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Offener Brief von Göttlich: Was St. Pauli vom DFB fordert

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Andreas Hardt
Oke Göttlich, Präsident des FC St. Pauli: „Für uns ist der vorliegende Kompromiss nicht tragbar.“

Oke Göttlich, Präsident des FC St. Pauli: „Für uns ist der vorliegende Kompromiss nicht tragbar.“

Foto: Marcelo Hernandez / HA

„Schlag ins Gesicht": St. Pauli fordert Stopp der Champions-League-Reform – und warnt DFB-Vizepräsident Koch vor den Folgen.

Hamburg. Oke Göttlich kennt die rhetorische Figur der Einwandvorwegnahme natürlich. Und so geht der Präsident des FC St. Pauli sofort in die Offensive: „Warum schreibt ein ,mittelmäßiger Zweitligist’ einen Brief an die oberen Spitzen des europäischen Fußballs?“, fragt er also und gibt auch gleich selbst die Antwort: „Offene Briefe schreibt man meistens dann, wenn man nicht so recht gehört wird.“

Das Präsidium des Clubs vom Millerntor hat also am Mittwoch einen offenen Brief an Dr. Rainer Koch veröffentlicht, den Vizepräsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), und ihn darin aufgefordert, bei der Abstimmung im Exekutivkomitee der Europäischen Fußball-Union (Uefa) am 19. April gegen die geplante Reform der Uefa-Clubwettbewerbe zu stimmen.

FC St. Pauli: Champions League steigert Ungleichheit

Ab 2024 sollen demnach 36 statt 32 Teams in der Champions League antreten, die vor dem Achtelfinale in einer Liga zehn Partien austragen. Danach qualifizieren sich die besten acht fürs Achtelfinale, die Teams auf den Plätzen 9 bis 24 spielen in einer neuen Play-off-Runde die restlichen acht Achtelfinalisten aus. Pro Team hieße das zehn statt sechs Spiele und entsprechend mehr Einnahmen. Es bedeutet aber auch mehr Termine und höhere Belastungen der Spieler, von den erhöhten Reisekosten der Fans ganz zu schweigen.

Wenn diese Pläne durchgewinkt würden, hätte dies laut Göttlich massiven Einfluss auf die nationalen Ligen. Weil die Bundesligen durch die DFL organisiert werden und damit die 36 Vereine miteinander verbunden sind, dürfe man sich auch als ,mittelmäßiger Zweitligist’ dazu äußern, erklärt Göttlich – und als FC St. Pauli allemal.

„Die Auswirkungen der geplanten Veränderungen der Clubwettbewerbe werden unter anderem eine noch größere Ungleichheit zwischen und innerhalb der nationalen Ligen und eine Zementierung der Dominanz der sogenannten Eliteclubs auf Jahre sein“, heißt es in dem Schreiben: „Für uns ist der vorliegende Kompromiss nicht tragbar, da bereits die gegenwärtige Verteilung der Uefa-Erlöse den nationalen Wettbewerb erheblich negativ beeinträchtigt.“

Darmstadt 98 springt St. Pauli zur Seite

Der Zweitligist SV Darmstadt 98 schloss sich der Aktion am Mittwochnachmittag an. „Jetzt ist die Chance, sich klar für einen ausgeglicheneren Fußball für alle zu positionieren“, schrieb Darmstadts Vereinspräsident Rüdiger Fritsch in einer auf Twitter verbreiteten Erklärung.

Die Einnahmeschere zwischen den Champions-League-Teilnehmern und den weiteren Vereinen bis hinunter in die Zweite Liga würde in Zukunft noch größer. „Es werden immer die gleichen Vereine von den Einnahmen der internationalen Wettbewerbe profitieren, das zieht eine Verfestigung von Strukturen nach sich“, ist sich Göttlich sicher: „Das bedeutet, dass auch mittlere Zweitligisten noch weniger Chancen haben, erfolgreicher und profitabler arbeiten zu können, als es ohnehin schon ist.“

„Ein anderer Fußball ist möglich“ hängt schon lange als Motto auf einer Banderole an der Nordtribüne des Millerntor-Stadions. Genau das ist auch die Überschrift des Schreibens an Koch. Der in Vermarktung und Merchandising höchst erfolgreiche Verein tritt in Bezug auf die Kommerzialisierung des Spielbetriebes traditionell als entschlossener Wahrer von Faninteressen und im Sinne der „Kleinen“ im Fußball auf. „Mehr Spiele, mehr Wettbewerbe sollen zu nichts anderem führen als zu mehr Geld“, betont Göttlich, „dieses mehr Geld soll am Ende dorthin verteilt werden, wo das wirtschaftlich vernünftige Handeln nicht auf der Prioritätenliste obenan steht.“

Göttlich nimmt die Scheich-Clubs ins Visier

Göttlich hat dabei, ohne es auszusprechen, offenbar die zum Teil hoch verschuldeten Großclubs wie den FC Barcelona, Juventus Turin oder von Scheichs alimentierte Unternehmen wie Manchester City oder Paris St.-Germain im Kopf, deren Wettrüsten zu mitunter absurden Ablösen und Gehältern führt und das Financial Fairplay der Uefa unterläuft. Diese Großclubs drohen mit ihrer Vereinigung ECA der Uefa seit Jahren mit der Einführung einer eigenen „Super-League“.

Um das zu verhindern, hat die Uefa den vorliegenden Kompromiss ausgearbeitet. Einige Topvereine würden nach diesem Reformplan über einen Erfolgskoeffizienten auch eine Art „Wild Card“ zur Teilnahme an der Königsklasse erhalten können, wenn sie die sportliche Qualifikation in ihren nationalen Ligen ausnahmsweise mal verpassen sollten.

DFL fordert Gehaltsobergrenze

Kritik an all diesen Ideen gibt es bereits in Deutschland. DFL-Geschäftsführer Christian Seifert zum Beispiel lehnt die geplante Koeffizienzregel ab und fordert stärke Regulierungen der Finanzen durch die Uefa bis hin zu einer Gehaltsobergrenze. Joachim Watzke, der Geschäftsführer von Borussia Dortmund, unterstützt dagegen die geplante Reform trotz Widerstands der BVB-Fans, „weil das der einzige Weg ist, um eine Super League der internationalen Topclubs zu verhindern“, wie er jüngst sagte.

Wie DFB-Vertreter Koch am 19. April entscheiden wird, das weiß Göttlich nicht – „mit mir spricht er sich nicht ab“. Der St. Pauli-Präsident erkennt aber den Interessenkonflikt, in dem sich der DFB-Vertreter befinden muss. „Es ist eine wahnsinnig schwierige Entscheidung für Clubs wie Leverkusen, Bayern, Leipzig oder Dortmund, wo gerade die südeuropäischen Ligen in finanziellen Nöten sind und diesen Reformvorschlägen jubelnd zustimmen und du dann in der Minderheit bist“, sagt Göttlich: „Aber was würde denn passieren, wenn Clubs aus den zwei vermarktungsstärksten Ländern Deutschland und England sagen würden: Da machen wir nicht mit?

Aber dazu wird es nicht kommen, das scheint sicher. „Ein positiver Beschluss über die geplanten Veränderungen ist ein Schlag ins Gesicht aller, die den Fußball, den Wettbewerb und die Sportler*innen im Fokus ihres Handelns verstehen“, schreibt der FC St. Pauli an Koch. Und dann macht Göttlich noch einmal deutlich, warum sich der Verein in die Diskussion um die Champions League „einmischt“: „Wir sind lieber ein mittelmäßiger Zweitligist mit einer Haltung als ein mittelmäßiger Zweitligist ohne Haltung.“

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