Zweite Bundesliga

Warum der FC St. Pauli noch ein sehr fragiles Gebilde ist

Das Team des FC St. Pauli bildet auch nach Niederlagen geschlossen einen Kreis. Dennoch ist es sportlich noch ein brüchiges Konstrukt.

Das Team des FC St. Pauli bildet auch nach Niederlagen geschlossen einen Kreis. Dennoch ist es sportlich noch ein brüchiges Konstrukt.

Foto: Sudheimer /Eibner-Pressefoto via www.imago-images.de / imago images/Eibner

Die neu formierte Mannschaft muss immer an ihre Grenzen gehen, um erfolgreich zu sein. Warum? Eine Analyse.

Hamburg. „Das sind wir nicht“ – dies war einer der prägnanten Sätze von Timo Schultz nach der 0:3-Heimniederlage seines Teams am Sonntag gegen den Karlsruher SC und dem Sturz auf Platz 17 der Zweiten Liga. Speziell hatte er damit die mangelnde interne Kommunikation und Lautstärke auf dem Platz und das stattdessen auffällige Lamentieren und – überwiegend grundlose – Beschweren beim Schiedsrichter gemeint.

Besser hätte Schultz wohl gesagt: „So wollen wir nicht sein.“ Das hätte dann auch das wenig entschlossene Verhalten in und vor beiden Strafräumen, das zu vergebenen Chancen einerseits und den drei Gegentoren andererseits führte, einbezogen. Denn eines hat die deftige Niederlage gegen keinesfalls überragende Karlsruher gezeigt: Die Mannschaft des FC St. Pauli ist mit ihren derzeit zur Verfügung stehenden Spielern längst nicht so weit in ihrer gewünschten Entwicklung gekommen, wie es nach dem guten Auftritt im Stadtderby beim HSV (2:2) und zeitweise manch anderem Spiel zuvor schien.

Viele Schwächen sind latent weiter vorhanden

Anders gesagt: Viele Schwächen, die es seit geraumer Zeit auszumerzen gilt, sind latent weiter vorhanden und treten – wie jetzt gegen den KSC – unvermittelt wieder zutage. Trainer Schultz hatte glaubwürdig versichert, dass sich die Nachlässigkeiten keineswegs schon in den Tagen zuvor im Training angedeutet hätten. Die personell neu strukturierte Mannschaft mit zehn Neuzugängen, von denen sechs gegen Karlsruhe spielten, ist bei allem Entwicklungspotenzial derzeit noch ein fragiles Gebilde, das es eben nicht immer schafft, Rückschläge während eines Spiels wegzustecken.

Nicht immer geht es gut, wenn das Team regelmäßig in Rückstand gerät, wie es in sechs der bisher sieben Ligaspielen der Fall war. „Es ist auf Dauer nicht zielführend, wenn man immer mindestens zwei Tore schießen muss, um aus einem Spiel etwas Zählbares mitzunehmen. Wir müssen mehr als bisher eine Spielkon­trolle hinbekommen, um so den Gegner von unserem Strafraum fernzuhalten“, sagte dazu auch Sportchef Andreas Bornemann am Montag im Gespräch mit dem Abendblatt.

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Hinzu kommt die Erkenntnis, dass das Team regelmäßig ans eigene Limit gehen muss, um konkurrenzfähig zu sein. „Klar ist, dass die Basis für unser Spiel immer 100 Prozent Überzeugung, Bereitschaft und gemeinsames Handeln auf dem Platz sein muss. Wenn das gegeben ist, haben wir immer die Chance, zu Toren und zu Punkten zu kommen. Das war in allen Meisterschaftsspielen zuvor ein Merkmal unseres Spiels“, sagte Bornemann. „Umgekehrt gilt aber auch: Wenn nur fünf bis zehn Prozent fehlen, laufen wir immer Gefahr zu verlieren.“

Der Sportchef kündigte an, jetzt Ursachenforschung zu betreiben. „Wir werden der Frage auf den Grund gehen müssen, warum uns dies gegen Karlsruhe so passiert ist. Die Spieler hatten sich nach dem Derby so darauf gefreut, wieder am Millerntor zu spielen“, sagte er. Dabei geht er bisher davon aus, dass es sich um ein singuläres Ereignis gehandelt hat: „Ich denke nicht, dass wir es mit einem grundlegenden Problem der Mannschaft zu tun haben.“

Typisches Phänomen: Mannschaft passt sich Gegner an

Es ist ein typisches, auch bei früheren St.-Pauli-Teams schon festzustellendes Phänomen, dass sich eine noch nicht gefestigte Mannschaft in ihrem Spielniveau oft dem des jeweiligen Gegners anpasst. Starke und sehenswerte Auftritte gegen spielstarke Mannschaften wechseln sich mit mäßigen Leistungen gegen Teams ab, die einfach, aber robust Fußball spielen. „Es fällt uns leichter, ins Spiel zu kommen, wenn der Gegner selbst das Spielerische sucht und Räume anbietet, als wenn der Gegner nur anstrebt, unseren Spielfluss zu unterbinden“, hat auch Bornemann erkannt.

Wenn dann das eigene Defensivverhalten Schwächen aufweist, wird es entsprechend schwierig, erfolgreich zu sein. Ein physisch stabiler defensiver Mittelfeldspieler könnte hier hilfreich sein. Einen solchen Typus als „Sechser“ hatte St. Pauli in der Transferperiode im Sommer zwar gesucht, aber keinen passenden Kandidaten gefunden. „Die Gegentore gegen den KSC haben nicht daran gelegen, dass uns ein physisch starker Sechser fehlt. So ein resoluter Spieler im zentralen Mittelfeld geht auch zulasten des eigenen spielerischen Aufbaus. Wichtiger als so ein Sechser ist ein klarer Plan gegen den Ball, und dass alle gemeinsam daran arbeiten“, sagte Bornemann jetzt.

Wenn sich bestätigt, dass der FC St. Pauli gegen die stärkeren Teams der Liga selbst erfolgreicher spielt, ist in naher Zukunft einiges zu erwarten. Nach der Länderspielpause muss das Team zum Bundesliga-Absteiger SC Paderborn, der sich nach schwieriger Anfangsphase gerade gefangen und 4:0 in Darmstadt gewonnen hat. Danach kommt das noch unbesiegte Überraschungsteam des VfL Osnabrück ans Millerntor ...