Corona-Nachteil

St. Pauli drohen weiter Geisterspiele wegen der Stehplätze

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Carsten Harms
Ein Bild aus Vor-Corona-Zeiten: Dicht gedrängt stehen die Fans des FC St. Pauli auf der Gegengeraden des Millerntor-Stadions.

Ein Bild aus Vor-Corona-Zeiten: Dicht gedrängt stehen die Fans des FC St. Pauli auf der Gegengeraden des Millerntor-Stadions.

Foto: imago sport / www.imago-images.de

Laut DFL-Leitfaden dürften maximal 8400 Zuschauer ins Millerntor-Stadion – wohl zu wenig, um Kosten zu decken.

Hamburg.  Wird der FC St. Pauli in der kommenden Saison doch noch einer der großen Verlierer der Corona-Krise? Ist der Club bisher wegen seines jahrelangen, soliden Wirtschaftens vergleichsweise ordentlich durch die von Einschränkungen geprägte Zeit der Pandemie gekommen, so könnten ausgerechnet jetzt die möglichen Lockerungen zu einem erheblichen Nachteil werden.

25.000 Fans beim HSV, 0 bei St. Pauli?

Insbesondere die Wiederzulassung von Zuschauern, für die die Deutsche Fußball Liga (DFL) jetzt einen 41-seitigen Leitfaden erarbeitet und an die 36 Proficlubs verschickt hat, könnte sich zu einem fatalen Wettbewerbsproblem auswachsen.

Im schlimmsten Fall kann es passieren, dass Liga-Konkurrenten wie der 1. FC Nürnberg, Hannover 96, Fortuna Düsseldorf und auch der HSV wieder vor 20.000 und mehr Fans spielen und deren Eintrittsgelder einnehmen, während St. Pauli weiterhin und auf unabsehbare Zeit seine Heimspiele vor leeren Rängen bestreitet. Der vergleichsweise hohe Anteil an Stehplätzen im Millerntor-Stadion erweist sich jetzt als ein immenses Problem.

Stehplätze werden für St. Pauli zum Problem

Als der FC St. Pauli Anfang 2014 die neue Gegengerade des Millerntor-Stadions eröffnete, betonten die Verantwortlichen mit viel Stolz, dass es in keinem anderen, neu errichteten Stadion in Deutschland einen so großen Stehplatzbereich auf einer Längsseite des Spielfeldes gebe. Tatsächlich bietet der untere Bereich der Gegengeraden auf voller Länge Platz für 10.000 Stehplatz-Besucher. Darüber befinden sich gerade einmal noch 3000 Sitzplätze.

Der FC St. Pauli war mit dieser Aufteilung der Gegengerade-Tribüne den Forderungen der eigenen Fans nach einem weiter hohen Anteil an Stehplätzen nachgekommen. Schon zu normalen Zeiten verzichtet der Millerntor-Club damit auf erhebliche Einnahmen.

Doch jetzt, da die Aussicht besteht, dass in Teilen wieder Zuschauer die Spiele der kommenden Saison begleiten dürfen, wird der für ein neu gebautes Stadion sehr hohe Anteil an Stehplätzen (16.940) gegenüber den Sitzplätzen (12.606) zu einem existenziellen Problem. Im besagten DFL-Leitfaden geht ein Modell davon aus, dass bis 50 Prozent der Sitz-, aber maximal nur 12,5 Prozent der Stehplätze belegt werden dürfen, um die weiter vorgeschriebenen Abstände zu wahren.

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Bei diesen schon maximalen Quoten dürften im Millerntor-Stadion 6303 Sitzplätze belegt werden und sich nur weitere 2117 Personen im Stehplatzbereich befinden. Die Gesamtzahl von 8420 Zuschauern ist allerdings vermutlich zu niedrig, um den mit einer Stadionöffnung verbundenen finanziellen Aufwand für eine hohe Zahl von Ordnern, die namentliche Registrierung der Zuschauer inklusive Kontaktdaten und die Reinigungskräfte zu decken.

Allein der Zugang ins Stadion wird sehr viel zeitaufwendiger als bisher. Weil Staus unbedingt zu vermeiden sind, soll es für jeden Besucher ein festes Zeitfenster geben, wann er das Stadion betreten darf.

So steckt der FC St. Pauli offenbar in der Zwickmühle. Entweder lässt er sein Team weiter vor einer Geisterkulisse mit den sich daraus ergebenden sportlichen Nachteilen spielen oder er geht mit der Zulassung der erlaubten Maximalzahl von Zuschauern das Risiko ein, finanziell noch schlechter als bei einem Geisterspiel dazustehen.

Völlig unklar ist zudem, wie im konkreten Fall die Tickets verteilt werden sollen. Mutmaßlich kommen nur die 15.500 Dauerkarten-Inhaber in Betracht, die aber mit einem anderen als ihrem gewohnten Platz vorlieb nehmen müssen.

St. Pauli arbeitet an verschiedenen Szenarien

Auf Nachfrage am Donnerstag lehnten es die Verantwortlichen des FC St. Pauli ab, sich zu dieser neuen Problematik und den daraus ergebenden Modellrechnungen konkret zu äußern.

Stattdessen gab es folgende allgemeine Stellungnahme: „Der Verein hat eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich intensiv mit der Thematik beschäftigt und verschiedene Szenarien vorbereitet. Es handelt sich um ein komplexes Thema, und wir müssen immer auch die aktuellen Entwicklungen des Infektionsgeschehens und die damit verbundenen Auflagen beachten.“

Und weiter: „Dazu befinden wir uns im regelmäßigen Austausch mit den Behörden, der DFL und auch den Fans. Wir werden zu gegebener Zeit über unser Konzept informieren, bitten bis dahin aber um Verständnis, dass wir zwei Monate vor Saisonbeginn weder Zwischenstände herausgeben noch die Pläne anderer Vereine kommentieren.“

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Zu den beschriebenen Szenarien dürfte auch gehören, die umfangreichen Stehplatzbereiche mit relativ leicht wieder entfernbaren Sitzen auszustatten, so wie es etwa im Volksparkstadion des HSV oder den anderen für internationale Spiele ausgelegten Arenen die Regel ist. Bei einer reinen Sitzplatzbelegung hat das Volksparkstadion eine Gesamtkapazität von rund 50.000 Zuschauern. Nach dem DFL-Leitfaden könnten also bis zu 25.000 Zuschauer zugelassen werden.

Ob für St. Pauli der Einbau von temporären Sitzplätzen in Betracht kommt, ist aber nicht nur eine wirtschaftliche Überlegung. Genauso wird es darauf ankommen, die organisierten und überwiegend auf den Stehplätzen beheimateten Fans von einer solchen Maßnahme zu überzeugen.

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