Zweite Bundesliga

FC St. Pauli braucht noch vier Punkte zum neuen Rekord

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Carsten Harms
Timo Schultz (43) kommt seit seinem Amtsantritt als Cheftrainer des FC St. Pauli auf einen Schnitt von 1,52 Punkten pro Spiel.

Timo Schultz (43) kommt seit seinem Amtsantritt als Cheftrainer des FC St. Pauli auf einen Schnitt von 1,52 Punkten pro Spiel.

Foto: Witters

Die Mannschaft ist auf dem Weg zu ihrer besten Rückserie. Trainer Schultz erfolgreicher als Lienen und Frontzeck.

Hamburg.  Die Parallelen zur aktuellen Saison sind unverkennbar. Es ist jetzt rund viereinhalb Jahre her, dass die Mannschaft des FC St. Pauli kurz vor der Winterpause als praktisch sicherer Absteiger galt, nachdem sie aus den ersten 14 Saisonspielen ganze sechs Punkte zusammengekratzt hatte und abgeschlagen Tabellenletzter der Zweiten Liga war.

Was folgte, waren noch fünf Zähler in der Hinserie und nach der Winterpause eine atemberaubende Rückrunde mit 34 Punkten. Es wurde die beste zweite Halbserie, die der FC St. Pauli im Profifußball je hingelegt hat.

31 Zähler aus den bisherigen 14 Rückrundenspielen

Die damals beteiligten Spieler schwärmen noch heute vom Teamgeist, der die Grundlage für diese Erfolgsserie bildete. Zuletzt sprach etwa Verteidiger Lasse Sobiech im Abendblatt-Podcast „Millerntalk“ davon. Am Ende sprang sogar noch der siebte Tabellenplatz heraus.

Die vereinsinterne Bestmarke für die Rückrunde allerdings wackelt jetzt gewaltig, denn spätestens nach dem 2:1-Sieg gegen den Tabellenzweiten SpVgg. Greuther Fürth schickt sich die aktuelle Mannschaft unter Trainer Timo Schultz an, den Rekord von 34 Punkten zu überbieten. Auf 31 Zähler aus den bisherigen 14 Rückrundenspielen ist das Team schon gekommen.

Führende Position in der Rückrundentabelle der Zweiten Liga bis zum Schluss verteidigen

Aus den verbleibenden Partien in Kiel, gegen Hannover und in Regensburg noch mindestens vier Punkte zu holen, ist alles anders als utopisch. Schon in der Hinrunde gab es gegen eben diese Gegner sieben Zähler. Dies markierte den Start der aktuellen Erfolgsgeschichte nach zuvor nur acht Punkten aus den ersten 13 Saisonspielen.

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Ein weiteres, wohl noch etwas ambitionierteres Ziel für den Rest der aktuellen Saison ist es, die führende Position in der Rückrundentabelle der Zweiten Liga bis zum Schluss zu verteidigen. Dafür war der Sieg gegen den Verfolger Greuther Fürth schon sehr hilfreich, es werden aber voraussichtlich mehr als vier weitere Punkte nötig sein, um tatsächlich Rückrundenprimus zu werden. Dieser „Titel“ wäre zwar ein schöner Beleg für eine überaus erfolgreiche Arbeit seit Anfang Januar, aber letztlich doch nur eine statistische Randnotiz.

Punkte in der Hinrunde verschwendet

„Die Kunst besteht darin, nicht nur über einige Wochen oder eine Halbserie auf so hohem Niveau und erfolgreich zu spielen, sondern dies über eine Saison oder gar mehrere Jahre aufrechtzuerhalten“, sagt St. Paulis Sportchef Andreas Bornemann. Es liegt auf der Hand, dass er in dieser Saison dabei insbesondere an den Tabellenführer VfL Bochum denkt oder an Arminia Bielefeld im Vorjahr.

Viele St.-Pauli-Anhänger bedauern in diesem Zusammenhang, dass das Team im ersten Saisondrittel nicht ein paar Punkte mehr geholt hat, um jetzt noch aussichtsreich in den Aufstiegskampf eingreifen zu können. „Einerseits sind wir froh, dass wir uns so schnell von den unteren Tabellenregionen verabschiedet haben. Andererseits ärgern wir uns schon, dass wir den einen oder anderen Punkt in der Hinrunde verschwendet haben“, sagte am Montag auch der derzeit überragend agierende Mittelfeldspieler Rico Benatelli.

Die sportliche Krise hat die rekordverdächtige Rückserie ermöglicht

Diese Betrachtung allerdings relativiert Timo Schultz mit einem interessanten und auch plausiblen Argument. „Hätten wir im Winter besser dagestanden, hätten wir vermutlich die Veränderungen, die jetzt entscheidend für unsere Entwicklung sind, nicht in der Form und Konsequenz vorgenommen“, sagt er. Anders gesagt: Erst die sportliche Krise und die akute Abstiegsgefahr als wochenlanger Tabellen-17. haben die rekordverdächtige Rückserie ermöglicht.

Mit dem Erfolg seiner Mannschaft arbeitet sich auch Trainer Timo Schultz in der Rangliste der St.-Pauli-Trainer der vergangenen Jahre immer weiter nach oben. Aktuell kommt er auf einen Schnitt von 1,52 Punkten pro Spiel. Er hat damit jetzt auch Ewald Lienen (1,44), Michael Frontzeck (1,45) und Markus Kauczinski (1,46) überholt.

Einzig André Schubert (1,66) liegt in den zehn Jahren seit dem Bundesligaabstieg 2011 noch vor Schultz. Dessen direkter Vorgänger Jos Luhukay, der im April 2019 mit dem Ziel geholt worden war, endlich wieder in die Bundesliga aufzusteigen, war in seinen 40 Partien nur auf 44 Zähler und damit 1,1 Punkte pro Spiel gekommen.

Spieler können sich mit dem Weg identifizieren

Auch wenn in dieser Saison der Aufstieg realistisch nicht mehr möglich ist, so ist die positive Entwicklung und Perspektive auch ein Argument, wenn es darum geht, in der Sommerpause neue Spieler ans Millerntor zu lotsen.

„Es ist klar, dass wir mittlerweile anders wahrgenommen werden als in der Hinserie, und zwar nicht nur von gegnerischen Trainern und der Journaille, sondern auch vom Fußball-Umfeld“, sagte Timo Schultz jetzt und umschrieb damit auch die Branche der Spielerberater.

„Aber auch die Spieler, die jetzt schon da sind, können sich mit unserem Weg identifizieren und sind stolz darauf, was wir in den vergangenen Monaten geleistet haben“, sagte er weiter. Die Chance auf einen neuen, vereinsinternen Hinrunden-Rekord in der kommenden Saison scheint gar nicht so unrealistisch. Die Marke liegt bisher bei 36 Punkten.

Torwarttrainer Mathias Hain hat sich für die Gelbe Karte, die er wegen Meckerns beim Spiel in Düsseldorf (0:2) von Schiedsrichter Michael Bacher erhielt, eine teaminterne „Strafe“ ausgedacht. „Eigentlich wollte ich die Mannschaft zum Essen einladen. Weil das aber jetzt nicht geht, werde ich einen großen, gehaltvollen Kuchen backen, damit die Spieler hinterher wieder etwas abarbeiten können“, sagte der 48-Jährige.

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