FC St. Pauli

Premiere für vier Jungprofis: Wer die größten Chancen hat

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Carsten Harms
Marvin Senger (v.l.) und Christian Viet wollen bei St. Pauli den Weg bestreiten, den Finn Ole Becker bereits erfolgreich eingeschlagen hat.

Marvin Senger (v.l.) und Christian Viet wollen bei St. Pauli den Weg bestreiten, den Finn Ole Becker bereits erfolgreich eingeschlagen hat.

Foto: Imago/Poolfoto

St. Paulis Talente Senger, Viet, Loubongo und Flach starten erstmals als Profis in eine Saison. Die Geschichte mahnt sie zur Vorsicht.

Hamburg. Wenn am kommenden Sonntag die Zweitliga-Mannschaft des FC St. Pauli nach der dann fünfwöchigen Sommerpause wieder ins Training auf dem Rasen einsteigt, werden vier Talente aus der Nachwuchsarbeit des Clubs erstmals offiziell als Profis in die neue Saison gehen. Marvin Senger, Christian Viet, Aurel Loubongo und Leon Flach sind also die nächsten Hoffnungsträger des Millerntor-Clubs, denen der Durchbruch und eine Karriere in der Zweiten oder sogar Ersten Liga zugetraut wird.

In der Vergangenheit haben sich bei den Vorgängern dieses Quartetts diese Hoffnungen allerdings nur in den seltensten Fällen erfüllt. „Der Einzige, der von sich behaupten kann, dass er den Durchbruch als Stammspieler geschafft hat, ist Finn Ole Becker“, sagte zu diesem Thema St. Paulis neuer Cheftrainer Timo Schultz bei seiner Vorstellung vor zwei Wochen. „Von den jungen Spielern erwarte ich, dass sie nicht nur dabei sind, dass sie sich nicht nur freuen, dass sie einen Profivertrag bekommen haben und mal bei den Profis mittrainieren dürfen. Da geht es erst richtig los.“

St. Paulis Hoffnung ruht auf Timo Schultz

Als bisheriger U-19- und zuvor U-17-Trainer kennt Schultz die vier Neu-Profis sowie etliche weitere Talente so gut wie kein anderer. Entsprechend groß ist die Hoffnung, dass er die richtige Ansprache findet, um aus ihnen die bestmögliche Leistung herauszukitzeln.

Schließlich soll die mit einem Millionen-Aufwand betriebene Talenteausbildung des FC St. Pauli im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) kein Selbstzweck sein, sondern dazu dienen, im Profibereich Ablösesummen für fremde Spieler zu sparen und gleichzeitig Marktwerte für eigene Spieler zu schaffen, die bei einem möglichen Transfer nennenswerte Ablösesummen auf das Konto spülen.

Bornemann verweist auf Viet und Senger

„Grundsätzlich sehen wir bei all unseren NLZ-Spielern Potenzial. Sie bekommen von uns regelmäßig Feedback und wissen genau, woran sie sind. Entscheidend ist, dass sie das annehmen und den Willen mitbringen, sich oben durchzusetzen“, sagt St. Paulis Sportchef Andreas Bornemann. „Der Vertragsstatus sollte dafür nicht entscheidend sein. Als Profi darf sich derjenige fühlen, der sich in der entsprechenden Kabine umzieht. Wir möchten für eine hohe Durchlässigkeit in dem Lizenzbereich stehen, und die Tür nach oben ist immer offen.“

Christian Viet und Marvin Senger seien die jüngsten Beispiele dafür, die am Ende der abgelaufenen Saison ihre Zweitligadebüts gaben, bevor sie jüngst in den Profistatus erhoben wurden.

St. Paulis vier neue Profis im Kurzporträt:

  • Marvin Senger (20): Der 1,93 Meter große Innenverteidiger gab am 5. Juni beim 0:2 in Bochum sein Zweitliga-Debüt, nachdem er im Januar schon mit ins Wintertrainingslager reisen durfte. Zwei weitere Einsätze folgten. Von seinem Stammverein SV Eichede war er zunächst zum HSV und nach zwei Jahren zu Eintracht Norderstedt gewechselt. Im Sommer 2016 hatte ihn Timo Schultz von dort in St. Paulis U-17-Team geholt.

  • Christian Viet (21): Der als Mittelfeldspieler und rechter Außenverteidiger einsetzbare Niedersachse kam im Januar 2017 von der JFV A/O/Heeslingen zu St. Pauli. Er kam ebenfalls in Bochum zu seinem ersten Zweitligaspiel und bestritt auch noch die drei folgenden.

  • Aurel Loubongo (19): Bereits im Oktober 2018 stattete St. Pauli den schnellen Offensivspieler, der 2013 vom HSV ans Millerntor gewechselt war, mit einem vom 1. Juli 2020 geltenden Profivertrag aus. Schon im vergangenen Sommer war er mit den Profis im Trainingslager, wurde danach aber von Verletzungen gestoppt und spielte vorwiegend in der U19. „Aurel ist ein frecher, mutiger Flügelspieler. Er ist schnell und dribbelstark“, sagte NLZ-Leiter Roger Stilz bei der Vertragsunterzeichnung.

  • Leon Flach (19): Der in Humble/Texas geborene US-Amerikaner kann im zen­tralen Mittelfeld, aber auch als linker Außenverteidiger eingesetzt werden. Bereits im Februar 2018 hatte St. Pauli den Linksfuß mit einem Profivertrag, der von diesem Monat an gültig ist, ausgestattet und damit an sich gebunden. Damals sagte NLZ-Leiter Roger Stilz über den „Leon besticht nicht nur durch seine fußballerischen Fähigkeiten, sondern auch durch seine Mentalität. Er gibt nicht auf, er geht voran. Er besitzt alle notwendigen Werkzeuge, um sich in der Lizenzabteilung durchzusetzen.“ Nach zwei Länderspielen für die deutsche U-19-Auswahl im vergangenen Jahr bestritt er Anfang dieses Jahres zwei Partien für das U-20-Team der USA.

St. Paulis Führung erhöht Druck auf Talente

„Natürlich freuen wir uns darüber, wenn sich Spieler gut entwickeln, aber bei jungen Spielern müssen wir auch immer Leistungsschwankungen einkalkulieren. Deswegen ist es auch ganz normal, wenn ein Spieler im Laufe seiner Entwicklung nicht durchgehend im Lizenzteam dabei ist“, sagt St. Paulis Sportchef Andreas Bornemann ganz allgemein.

Cheftrainer Timo Schultz betont: „Wir haben einige Spieler aus dem NLZ herausgebracht, die den Etablierten richtig Feuer unterm Hintern machen können. Aber das müssen sie auch beweisen. Dann steht die Tür offen.“

Genau das aber habe er in der vergangenen Saison bei manchen der zuvor ins Profiteam gekommenen Talenten vermisst. „Da hat mir bei einigen in der vergangenen Saison ein bisschen die Gier gefehlt, auch noch die letzte Schippe draufzulegen, um meinen Konkurrenten auf derselben Position zu attackieren. Wenn ich jemanden überholen will, muss ich schneller sein und mehr tun als derjenige“, sagte er kürzlich.

Dritte Liga als Rettungsanker für Talente?

Und was ist aus jenen geworden, die in den vergangenen Jahren beim FC St. Pauli aus dem eigenen Nachwuchs in den Profikader aufstiegen und zu Einsätzen in der Zweiten Liga kamen? Der Überblick zeigt, dass es danach für sie oft ein oder zwei Stufen nach unten ging.

Die von Schultz angesprochene Ausnahme ist das große Mittelfeldtalent Finn Ole Becker (20), das schon vor zwei Jahren in den Profikader aufrückte, vom damaligen Trainer Markus Kauczinski allerdings nie in einem Pflichtspiel eingesetzt wurde, ehe dessen Nachfolger Jos Luhukay sofort auf ihn baute. Seither bestritt er 33 Zweitligaspiele.

Als Leihgabe abwärts in Liga drei zum SV Wehen Wiesbaden geht es hingegen jetzt für Innenverteidiger Florian Carstens (21/22 Zweitligaspiele), der zuletzt ins U-23-Team abkommandiert worden war. Gleiches trifft auf Defensivallrounder Yiyoung Park (26/26 Zweit­ligaspiele), der es beim Drittliga-Aufsteiger Türkgücü München versucht. Außenbahnspieler Luis Coordes (21/13 Zweitligaspiele) hofft derweil, dass St. Pauli seinen ausgelaufenen Vertrag jetzt doch noch verlängert. Derweil liebäugelt Torwart Svend Brodersen (23/2 Zweitligaspiele) mit einem vorzeitigen Wechsel voraussichtlich in die Dritte Liga, um mehr Spielpraxis zu bekommen.

Einer fand den Weg zurück in die Zweite Liga

Seit einem Jahr bereits spielt Verteidiger Brian Koglin (23/6 Zweitligaspiele) beim Drittligisten 1. FC Magdeburg. Offensivakteur Maurice Litka (24/19 Zweitligaspiele) stieg zuletzt mit Preußen Münster aus der Dritten Liga ab und ist derzeit vertragslos. Mittelfeldspieler Dennis Rosin (24/3 Zweitligaspiele) spielte nach dem Abschied von St. Pauli 2017 für Werder Bremen II, Lotte, Elversberg und zuletzt den VfB Oldenburg in der Regionalliga Nord. Stürmer Nico Empen (24/2 Zweitligaspiele) spielt seit 2017 für Weiche Flensburg in der Regionalliga, unterbrochen von einem halben Jahr in Rödinghausen.

Den Weg zurück in die Zweite Liga fand hingegen Offensivakteur Kyoungrok Choi (25/49 Zweitligaspiele), der nach seinem Abschied mithalf, den Karlsruher SC wieder aus der Dritten Liga nach oben zu führen. Schließlich hofft Außenstürmer Christian Conteh (20/7 Zweitligaspiele) nach seinem Wechsel zu Feyenoord Rotterdam sogar von einer internationalen Karriere.

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