FC St. Pauli

Jakov Medic kippt die geplante Hierarchie

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Andreas Hardt
St. Paulis Verteidiger Jakov Medic (23) stand neben Guido Burgstaller als einziger Feldspieler jede Minute auf dem Platz.

St. Paulis Verteidiger Jakov Medic (23) stand neben Guido Burgstaller als einziger Feldspieler jede Minute auf dem Platz.

Foto: Witters

St. Paulis Neuzugang gehört auf Anhieb zu den besten Innenverteidigern der Liga – dabei kann er auch im Sturm und als Sechser spielen.

Hamburg. Aus drei mach zwei, keine leichte Aufgabe für Trainer Timo Schultz. Mannschaftskapitän Philipp Ziereis ist nach abgesessener Rotsperre für den FC St. Pauli im Zweitligaspiel gegen den FC Ingolstadt 04 (Sonntag, 13.30 Uhr/Sky und im Liveticker auf abendblatt.de) wieder spielberechtigt und stellt Schultz damit vor ein Luxuspro­blem: „Das ist sicherlich ein Härtefall in der Innenverteidigung, den es noch nicht gegeben hat, seit ich das hier mache.“

Es ist schon eine kuriose Situation. Da ist der Kapitän Ziereis (28), seit acht Jahren bei St. Pauli und 142 Zweitligaspiele auf dem Buckel. Da ist James Lawrence (29), sein Stellvertreter als Kapitän, walisischer Nationalspieler mit internationaler Erfahrung. Und da ist Jakov Medic, 23 Jahre junger Kroate, neu verpflichtet im Sommer, der insgesamt gerade einmal 19 Zweitligaspiele absolviert hat. Aber sich in der bisherigen Saison schon als unverzichtbar beim FC St. Pauli erwiesen und die geplante Hierarchie über den Haufen geworfen hat.


„Es ist natürlich eine gute Situation für uns, aus dem Vollen schöpfen zu können“, freut sich Schultz, „alle drei sind sehr gute Innenverteidiger für die Zweite Liga.“ Wobei man das bei Ziereis und Lawrence wusste, bei Medic aber nur hoffen konnte. „Man hat immer gewisse Erwartungen an jede Verpflichtung“, sagt Sportchef Andreas Bornemann, „aber in diesem Tempo ist seine Entwicklung schon überraschend.“

Bornemann hatte Medics Potenzial früh erkannt

Bornemann hatte Medic schon 2018 als 19-Jährigen aus Kroatien zur zweiten Mannschaft des 1. FC Nürnberg geholt, die in der Bayernliga spielte. „Da war schon erkennbar, dass er ein großes Potenzial hat“, sagt Bornemann. Den Sprung zu den „Club“-Profis schaffte Medic aber nicht. 2019 folgte zunächst auf Leihbasis der Wechsel zum damaligen Zweitligisten Wehen Wiesbaden. Nach einer starken Drittligasaison nutzte Medic im Sommer eine Ausstiegsklausel, um sich St. Pauli anzuschließen.

400.000 Euro soll die Ablöse betragen haben. Wohl ein Schnapper für die Kiezkicker. Tatsächlich ergeben die Daten der Scouting-Plattform „Wyscout“, dass Medic nach den ersten sechs Spieltagen zu den besten Innenverteidigern der Zweiten Liga zählt, wenn nicht gar der Beste ist. Das hat der Internetblog „Millernton“ herausgefunden. Medic ist überdurchschnittlich zweikampfstark, sowohl am Boden als auch in der Luft, niemand in der Liga hat mehr Pässe abgefangen und niemand mehr Schüsse abgeblockt. Er ist im gegnerischen Strafraum gefährlich bei Kopfbällen – siehe sein Tor in Magdeburg und der Lattentreffer in Hannover. Nur die Spieleröffnung könnte noch besser werden.

Nur Medic und Burgstaller jede Minute dabei

Diese Leistungen haben dazu geführt, dass Medic unverzichtbar geworden ist und neben Guido Burgstaller als einziger Feldspieler bei St. Pauli jede Minute auf dem Platz stand. „Jakov kann auf beiden Seiten spielen, obwohl er Rechtsfuß ist“, sagt Schultz, „er fühlt sich links aber wohler.“ Das könnte bedeuten, dass Lawrence wieder auf die Bank muss und Ziereis dessen Platz rechts einnimmt.

In Wiesbaden wurde Medic auch auf der Sechs und im Sturm eingesetzt, das ist für Schultz aber keine Option: „Es tut ihm gut, eine Position zu haben, auf der er sich etablieren kann, wo er sich ganz viel Sicherheit und ganz viel Spielzeit holen kann“, meint der Trainer.

Bornemann über Medic: „Ein guter Junge“

„Nur fünf Prozent ist Talent, der Rest ist Arbeit, Arbeit, Arbeit“, sagt Jakov Medic zu seiner Berufsauffassung. Das habe ihm sein Onkel eingetrichtert. Der Onkel heißt Dario Simic und gilt als einer der besten Spieler der kroatischen Fußballgeschichte. Simic (45) gehörte zu der Mannschaft, die 1998 WM-Dritter wurde, 2003 und 2007 gewann er mit dem AC Mailand die Champions League. „Wir reden viel miteinander“, sagt Medic, „und wenn ich älter werde, dann möchte ich für große Clubs spielen wie mein Onkel.“

Ausgeschlossen scheint das nicht. „Er ist sehr diszipliniert und fokussiert, ein guter Junge“, sagt St. Paulis Sportchef, „und wenn ein Spieler Begehrlichkeiten weckt, dann ist das eine Bestätigung für die Arbeit aller im Verein.“

St. Paulis Ultras vor der Rückkehr

Die Gegenwart ist aber Zweite Liga. Das heißt am Sonntag Aufsteiger Ingolstadt – und ein relativ volles Millerntor-Stadion. 15.000 Fans sind unter 2G-Bedingungen erlaubt, die Ultras haben die Rückkehr auf die Südtribüne angekündigt. Das verspricht eine Stimmung, wie sie viele St.- Pauli-Profis nicht kennen. „Ein Jakov Medic hat in Wiesbaden vor 2000 bis 2500 Fans gespielt“, sagt Schultz.

Damit steht der Kroate nicht allein. „Die wenigsten bei uns haben schon mal vor einem vollen Millerntor gespielt, das muss man fühlen“, weiß der Trainer, „die Fans sind sicherlich ein Trumpf zu Hause.“ Sämtliche drei Heimspiele bislang wurden gewonnen, auch wenn das Stadion alles andere als voll sein konnte.

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