FC St. Pauli

Die Arbeiter im Schatten der gefeierten Torschützen

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Carsten Harms
FC St. Pauli: Finn Ole Becker traut sich mehr zu, er ist ein Erfolgsfaktor für die derzeitige Serie. Auch im Derby gegen den HSV?

FC St. Pauli: Finn Ole Becker traut sich mehr zu, er ist ein Erfolgsfaktor für die derzeitige Serie. Auch im Derby gegen den HSV?

Foto: Witters

Der aktuelle Erfolg des FC St. Pauli liegt auch an der laufintensiven Defensivarbeit. Finn Ole Becker ist ein Beispiel für den Wandel.

Hamburg. Wenn in diesen Tagen vor dem Stadtderby gegen den HSV am kommenden Montag (20.30 Uhr) über die fast schon atemberaubende Erfolgsserie des FC St. Pauli von sechs Siegen aus den jüngsten sieben Spielen gesprochen wird, sind sofort die beiden Stürmer Guido Burgstaller und Omar Marmoush das Thema. Dazu noch Daniel-Kofi Kyereh, der als torgefährlicher Zehner hinter den beiden agiert. Nicht weniger als 14 der 18 St.-Pauli-Tore in den sieben Matches gingen auf das Konto dieses Trios.

Zum Erfolgsrezept der vergangenen Wochen gehört aber auch, dass sich die Mannschaft in der kollektiven Defensivarbeit erheblich verbessert hat und in den vergangenen acht Spielen nur noch einmal, beim 2:3 gegen Bochum, in Rückstand geraten ist. „Defensives Denken“ und „Rettermentalität“ sind die von Trainer Timo Schultz propagierten Begriffe, deren Umsetzung er vor allem bei Ballverlusten erwartet. Zuletzt war sein Team in dieser Hinsicht allerdings immer noch etwas nachlässig, wenn sich die Spieler mit einer Führung im Rücken offenbar zu sicher fühlten. Grundsätzlich aber ist auffällig, dass auch Spieler, die eher offensiv ausgerichtet sind, sich in der Rückwärtsbewegung deutlich stärker einbringen.

St. Pauli: Finn Ole Becker traut sich mehr zu

Ein Sinnbild für den Wandel ist der immer noch 20 Jahre junge Finn Ole Becker. Der technisch begnadete, aber mit einer Körpergröße von 1,77 Metern und einem Gewicht von 74 Kilogramm physisch meist unterlegene Mittelfeldspieler sucht häufiger als früher defensive Zweikämpfe und traut sich auch in Kopfballduelle, vor denen er sich lange scheute. Dass er daraus auch bisweilen als Verlierer hervorgeht, schreckt ihn nicht mehr ab, es immer wieder zu versuchen und so zumindest als Störfaktor für das gegnerische Aufbauspiel zu wirken. Seinen bisher erfolgreichsten Auftritt in Sachen Zweikämpfe hatte Becker im Rahmen des St.-Pauli-Aufschwungs beim 2:1-Sieg in Nürnberg vor knapp eineinhalb Wochen, als er 75 Prozent seiner direkten Duelle gewann.

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Ähnliches gilt für Rodrigo Zalazar, der in der Mittelfeldraute auf der linken Halbposition das Pendant zu Becker ist, der sich überwiegend auf der rechten Seite aufhält. Der Uruguayer ist meist der laufstärkste Spieler seines Teams. Dazu ist die 21 Jahre junge Leihgabe von Eintracht Frankfurt in der defensiven Zweikampfführung geschickter geworden. Das war im Herbst noch ganz anders, etwa im Auswärtsspiel beim SC Paderborn. Vor lauter Ärger über seinen zuvor verschossenen Strafstoß ging er im eigenen Strafraum so ungestüm ins Duell mit Svante Ingelsson, dass dieser die Einladung gern annahm und einen Strafstoß herausholte. St. Paulis damaliger Torwart Robin Himmelmann hatte das Unglück schon im Ansatz kommen sehen und Zalazar noch vergeblich „tranquilo“ (ruhig) zugerufen.

Timo Schultz hat Becker schon als Jugendlichen trainiert

„Es ist ein Prozess, dass Finn Ole und Rodrigo extrem mit nach hinten arbeiten. Sie sind immer wieder giftig und griffig im Zweikampf“, hat St. Paulis Trainer Timo Schultz festgestellt. Er hatte in bemerkenswerter Weise auch in der schwierigen Phase an Becker festgehalten, den er schon zu A-Jugend-Zeiten trainiert und geformt hatte. Jetzt ist der Coach auf dem Weg, aus dem spielerisch herausragenden Juniorennationalspieler einen erwachsenen Profifußballer zu entwickeln.

„Manchmal haben Finn Ole und Rodrigo auch nur die Aufgabe zu lenken, damit wir in einer anderen Zone Ballgewinne haben können. Als Trainer versuche ich, diese Spieler nicht unbedingt als Balleroberer einzuplanen. Dafür haben wir einen Eric Smith, der das wirklich hervorragend macht, und die Abwehrkette“, sagt Schultz weiter.

Mit Smith hat der Trainer denn auch den nächsten Leistungsträger genannt, der trotz seiner auffälligen Länge von 1,92 Metern auch zu den weniger spektakulär arbeitenden St.-Pauli-Akteuren gehört. Dass der vom KAA Gent ausgeliehene „Zerstörer“ zuletzt gegen Darmstadt auch noch mit einer perfekten Torvorlage auf Marmoush glänzte, war dabei eine gern genommene Zugabe. Es ist keine Frage, dass auch am kommenden Montag im Derby gegen den HSV die Qualitäten der harten Arbeiter ebenso wichtig wie die genialen Momente der Stürmer sein werden, um die Erfolgsserie fortsetzen zu können.

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