1:3 in Paderborn

FC St. Pauli: Drei Blackouts für null Punkte

| Lesedauer: 7 Minuten
Andreas Hardt

Die Hamburger zeigen trotz 85 Minuten Unterzahl beim SC Paderborn eine gute Leistung, scheitern aber an Fehlern.

Paderborn/Hamburg.  Am Sonntagmorgen betrat Kapitän Philipp Ziereis zum Spielersatztraining der Reservisten das Gelände des FC St. Pauli an der Kollaustraße. Statt wie die Stammkräfte im Niendorfer Gehege auszuradeln, stand für den Innenverteidiger eine knackige Einheit auf dem Programm, um die Belastung hochzuhalten. Das ist er nicht gewohnt. Aber Ziereis hatte eben am Tag zuvor beim SC Paderborn nur fünf Minuten gespielt, dann beendete Schiedsrichter Benjamin Brand mit einer Roten Karte seinen Arbeitstag.

Ziereis´ Zupfen am Ärmel des Paderborners Sven Michel war der erste von drei entscheidenden Fehlern der Hamburger, die letztlich trotz einer guten Leistung zum 1:3 (1:1) bei den Ostwestfalen führten, der ersten Saisonniederlage für den so stark in die Saison gestarteten „Stadtmeister“. Ein Eigentor von Adam Dzwigala (45.) und eine vergebene Riesengroßchance durch Daniel-Kofi Kyereh (47.) komplettierten den Dreierpack der spielentscheidenden Blackouts. „Heute war alles dabei, das komplette Programm, was gegen uns laufen kann“, sagte Trainer Timo Schultz, „das war dann zu viel, und dann verlierst du so ein Spiel.“

Trainer des FC St. Pauli zufrieden mit der Einstellung seines Teams

Auch die 300 zugelassenen St.-Pauli-Fans unter den 6000 Zuschauern in der Benteler-Arena hatten ein gutes Gespür für die Situation und bedachten „ihre“ Spieler nach dem Schlusspfiff mit langem, freundlichem und aufbauendem Applaus. „Wir waren trotz der langen Unterzahl auf Augenhöhe mit einer richtig guten Mannschaft. Von der Einstellung her kann ich den Jungs keinen Vorwurf machen“, sagte Schultz, „dass man so ein Spiel auch mal verliert, das gehört dazu. Das ist für uns ein Entwicklungsprozess.“

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Dass die Paderborner mit Volldampf in die Partie starten würden, aggressiv in die Zweikämpfe gehen und enormen Druck aufbauen, dass hatte St. Paulis Trainerteam erwartet. Dass seine Spieler dennoch überrascht und etwas ungeordnet schienen, allerdings nicht. „Die ersten zehn, 15 Minuten waren nicht gut“, räumte Guido Burgstaller ein. Der Platzverweis und die Unterzahl waren eine direkte Folge dieses Chaos. Ziereis verschätzte sich bei einem langen Ball, grapschte nach dem Trikot des enteilten Michel. Rot für Notbremse, weil er nicht im Kampf um den Ball gefoult hatte. Und Elfmeter. Bitter, aber regelgerecht. „Da haben wir uns nicht clever angestellt“, monierte der Trainer.

Hamburger 85 Minuten in Unterzahl

Torwart Nikola Vasilj hielt den Strafstoß von Dennis Srbeny. Das war gut. Aber Ziereis war weg, es folgten 85 Minuten Unterzahl. Das war schlecht. Der formstarke Derbyheld Simon Makienok musste für Innenverteidiger James Lawrence „geopfert“ werden. Die Option, das Paderborner Pressing hoch zu überspielen, war weg.

„Gegen Paderborn wird es sehr schwer, in 85 Minuten Unterzahl zu bestehen. Wir haben es trotzdem gut gemacht, wir haben leidenschaftlich verteidigt“, sagte Marcel Hartel. Mit zunehmender Spieldauer bekam St. Pauli mehr Ordnung in seine Aktionen. Sie konnten sich befreien, leiteten Gegenangriffe ein, bei denen Kyereh dreimal erst im letzen Moment geblockt wurde. Bis er in der 28. Minute nach einer wunderbaren Kombination über Jakov Medic und Finn Ole Becker Burgstaller fand, der zum 0:1 erstklassig abschloss. Die spielerische Klasse des Teams wurde da deutlich.

Ausgleich war der Knackpunkt

„Klar war Paderborn in Überzahl spielbestimmend, aber wir haben sie vom Tor gut weggehalten“, sagte Schultz. Vieles lief nach Plan: Lass den Gegner in Überzahl außen angreifen oder doppeln, dann fehlt halt ein Abnehmer in der Mitte. Vasilj musste nach der Führung nicht mehr ernsthaft eingreifen. Die euphorischen Paderborner Zuschauer wurden immer stiller. Jakov Medic schwang sich zum Organisator der leidenschaftlichen Abwehrarbeit auf, Eric Smith stand (fast) immer richtig. Und trotzdem fiel das 1:1 unmittelbar vor dem Halbzeitpfiff aus dem Nichts.

„Dieser Ausgleich war der Knackpunkt“, meinte Paderborns Trainer Lukas Kwasniok, „das war entscheidender um im Spiel zu bleiben als der Platzverweis.“ Dzwigala köpfte eine Flanke von Robin Yalcin ohne echte Not unhaltbar ins eigene Tor. „Da hatten wir ein Quäntchen Glück“, sagte Kwasniok.

Noch viel mehr Glück hatte sein Team dann zwei Minuten nach Wiederbeginn, als Kyereh nach einem Paderborner Ballverlust völlig allein und zentral auf Torwart Jannik Huth zulief. Er konnte überlegen, was mache ich? Links vorbei oder rechts, schießen oder dribbeln? Und entschied sich schließlich falsch. Er schoss ins kurze Ecke, Huths linkes Bein zuckte raus und verhinderte die erneute Hamburger Führung. „Einfach reinhauen wäre die beste Idee gewesen“, frotzelte der Trainer hinterher.

Vorbereitung auf das Heimspiel gegen Tabellenführer Jahn Regensburg

In der 62. Minute klärte der Paderborner Keeper einen Schuss von Finn Ole Becker ebenfalls herausragend. „Wir hatten zwei Riesendinger, und wer weiß, wie das Spiel ausgeht, wenn wir ein Ding machen“, fragte sich Marcel Hartel.

Dann wird nicht verloren – diese Aussage scheint nicht zu gewagt. Auch nach dem Rückstand durch einen Fernschuss von Kai Pröger (65.) gaben die Braun-Weißen keinesfalls auf. „Gerade in der zweiten Halbzeit haben wir ein top Spiel hingelegt“, lobte Schultz. In der Schlussphase bestimmte St. Pauli das Spiel, drängte die Gastgeber hinten rein, hatte weitere Torgelegenheiten. „Wir haben alles investiert. Wir hatten vier, fünf große Chancen. Aber Paderborn hat drei Tore geschossen und wir nur eins. Das zählt beim Fußball.“ Wobei Paderborns dritter Treffer durch Sven Michel in der Nachspielzeit gegen die aufgerückte St.-Pauli-Verteidigung nur statistischen Wert hatte.

An diesem Montag hat die Mannschaft trainingsfrei, ab Dienstag beginnt die Vorbereitung auf das Heimspiel gegen den verlustpunktfreien Tabellenführer Jahn Regensburg am kommenden Sonntag (13.30 Uhr/Sky). „Wir werden versuchen, uns bis dahin so aufzustellen, dass wir die Mannschaft der Stunde schlagen können“, sagte Schultz.

Ursachenforschung beim FC St. Pauli

Bis dahin wird er also auch Ursachenforschung treiben, warum die Anfangsphase verschlafen wurde. „Eigentlich ist das unsere Stärke, ich muss mal sehen, was die Ursache ist“, kündigte der Trainer eine umfassende Analyse an. Vieles hat sein Team richtig gemacht, aber eben nicht alles. „Wir müssen darauf aufbauen, was wir hier gezeigt haben“, verlangt auch Guido Burgstaller. „Abhaken und auf das nächste Spiel fokussieren“, fordert Medic. Die Punkte sind zwar weg, von einer Krisenstimmung ist der FC St. Pauli aber weit entfernt. Vieles scheint möglich – wenn die Blackouts unterbleiben.

Paderborn: Huth - Yalcin (64. Pröger), van der Werff, Hünemeier, Collins - Schallenberg - Justvan (75. Hartmann), Schuster - Mehlem (84. Thalhammer) - Srbeny (84. Stiepermann), Michel.

St. Pauli: Vasilj – Dzwigala (62. Viet), Ziereis, Medic, Paqarada – Smith (83. Buchtmann) – Becker (63. Benatelli), Hartel (83. Dittgen) – Kyereh – Makienok (11. Lawrence), Burgstaller.

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