FC St. Pauli gegen HSV

St.-Pauli-Ikone: „Das Derby gehört in die Bundesliga“

| Lesedauer: 6 Minuten
Alexander Berthold und Carsten Harms
Helmut Schulte (63) ist heute beim VfB Stuttgart als Scout und Betreuer der verliehenen Spieler angestellt.

Helmut Schulte (63) ist heute beim VfB Stuttgart als Scout und Betreuer der verliehenen Spieler angestellt.

Foto: Witters

Helmut Schulte erzählt im Abendblatt-Podcast „Millerntalk“ von denkwürdigen Ereignissen rund ums Millerntor.

Hamburg.  Natürlich wird sich Helmut Schulte am Freitag das Stadtderby zwischen dem FC St. Pauli und dem HSV nicht entgehen lassen. In seiner aktuellen Funktion beim VfB Stuttgart als Scout und Betreuer der Leihspieler hat er ein Ticket bekommen. Doch neben dem analytischen Blick auf das Spiel werden natürlich auch Emotionen eine Rolle spielen. Gleich dreimal hat der gebürtige Sauerländer am Millerntor in wichtiger Funktion seine Spuren hinterlassen, als Cheftrainer (1988–1991), als Manager (1996–1998) und als Geschäftsführer Sport (2008–2012).

Bei seinem dritten Engagement erlebte er denn auch das, was ihm als Cheftrainer verwehrt geblieben war: einen Sieg mit dem FC St. Pauli gegen den HSV. Den 1:0-Erfolg im Februar 2011 durch den von ihm verpflichteten Gerald Asamoah. „Aber fast immer, wenn St. Pauli in einer Bundesligasaison gegen den HSV oder Bayern München gewonnen hat, ist er danach abgestiegen. Ich habe dafür lieber den Klassenerhalt geschafft“, erzählt Schulte in der neuesten Ausgabe des Abendblatt-Podcasts „Millerntalk“.

Unter Helmut Schulte blieb der FC St. Pauli zweimal in Folge in der Eliteliga

Tatsächlich gelang es ihm zweimal in Folge, 1989 und 1990, dass St. Pauli unter seiner Regie in der Eliteliga blieb. Bis heute ist dies keinem anderen Coach geglückt. Als St. Pauli dann im Juni 1991 dramatisch im dritten Relegationsspiel abstieg, war er schon durch Horst Wohlers abgelöst worden.

Lesen Sie auch:

Zum umjubelten Helden war Schulte schon mit dem Bundesligaaufstieg 1988 geworden. Mit 30 Jahren war er damals der mit Abstand jüngste Trainer in der Bundesliga, nachdem er wenige Monate vorher vom Co-Trainer zum Nachfolger des vom HSV abgeworbenen Willi Reimann befördert worden war.

„Zweite Geburt“ des FC St. Pauli

Diese Zeit wird heute mit einigem Recht als „zweite Geburt“ des FC St. Pauli bezeichnet. Damals entstand die Fankultur, wie man sie auch heute noch kennt. „Ich bin sehr dankbar, dass ich ein Teil dessen sein durfte“, sagt Schulte.

Untrennbar mit dieser Zeit verbunden ist Stürmer Leonardo Manzi, dessen Verpflichtung Schulte als kuriosesten Transfer unter seiner Regie ansieht. „Er kam, so wie Pelé, vom FC Santos. Als mein Co-Trainer Seppo Eichkorn und ich ihn im ersten Training beim Kreisspiel sahen, fragten wir uns: ,Was macht der da?‘ Der Ball war nicht der Freund von Leo Manzi. Er hatte eine beidseitige Lederallergie.“ Dennoch wurde der immer gut gelaunte Manzi verpflichtet, weil es Präsident Heinz Weisener so wollte.

Einen Makel gibt es bei diesem Derby

Von St. Paulis neuestem Zugang, Mittelfeldspieler Marcel Hartel, hält Schulte extrem viel. Schließlich kennt er den 25-Jährigen aus seiner Zeit als Sportvorstand bei Union Berlin: „Wenn der Begriff Straßenfußballer auf einen Spieler zutrifft, dann auf Marcel. Dazu kann er das ganze Spiel über rennen, ist technisch gut und kreativ. Er braucht eine gute Atmosphäre. Er muss Stammspieler und darf nicht umstritten sein. Das ist für St. Pauli ein super Transfer."

So sehr er sich auch auf das Stadtderby am Freitag freut und von einem beidseitig offensiv und attraktiv geführten Spiel ausgeht, so sehr schmerzt ihn als längst fest verwurzelten Hamburger, oder in seinen Worten „naturalisierter Fischkopf“, der größte Makel dieses emotional aufgeladenen Matches. „Das Derby muss in der Bundesliga stattfinden“, sagt er. „Nur zwei Zweitligisten in der größten Stadt Europas, die nicht Hauptstadt ist – das fühlt sich einfach nicht gut an.“

Spezielle Erinnerungen an ein besonders Derby

Da waren die Verhältnisse, als Schulte 1984 im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme als Jugendtrainer zum finanziell klammen FC St. Pauli kam, noch völlig andere. „Der HSV war ein Jahr vorher Europapokalsieger der Landesmeister geworden, und St. Pauli war nach einem Lizenzentzug in der Regionalliga. Die beiden Vereine waren damals so weit voneinander entfernt wie die Sonne von der Erde“, sagt Helmut Schulte. „Doch wenn ich jetzt sehe, dass beide Clubs Seite an Seite in der Zweiten Liga gehen, dann ist das eine wahnsinnige Entwicklung – katastrophal für den HSV und eigentlich schön für St. Pauli.“

An sein allererstes Hamburger Stadtderby hat Schulte ganz spezielle Erinnerungen. Als Interimstrainer der eigentlich chancenlosen U-19-Mannschaft funktionierte er seinen Mittelstürmer „Eddy“ zum Manndecker des hoch talentierten Jugend-Nationalspielers und späteren Profis Walter Laubinger um. „Das hat irgendwie funktioniert“, sagt Schulte. Am Ende stand ein sensationeller 2:0-Sieg im altehrwürdigen Rothenbaum-Stadion, der alten Heimat des HSV. Schultes Entwicklung nahm seinen Lauf.

„Ich habe dem FC St. Pauli meine ganze Karriere zu verdanken. Wenn mich damals Michael Lorkowski nicht als Jugend- und Co-Trainer geholt hätte, wäre ich wohl Lehrer geworden und hätte Jugendmannschaften trainiert.“ So aber führte ihn der Profifußball auch nach Dresden, Schalke, Wien, zu Union Berlin und nach Stuttgart – und immer wieder als Beobachter ins Millerntor-Stadion.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: St. Pauli