SpVgg Greuther Fürth

Rachid Azzouzi: „Auch ich wurde rassistisch beleidigt“

| Lesedauer: 6 Minuten
Carsten Harms und Alexander Berthold
St. Paulis Ex-Sportchef Rachid Azzouzi (50) kehrte im November 2017 zu Greuther Fürth zurück.

St. Paulis Ex-Sportchef Rachid Azzouzi (50) kehrte im November 2017 zu Greuther Fürth zurück.

Foto: Imago

Der Geschäftsführer Sport der SpVgg Greuther Fürth spricht vor der Rückkehr ans Millerntor über Erfahrungen im Profifußball.

Hamburg.  Den Freitagnachmittag verbrachte Rachid Azzouzi auf der Autobahn gen Norden. Der Geschäftsführer Sport der SpVgg Greuther Fürth nutzt das Spiel seines Teams am Sonntag beim FC St. Pauli, um sich etwas länger als sonst üblich in der Stadt des Gegners aufzuhalten. Das ist natürlich kein Zufall, schließlich hat Azzouzi am Millerntor von Sommer 2012 bis Ende 2014 als Sportchef gearbeitet, die Stadt lieben gelernt und Spuren hinterlassen, die heute noch sichtbar sind.

Vor seiner Abfahrt nach Hamburg nahm sich Azzouzi, der im Januar 50 Jahre alt wurde, ausgiebig Zeit, um im Abendblatt-Podcast „Millerntalk“ über seine beiden Herzensclubs, die Entwicklungen im Profifußball und auch über ganz persönliche Erfahrungen zu sprechen.

Kontakt zum FC St. Pauli ist nie abgerissen

Auch wenn es jetzt schon mehr als sechs Jahre her ist, dass Azzouzi beim FC St. Pauli als Sportchef beurlaubt und durch den zuvor 13 Spiele als Cheftrainer tätigen Thomas Meggle abgelöst wurde, kommt er immer noch mit besonderen Gefühlen ans Millerntor. Der Kontakt ist nie abgerissen. Es ging in dieser Saison sogar so weit, dass Azzouzi St. Paulis Sportchef Andreas Bornemann den Ratschlag gab, auch in der sportlichen Krise an Trainer Timo Schultz festzuhalten.

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„Ich habe die eine oder andere SMS geschrieben und gesagt, dass sie ruhig und locker bleiben sollen“, verrät Azzouzi. Selbst den 2:1-Sieg seiner Fürther im Hinspiel am 3. Januar konnte er nicht uneingeschränkt genießen. „Natürlich habe ich gerne gewonnen, aber für Schulle hat es mir sehr leid getan“, sagt er. „Man ist ja trotzdem noch immer irgendwie dabei.“

Wertschätzung für St. Paulis Trainer

Die Wertschätzung für St. Paulis Trainer kommt nicht von ungefähr, schließlich war Schultz zu Azzouzis Amtszeit bei St. Pauli als Co-Trainer des Zweitligateams tätig. „Ich weiß, wie er tickt und wie hart er arbeitet. Er ist kein Schauspieler, sondern versucht immer, das Maximale herauszuholen“, sagt Azzouzi. „Ich freue mich, dass es aufgegangen ist, weil Schulle nicht nur ein feiner Kerl, sondern auch ein guter Trainer ist.“ Nur jetzt am Sonntag, da solle er doch bitte nicht ganz so gut sein.

Ein erneuter Sieg am Millerntor, zuletzt gab es hier im August 2019 einen 3:1-Erfolg, wäre für die Fürther ein weiterer großer Schritt in Richtung Bundesligaaufstieg. Doch auch schon jetzt ist die sportliche Entwicklung des „Kleeblatts“ angesichts der wirtschaftlichen Verhältnisse überaus bemerkenswert.

Vier Millionen Euro Verlust durch Corona

„Nur die Würzburger Kickers haben vielleicht einen kleineren Etat als wir“, beteuert Azzouzi. Und auf die Nachfrage, ob nicht doch der SV Sandhausen noch ein Stück hinter der Spielvereinigung liege, kontert er mit einem überzeugenden Argument. So hätte er vor Saisonbeginn den auslaufenden Vertrag von Stürmer Daniel Keita-Ruel gern verlängert, doch der wechselte aus finanziellen Gründen just zum SV Sandhausen und geht dort jetzt auf Torjagd, wie auch der HSV gerade schmerzlich erfahren hat.

Die wichtigsten Corona-Themen im Überblick

„Durch die Pandemie haben wir vier Millionen Euro Verlust gemacht, was für uns sehr viel ist. Daher haben wir brutal den Rotstift angesetzt“, berichtet er. Umso mehr macht er sich dafür stark, dass bei der Verteilung der Fernsehgelder nicht der sportliche Erfolg für sich, sondern in Relation zum eingesetzten Geld bewertet wird. „Ich bin für eine totale Transparenz bei den Etats“, sagt er.

Linksverteidiger Marcel Halstenberg bezeichnet er als besten Transfer

Diese waren zu seiner Zeit als Profi, in der er zwischen 1989 und 2004 auch für den MSV Duisburg und Fortuna Köln, aber vor allem für Fürth aktiv war, noch erheblich geringer. Dennoch schlug er 2000 ein finanziell besseres Angebot des FC St. Pauli aus. Erst zwölf Jahre später ging es für ihn dann doch als Sportchef ans Millerntor. Hier setzte er überwiegend auf junge, entwicklungsfähige Spieler, von denen Philipp Ziereis, Daniel Buballa und Christopher Buchtmann heute noch da sind.

Als besten Transfer bezeichnet er wenig überraschend Linksverteidiger Marcel Halstenberg, den er ablösefrei von Borussia Dortmund ans Millerntor lotste, ehe dieser zwei Jahre später für die immer noch vereinsinterne Rekordablöse von knapp 3,5 Millionen Euro nach Leipzig wechselte. Auch die Verpflichtung des bei St. Pauli glücklosen Stürmers Ante Budimir, die ihm bei seiner Ablösung vorgehalten wurde, sieht er heute nicht als Fehler. Vielmehr verweist er darauf, dass der Kroate vor knapp einem Jahr mit einem Marktwert von 15 Millionen Euro taxiert wurde.

Azzouzi: „Als Rheinländer nehme ich vieles mit einem Lächeln“

Beim FC St. Pauli spielte Azzouzis Herkunft keine Rolle. Vor allem als aktiver Spieler aber hatte der in Marokko geborene und im Rheinland aufgewachsene Azzouzi auch andere Erfahrungen machen müssen.

„In Marokko war ich immer der Deutsche und in Deutschland der Marokkaner. Als Rheinländer nehme ich vieles auch mit einem Lächeln“, sagt er, um dann aber doch ernst zu werden: „Klar, auch ich bin oftmals im Stadion rassistisch beleidigt worden, ich bin da ja keine Ausnahme. Heute akzeptiere ich das nicht mehr. Damals habe ich mir gedacht, ich kann es nicht ändern, und es interessiert vielleicht auch zu wenige.“ Grundsätzlich würde er sich heute wünschen, dass es auch bei Rassismus einen ähnlichen Aufschrei gebe wie jetzt bei den Plänen für die Super League.

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