung als hauptamtlich tätiger „besonderer Vertreter“ ins grundsätzlich ehrenamtliche Präsidium aufzurücken.

Die Anzahl und Quote der von Bornemann in den beiden vergangenen Jahren verpflichteten „Volltreffer“ kann sich absolut sehen lassen. Neben Königstransfer und Sturmführer Guido Burgstaller seien nur Offensivspieler Daniel-Kofi Kyereh und Außenverteidiger Leart Paqarada sowie zur aktuellen Saison Torwart Nikola Vasilj und Innenverteidiger Jakov Medic genannt. Der Frage, welches denn nun sein bisher bester Transfer für St. Pauli gewesen sei, weicht Bornemann dann aber doch lieber aus. „Damit würde ich vielen anderen Spielern, die in den vergangenen zwei Jahren zu uns gekommen sind, unrecht tun.“

Viele Spieler erhielten keinen neuen Vertrag

Bornemanns Arbeit, die seit seinem Amtsantritt von einem enormen personellen Umbruch geprägt war, stieß bei der vielschichtigen Schar der Anhänger und Sympathisanten den Clubs längst nicht nur auf Zustimmung. Etliche beliebte Spieler wie Waldemar Sobota, Johannes Flum, Daniel Buballa und Ryo Miyaichi erhielten keinen neuen Vertrag, Torwart Robin Himmelmann musste sogar ein halbes Jahr vor Vertragsablauf gehen. Dazu verkaufte er Henk Veerman und Mats Möller Daehli für einen siebenstelligen Betrag. Manch Fan warf Bornemann vor, möglichst alles über Bord zu werfen, was für das „alte St. Pauli“ steht.

„Gerade bei unpopulären Entscheidungen brauchst du als Sportchef den Rückhalt der anderen Entscheidungsträger im Verein. Als ich hier angetreten bin, war es der erklärte Wille aller Entscheidungsträger, etwas zu verändern. Wir haben uns damals sehr viel Zeit für die Analyse genommen und sind zu der Erkenntnis gekommen, dass einzelne Rädchen im Gesamtgefüge nicht kompatibel waren. Darauf habe ich sehr früh hingewiesen“, sagte Bornemann jetzt und erklärte sein Handeln, das auch von den wirtschaftlichen Zwängen der Corona-Pandemie geprägt war.

Klare Strategie dank Timo Schultz

Tatsächlich war der 2019 vorgefundene Kader ein Produkt von drei Sportchefs und sechs Trainern. „Jeder von ihnen hatte für sich eine Idee, wie er das Team verbessern kann“, sagte Bornemann jetzt. Es fehlte aber eben an einer klaren, übergreifenden Strategie. Diese ist nun, vor allem seit Timo Schultz 2020 das Amt des Cheftrainers übernommen hat, deutlich zu erkennen.

„Ein neuer Spieler muss zur grundsätzlichen Spielidee passen. Wenn wir einen fußballerischen Ansatz haben, geht das nur mit Spielern, die gern kicken und kombinieren wollen. Es geht also darum, ein klares Profil zu definieren und einen dazu passenden Spieler zu finden“, nennt Bornemann ein wichtiges Kriterium bei jeder Verpflichtung.

FC St. Pauli: Persönliche Gespräche ein Muss

Ein weiterer entscheidender Punkt sei die „Gruppenkompatibilität“. „Das ist nicht objektiv messbar. Daher muss man sich Informationen einholen und seine Erfahrung einbringen. Auch einzelne Spieler können in einer großen Gruppe einen sehr starken Einfluss haben – positiv wie negativ“, sagt er. Und schließlich müsse auch die mentale Komponente stimmen: „Ist der Spieler so ehrgeizig, dass er immer noch besser werden und immer gewinnen will?“

Um gerade die beiden letzten Punkte, die sich nicht anhand von Daten, Statistiken und Spielszenen klären lassen, möglichst gut beurteilen zu können, sind für Bornemann persönliche Gespräche ein Muss. „Die Corona-Situation hat dies zuletzt erschwert, aber auch beim Videogespräch kann man ein Gefühl dafür entwickeln, wie ehrlich und authentisch es ist, was der Kandidat sagt“, versichert St. Paulis Sportchef. Schon bald wird für ihn die etwas entspanntere Phase der Saison zu Ende gehen, mögliche Top-Transfers in der Winterpause wollen schließlich gut vorbereitet sein.

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