Heimspiel gegen Braunschweig

St.-Pauli-Bosse meiden Stadion wegen Ausgangssperre

| Lesedauer: 5 Minuten
Carsten Harms
Präsident Oke Göttlich wird das Heimspiel seines FC St. Pauli gegen Braunschweig diesmal nicht lautstark von der Tribüne aus verfolgen.

Präsident Oke Göttlich wird das Heimspiel seines FC St. Pauli gegen Braunschweig diesmal nicht lautstark von der Tribüne aus verfolgen.

Foto: Witters

Geisterspiel in neuer Dimension: Die Vereinsführung des Kiezclubs entscheidet sich für eine ungewöhnliche Maßnahme.

Hamburg. An Punktspiele ohne Fans haben sich auch die Spieler und Trainer des FC St. Pauli notgedrungen gewöhnt, am Ostermontag werden sie jedoch im Heimspiel gegen Eintracht Braunschweig (20.30 Uhr/Sky und Liveticker auf abendblatt.de) eine neue Geisterspiel-Dimension erleben: Sie werden auf die verbale Unterstützung der Präsidiumsmitglieder, Aufsichtsräte und leitenden Angestellten verzichten müssen, die sich sonst legal mit gebührendem Abstand voneinander auf der Haupttribüne aufhalten.

Angesichts der für die Zeit nach 21 Uhr geltenden Ausgangssperre haben die Vereinsführungen beider Clubs vereinbart, das Spiel nicht zu besuchen, obwohl dies im Rahmen ihrer Tätigkeit erlaubt wäre.

Warum St. Paulis Bosse das Stadion meiden

„Um unser aller Verantwortung im Umgang mit dem Virus und die Eindämmung des Infektionsgeschehens zu unterstützen und ein Zeichen der Solidarität zu senden, werden sowohl die Delegation des FCSP als auch die Vertreter/-innen aus Braunschweig dem Heimspiel am Montag (5.4.) fernbleiben“, begründete der FC St. Pauli auf seiner Homepage die Maßnahme.

Die Verantwortlichen beider Clubs wollten damit zeigen, dass sich der „Profifußball seiner privilegierten Rolle bewusst ist und vor allem nicht vergisst, was diese Maßnahme für jeden Menschen in dieser Stadt bedeutet. Der Besuch des Fußballspiels wäre für die Delegationsmitglieder mit Blick auf die geltenden Regeln zwar möglich, mit dem Solidaritätsgedanken der Vereinsvertreter/-innen jedoch nicht vereinbar“.

St. Paulis Präsident Oke Göttlich, der sonst besonders gut vernehmlich das eigene Team anfeuert, ergänzte: „Außerdem möchte der FC St. Pauli sich bei allen Pfleger/-innen, Ärzt/-innen und besonders den Intensivmediziner/-innen bedanken und viel Kraft senden. Die Maßnahmen sind schmerzhaft für jeden Einzelnen, aber in der Abwägung vor allem vor der steigenden Anzahl der Intensivpatient/-innen notwendig und erfahren unsere Unterstützung.“

Schultz unterstützt St. Paulis Maßnahme

St. Paulis Trainer Timo Schultz gab am Freitagmorgen zu, mehr zufällig vom symbolträchtigen Verzicht der Führungskräfte auf den Stadionbesuch erfahren zu haben. „Es ist eine sehr schöne Aktion und unterstützt das, wofür wir als Verein stehen wollen“, sagt er. Gleichzeitig räumte er ein, dass die nun noch einmal leicht veränderte Atmosphäre nicht unbemerkt bleiben wird. „Die Anfeuerungsrufe habe ich schon zur Kenntnis genommen. Ich glaube, dass das auch die Jungs im Rahmen der Möglichkeiten gepusht hat und ihnen Vertrauen gegeben hat.“

Dennoch sollten die nun ausbleibenden Rufe von der Haupttribüne keinen entscheidenden negativen Einfluss auf die Leistungen der St.-Pauli-Profis haben, die als Erster der Rückrundentabelle (19 Punkte aus neun Matches) in die verbleibenden acht Saisonspiele gehen. „Wir haben genug Selbstvertrauen, dass wir unseren Stiefel spielen und das zeigen können, was uns in den vergangenen Wochen stark gemacht hat“, sagt denn auch Trainer Schultz, der im Vergleich zum jüngsten 2:1-Auswärtssieg beim VfL Osnabrück nur Rechtsverteidiger Sebastian Ohlsson, der an den Adduktoren verletzt ist, ersetzen muss.

„Die ersten Anwärter für die Position sind Luca Zander und Jannes Wieckhoff. Beide sind gut drauf“, sagte Schultz. Mittelfeldspieler Afeez Aremu und Stürmer Omar Marmoush, die zuletzt nicht alle Trainingseinheiten vollständig absolvieren konnten, dürften zur Verfügung stehen.

St. Paulis Gegner Braunschweig von Corona geplagt

Ganz anders stellt sich die Personalsituation bei den Braunschweigern dar, die trotz ihrer neun Punkte aus den jüngsten fünf Spielen weiter in Abstiegsgefahr schweben. Während die Verteidiger Brian Behrendt und Danilo Wiebe gesperrt sind, befinden sich Defensivakteur und Kapitän Jannis Nikolaou und Angreifer Fabio Kaufmann in häuslicher Quarantäne.

Einer von beiden wurde positiv auf das Coronavirus getestet, der andere gilt als Kontaktperson der Kategorie I. Dazu befindet sich auch der ebenfalls positiv getestete Cheftrainer Daniel Meyer in Isolation. Er wird von Co-Trainer Thomas Stickroth vertreten, der in der Saison 2014/15 als Mental­coach beim FC St. Pauli tätig gewesen war.

Trotz der Corona-Fälle bei der Eintracht steht das Spiel am Ostermontag nicht zur Disposition. „Da der Rest der Truppe unversehrt geblieben ist, durften sie weitertrainieren. Wir bereiten uns darauf vor und gehen davon aus, dass wir ein Spiel haben und der Gegner elf Spieler auf dem Platz und am Rand einen Trainer hat“, sagte Schultz am Freitag. „In der Vorbereitung macht das für uns nicht den Riesenunterschied aus.“

Bei einem erneuten Sieg hätte St. Pauli 38 Punkte auf seinem Konto. Zur Frage, ob dann der Klassenverbleib sicher sei, sagte Schultz: „In Mathe war ich nie gut. Wahrscheinlich könnten wir nach einem Sieg einen Haken darunter machen. Aber wir haben noch nie das Ziel Klassenerhalt ausgegeben, und auch nicht einen Platz unter den ersten fünf. Wir gucken, auch wenn es sich doof anhört, immer von Spiel zu Spiel.“ Man könnte auch sagen: Von einem Geisterspiel zum nächsten.

Die voraussichtlichen Aufstellungen:

  • FC St. Pauli: Stojanovic – Zander, Ziereis, Lawrence, Paqarada – Aremu – Becker, Zalazar – Kyereh – Burgstaller, Marmoush.
  • Eintracht Braunschweig: Fejzic – Kessel, Diakhite, Wydra, Klaß – Kammerbauer, Kroos – Abdullahi, Kobylanski, Ji – Proschwitz.

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