Rücktritt

Vizepräsident Pawlik fand bei St. Pauli zu wenig Gehör

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Carsten Harms
St. Paulis Präsident Oke Göttlich (r.) hatte Joachim Pawlik 2014 in sein Team geholt.

St. Paulis Präsident Oke Göttlich (r.) hatte Joachim Pawlik 2014 in sein Team geholt.

Foto: Witters

Führungsgremium verliert seinen wichtigen Strategen, weil ihm die Bedeutung des Profifußballs im Verein zu kurz kommt.

Hamburg.  Es sind mal wieder aufregende Zeiten beim FC St. Pauli. Am Tag nach der einvernehmlichen Trennung von Cheftrainer Jos Luhukay wurde bekannt, dass der Club seit geraumer Zeit auch von einem Beben in der ehrenamtlichen Führung durchgerüttelt wird. Dieses wurde offenbar nur bis zum letzten Spieltag der Zweiten Liga am vergangenen Sonntag unter Verschluss gehalten, um im Kampf gegen den Abstieg nicht noch weitere Baustellen zu eröffnen.

Wie jetzt aber doch bekannt wurde, hat Vizepräsident Joachim Pawlik bereits vor geraumer Zeit die Konsequenzen aus einem Richtungsstreit innerhalb des fünf Personen umfassenden Präsidiums gezogen und ist von seinem Amt zurückgetreten, was er auch dem Aufsichtsrat mitteilte. Dieser Schritt wurde nun zum regulären Ende der Saison 2019/20 am Dienstag (30. Juni) wirksam.

Offiziell wurde Pawliks Rücktritt mit der starken beruflichen Belastung als geschäftsführender Gesellschafter der international tätigen Unternehmensberatung Pawlik Consultants begründet. Aufgrund dessen habe er seinem eigenen Anspruch, wie er das Vize-Präsidentenamt ausfüllen will, nicht mehr gerecht werden können. „Wer Joachim kennt, weiß, dass er mit höchsten Ansprüchen und voller Energie alle Ämter ausfüllt. Ihm gebührt ein großer Dank. Es ist nicht selbstverständlich, mit welch hohem Einsatz Joachim neben seinem zeitintensiven Job als Geschäftsführer ehrenamtlich für den Verein tätig war“, sagte Präsident Oke Göttlich.

Streit im Präsidium schwelte seit geraumer Zeit

Die zeitliche Belastung ist als Rücktrittsgrund nach Informationen des Abendblatts allerdings bestenfalls nur die halbe Wahrheit. Seit geraumer Zeit schwelte im Präsidium des FC St. Pauli ein Streit über die zu setzenden Prioritäten unter den verschiedenen Aufgabenbereichen. Dabei machte sich Pawlik immer wieder dafür stark, dem Thema Profifußball, also dem vermeintlichen Kerngeschäft des Zweitligaclubs, mehr Bedeutung als bisher beizumessen und sich konsequenter und mit einem größeren finanziellen Engagement für die Entwicklung des Profiteams einzusetzen. Stattdessen werde aber vor allem zu viel Energie für diverse politische Themen verwendet, die sich der Kiezclub auf die Fahnen geschrieben hat.

Nicht ganz zufällig kursiert schon seit einiger Zeit der Spruch, der FC St. Pauli sei im Grunde gar kein Proficlub, sondern eigentlich nur ein Politbüro mit angeschlossener Sportabteilung. Die Tatsache, dass das Zweitligateam allein in vier der vergangenen sechs Spielzeiten bis weit in die Rückrunde in Abstiegsgefahr schwebte, scheint ein Beleg für die These zu sein, dass dem Profifußball intern zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt werde.

Engagement auf politischer Ebene ist vielfältig

Das Engagement auf politischer Ebene ist dagegen vielfältig. So deutlich wie kein anderer Club im deutschen Profifußball bezieht St. Pauli Stellung gegen Rassismus, Faschismus und Homophobie. Als einziger deutscher Proficlub hat St. Pauli sogar immer wieder Trikots, die zum Teil von Applikationen im Regenbogenmuster geziert werden, was das Symbol für Vielfalt und Toleranz darstellt. Auch in Sachen Umweltschutz engagiert sich der Kiezclub und hat seit einigen Jahren zwei Bienenvölker im Millerntor-Stadion angesiedelt – mit dem Technischen Direktor und ehemaligen Trainer Ewald Lienen als Paten.

Der 55 Jahre alte Pawlik war im November 2014 auf der Mitgliederversammlung des Millerntorclubs erstmals gewählt worden – ebenso wie Präsident Oke Göttlich. 2017 wurde er von den Mitgliedern bis 2021 in seinem Amt bestätigt. Der FC St. Pauli hatte die Präsidiumswahl auf 2017 vorgezogen, um die zeitliche Parallelität zur Wahl des Aufsichtsrates aufzulösen, die jetzt immer ein Jahr später stattfindet, das nächste Mal also Ende 2022.

„Dieser Schritt ist mir sehr schwergefallen“, sagte Pawlik jetzt in einem vom Club verbreiteten Statement über seinen Rücktritt. Die Zusammenarbeit im Präsidium und dem Aufsichtsrat sei „durch ein hohes Maß an Vertrauen und Hingabe geprägt“ gewesen. „Gemeinsam haben wir viel von dem umgesetzt, was wir uns vorgenommen hatten“, sagte er offiziell.

Rücktritt als einzig verbleibende Konsequenz

Joachim Pawlik zieht mit seinem Rücktritt die Konsequenzen daraus, dass er sich mit seinen Forderungen nach Stärkung des leistungssportlichen Bereiches innerhalb des Führungsgremiums nicht durchsetzen konnte. Auch im Aufsichtsrat fand er offenbar nicht die nötige Unterstützung für sein Anliegen. Da er auf der einen Seite den derzeitigen Kurs des Vereins nicht mehr guten Gewissens nach außen vertreten, andererseits aber auch nicht illoyal sein wolle, war der Rücktritt die einzig verbleibende Konsequenz. Klar ist, dass das Präsidium eine fachliche Kapazität und ein in Wirtschaft und Politik sehr gut vernetztes Mitglied verliert.

Pawlik hatte in der Saison 1985/86 für die erste Mannschaft des FC St. Pauli 20 Spiele in der Oberliga Nord, der damals dritthöchsten Spielklasse, bestritten und besaß damit innerhalb des Präsidiums die größte Erfahrung als Leistungsfußballer. Verantwortlich war er im Führungsgremium allerdings in erster Linie nicht für Sport, sondern für Vermarktung. In dieser Funktion war er federführend am Rückkauf der Merchandisingrechte 2015 und zuletzt an der Überführung der Vermarktung und Sponsoren-Akquise in den Verein beteiligt.

St. Paulis Präsidium wird als Quartett weiterarbeiten

„Die Leidenschaft und Energie, mit der Joachim die einzelnen Projekte in den letzten Jahren vorangetrieben hat, wird uns fehlen. Ich freue mich, dass Joachim trotzdem unserem Verein eng verbunden bleibt und uns auch in Zukunft bei der ein oder anderen Fragestellung zur Seite stehen wird“, sagte die Aufsichtsratsvorsitzende Sandra Schwedler.

St. Paulis Präsidium wird nun satzungskonform als Quartett weiterarbeiten. Neben Präsident Oke Göttlich gehören Christiane Hollander, Jochen Winand und Carsten Höltkemeier dem Gremium an. Während Winand wie Göttlich und Pawlik bereits seit 2014 erstmals gewählt wurde, kamen Hollander und Höltkemeier 2017 dazu und ersetzten Thomas Happe und Reinher Karl. Neuwahlen des Präsidiums stehen 2021 wieder an. Seit einiger Zeit gibt es Überlegungen, dass zumindest ein Posten im Präsidium erstmals hauptamtlich sein wird.

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