Fußball in Corona-Zeiten

St. Pauli: Lieber Verluste mit Zuschauern als Geisterspiele?

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Carsten Harms
Geschäftsleiter Martin Urban arbeitet an Zuschauerkonzepten.

Geschäftsleiter Martin Urban arbeitet an Zuschauerkonzepten.

Foto: FC St. Pauli

Die geplante Teilzulassung von Zuschauern im Millerntor-Stadion wirft weiterhin viele Fragen zur konkreten Umsetzung auf.

Hamburg. Der von der Deutschen Fußball Liga (DFL) am Mittwoch herausgegebene Leitfaden für die Wiederzulassung von Zuschauern bei Spielen der Bundesliga und der Zweiten Liga und die sich daraus für den FC St. Pauli ergebenden Konsequenzen sind unter den Anhängern des Clubs weiter ein großes Gesprächsthema. Wie berichtet, dürften sich selbst bei den im Leitfaden genannten Maximalwerten lediglich 8420 Besucher zu Ligaspielen im Millerntor-Stadion einfinden, was rund 28,5 Prozent der normalen Gesamtkapazität (29.546) entspricht.

Die vergleichsweise hohe Anzahl an Stehplätzen, die laut der Modellrechnung im Leitfaden nur zu maximal 12,5 Prozent belegt werden sollen, führt zu diesem niedrigen Wert, der die Kosten eines Stadionbetriebs mit einem deutlich höheren organisatorischen Aufwand kaum decken würde.

St. Pauli zu Verlusten wegen Zuschauern bereit

Die Folge könnte sein, dass der FC St. Pauli bei Spielen ganz ohne Zuschauer finanziell besser dasteht als mit einer Höchstzahl von deutlich unter 10.000 Besuchern. Dies allerdings muss noch kein Ausschlusskriterium sein. Sofern die Vereinsführung und die organisierten Fans sich einvernehmlich auf einen Weg verständigen könnten, wie etwa die Zuteilung der zur Verfügung stehenden Tickets realisiert werden soll, ist vorstellbar, dass sich die Clubführung auf ein kalkulierbares Verlustgeschäft einlässt, um ihre Mannschaft in der kommenden Saison nicht weiter vor einer Geisterkulisse spielen lassen zu müssen.

Eine Stimmung wie bei einem vollen Stadion bleibt allerdings ausgeschlossen. Da bei einer Belegung von 50 Prozent auf den Sitzplätzen kein Mindestabstand von 1,50 Metern einzuhalten ist, ist nach den derzeitigen Vorschriften wohl unvermeidbar, dass alle Besucher auch während des Spiels einen Mund-Nasen-Schutz tragen müssen. Zwei andere Modelle des DFL-Leitfadens sehen Auslastungen der Sitzplätze von nur 44 und sogar lediglich 33 Prozent vor, was den wirtschaftlichen Betrieb eines Heimspiels noch unrealistischer werden lässt.

Fans wollen keine Sitzplätze in der Kurve

Der Fanclubsprecherrat als maßgebliches Organ der organisierten Fans ließ auf Nachfrage wissen, sich noch in der Meinungsbildung zu diesem komplexen Thema zu befinden. Dafür seien weitere Gespräche in den eigenen Gremien und mit dem Verein notwendig. Auch der Verein selbst hatte betont, sich im Austausch mit den Fans über die Konzepte und deren Umsetzung zu befinden. Ein kritischer Punkt ist die Personalisierung der Tickets und die Preisgabe der Kontaktdaten für die Nachverfolgung für den Fall einer Infektion.

Auch die Option, für die Zeit der Beschränkungen Sitze im Stehplatzbereich zu installieren, um auf gut 10.000 zugelassene Zuschauer zu kommen, dürfte bei manchen Fans, etwa den auf der Südtribüne beheimateten Ultras, nicht nur auf Gegenliebe stoßen. Geeignete Sitzschalen werden bereits für rund 20 Euro angeboten. Die Installation auf die Betonstufen mit zwei oder drei Schrauben ist wenig aufwendig. 4000 Sitze würden inklusive Montage eine Investition im niedrigen sechsstelligen Bereich bedeuten, die sich lohnen könnte, wenn noch viele Monate die Zuschauerzahlen deutlich reduziert bleiben müssten.

Die Fanclubs und die Führung des FC St. Pauli sind sich derweil darin einig, dass alle jetzt diskutierten Konzepte nur eine Zwischenlösung sind. Wann aber alles wieder wie vor der Corona-Krise stattfinden kann, ist völlig offen. Klar ist nur, dass es immer schwerer wird, für die 36 Clubs der ersten beiden Ligen halbwegs ähnliche Voraussetzungen für deren Heimspiele sicherzustellen. Zu unterschiedlich sind die Gegebenheiten in den einzelnen Stadien. Dazu kommen die individuellen Maßgaben der örtlichen Gesundheitsämter.

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