FC St. Pauli gegen HSV

Timo Schultz gegen Tim Walter: Derby wird zum Taktikduell

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Walter: „Im Fußball gibt es nichts Schöneres als ein Derby“

Walter: „Im Fußball gibt es nichts Schöneres als ein Derby“

HSV-Trainer Tim Walter hat für das Derby auf St. Pauli einen klaren Auftrag an seine Mannschaft – und die Fans.

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Der Trainer des FC St. Pauli und der HSV-Coach haben viele Gemeinsamkeiten, vor allem in der Spielidee.

Hamburg.  Es gibt einige Parallelen im Leben von Timo Schultz (43) und Tim Walter (45). Die beiden Fußballtrainer waren als Spieler jeweils im offensiven Mittelfeld zu Hause. Sie haben beide lange als Jugendtrai- ner gearbeitet, ehe sie es in den Profifußball schafften. Beide waren mal bei Holstein Kiel. Und im Fußballlehrer-Lehrgang des DFB war Schultz (2018) im Nachfolgejahrgang von Walter (2017). Die größte Gemeinsamkeit zwischen den beiden besteht aber erst seit zweieinhalb Monaten: Schultz und Walter trainieren die größten Fußballclubs Hamburgs und treffen am Freitagabend (18.30 Uhr/Sky) beim 106. Stadtderby zwischen dem FC St. Pauli und dem HSV erstmals aufeinander.

Zwei Tage vor ihrem Kennenlern-Termin am Millerntor lieferten sich die zwei Trainer bereits ihr erstes verbales Fernduell. Dabei wurde schnell deutlich, dass ihre Gemeinsamkeiten dafür sorgen könnten, dass die 10.003 zugelassenen Zuschauer zum Auftakt des dritten Zweitligaspieltags einen packenden Fußballabend verbringen dürften.

FC St. Pauli und der HSV stehen beide für attraktiven Fußball

„Es gibt Parallelen in der Herangehensweise“, sagte St.-Pauli-Cheftrainer Schultz am Mittwochmorgen im Medienraum des Millerntor-Stadions und wurde konkreter. „Es sind zwei Mannschaften, die nach vorne spielen, die für attraktiven Fußball stehen und nicht lange abwarten, sondern schnellstmöglich den Weg in die Spitze suchen. Es wird ein heißer Tanz“, verspricht Schultz.

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Fünfeinhalb Stunden später und sieben Kilometer weiter nordwestlich saß HSV-Trainer Walter auf dem Pressepodium im Volksparkstadion und nahm den Ball seines Kollegen auf. Doch so sehr Walter den Angriffsfußball liebt, so defensiv gab er sich bei den Fragen nach dem Stadtrivalen und dessen Trainer. „Wir kennen uns nicht. Aber er wirkt sehr sympathisch“, sagte Walter über Schultz und verteilte Lob. „Dass St. Pauli die vergangenen Monate anders agiert, ist seine Handschrift. Aber wir sind der HSV. Damit habe ich genug zu tun.“

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Offensivspektakel wäre keine Überraschung

Wie die Hamburger unter Walter spielen, hat sich mittlerweile auch bis ans Millerntor herumgesprochen. Wie St. Pauli unter Schultz spielt, ist dagegen gar nicht so leicht zu entschlüsseln. HSV-Co-Trainer Merlin Polzin hatte den FC St. Pauli am vergangenen Sonnabend beim Pokalspiel in Magdeburg beobachtet. Und gesehen, wie sich der von Ex-HSV-Coach Christian Titz trainierte Drittligist ein erstaunliches Torschussverhältnis von 41:10 erspielte. Das reichte St. Paul allerdings, um in Magdeburg etwas glücklich mit 3:2 zu gewinnen.

Ein ähnliches Offensivspektakel wäre am Freitag keine Überraschung. Zu erwarten ist, dass der HSV von Beginn an die Kontrolle übernimmt. So hatte er es auch beim bislang letzten Derby am Millerntor Anfang März unter Trainer Daniel Thioune gemacht. Mit zunehmender Spielzeit wurde der HSV aber immer passiver und am Ende auch mutloser. Genau das will Walter bei der Neuauflage verhindern. „Wer keinen Mut an den Tag legt, wird den Kürzeren ziehen“, kündigt Walter an. Aber auch Schultz fordert von seiner Mannschaft mutigen Fußball ein. Querpässe sieht St. Paulis Cheftrainer ungern. Variables Angriffsspiel dagegen schon.

In seiner rund einjährigen Amtszeit hat Schultz seinen Spielstil aber auch etwas angepasst. Erfolgreich war der Kiezclub in der Rückrunde, als er die schnellen Omar Marmoush und Rodrigo Zalazar über die zweiten Bälle in Eins-gegen-eins-Situationen brachte. Nach den Abgängen der zwei Tempospieler nutzt Schultz nun auch gerne mal den langen Ball auf den 2,01 Meter großen Sturmhünen Simon Makienok, um sein Team in Tornähe zu bringen.

Schultz macht aus seiner Aufstellung ein Geheimnis

Gegen den HSV wäre aber auch ein Umschaltspiel möglich, zum Beispiel mit dem schnelleren Maximilian Dittgen. Schultz deutete am Mittwoch beide Varianten als taktische Möglichkeiten an. „Wir sehen unsere Chancen nach Ballgewinnen, wollen auch mit dem Ball etwas gestalten“, sagte er.

Während Schultz aus seiner Aufstellung ein Geheimnis macht und die letzten zwei Tage vor dem Spiel wie üblich unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert, ließ HSV-Trainer Walter am Mittwoch vor Zuschauern im Volkspark erkennen, dass er über eine Startelfnominierung von Jeremy Dudziak nachdenkt. Der frühere St. Paulianer, der wegen eines Knochenödems wochenlang fehlte, durfte für Ludovit Reis in der A-Elf trainieren. Spielt er auch? „Jerry ist immer eine Option. Er kann körperlich zwar noch zulegen, ist aber größtenteils wieder hergestellt“, sagte Walter.

Klar ist aber auch, dass nicht nur das taktische Trainerduell zwischen Tim und Timo das Derby entscheiden wird. „Wir müssen Leidenschaft und Intensität auf den Platz bringen. Das sind die Grundtugenden“, sagte Walter, der die Vorfreude auf das Stadtduell vorlebt. „Als wir alle mal mit Fußball begonnen haben, haben wir von solchen Spielen geträumt.“ Nicht nur in seiner Biografie ähnelt Schultz seinem Gegenüber vom HSV, sondern auch in der Wortwahl. „Um diese Spiele bestreiten zu dürfen, haben wir angefangen, Fußball zu spielen“, sagt er.

Walter erlebt sein erstes Hamburger Derby

Während Walter sein erstes Hamburger Derby erlebt, ist es für Schultz als Trainer schon das dritte als Cheftrainer. Noch ist der Ostfriese ungeschlagen. Der HSV konnte dagegen keines der jüngsten vier Stadtduelle gewinnen. Ob St. Pauli deswegen Favorit sei? Schultz lacht. Der Aufstiegsanwärter sei der HSV, meint St. Paulis Trainer. Die inoffizielle Stadtmeisterschaft will er natürlich verteidigen. „Wir erinnern uns sehr gut an die Gefühle nach dem letzten Derbysieg. Das wollen wir wiederholen.“

Mit welchen Mitteln Schultz das schaffen will, lässt er aber noch offen. „Wie es taktisch aussieht, werden wir dann am Freitag sehen.“ Ein spektakuläres 4:4 scheint in jeden Fall wahrscheinlicher als ein stabiles 0:0. Walters Schlusswort zum Mittwoch: „Mit einem Tor mehr wäre mir beides recht.“

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