Fußball

Sportpsychologe: „St. Pauli hat keine Erfolgsidentität“

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Carsten Harms
Finn Ole Becker (l.) wurde von Jos Luhukay zuletzt nur noch sporadisch eingesetzt.

Finn Ole Becker (l.) wurde von Jos Luhukay zuletzt nur noch sporadisch eingesetzt.

Foto: Poolfoto via www.imago-images.de / imago images/Poolfoto

Mentalcoach Heiko Hansen analysiert vor dem Spiel gegen FC Erzgebirge Aue die Probleme der abstiegsbedrohten Kiez-Kicker.

Hamburg. Die Gelegenheiten, endlich den Befreiungsschlag im Abstiegskampf zu landen, werden für den FC St. Pauli weniger. Das Duell mit dem praktisch bereits geretteten FC Erzgebirge Aue am Sonntag (13.30 Uhr, Sky und Liveticker abendblatt.de) ist das vorletzte Heimspiel der Saison für die auswärts chronisch schwache Elf vom Millerntor.

„Wir unterschätzen die Situation nicht, aber sie ist nicht neu. Wir standen im November und Dezember sogar schlechter da, was den Abstand nach unten betrifft“, sagte am Freitag St. Paulis Trainer Jos Luhukay. Der Unterschied ist nur, dass es nach der Krise im Spätherbst noch genügend Spiele gab, um sich nach oben zu arbeiten. Das ist jetzt, nach schon wieder vier sieglosen Spielen in Folge, eben nicht mehr der Fall.

Zu wenig Ertrag habe sein Team vor der Corona-Pause aus den Spielen geholt, in denen es dem jeweiligen Gegner überlegen gewesen sei, meinte der Trainer, der an diesem Sonnabend 57 Jahre alt wird und sich als Geschenk der Mannschaft „am meisten mit drei Punkten anfreunden“ könnte. Schon vor Beginn der Saison sei ihm klar gewesen, dass es eine schwere Spielzeit werde, sagte er erstmals so deutlich.

St. Pauli braucht besondere Spiele um Erfolgshunger hervorzurufen

Für den bekannten Sportpsychologen und Mentalcoach Heiko Hansen aus Bad Bramstedt hat es tiefere Ursachen, dass der FC St. Pauli in den vergangenen Jahren fast regelmäßig in sportliche Krisen geriet und dabei häufig bis in die Schlussphase einer Saison hinein um den Klassenverbleib bangen musste. „Bei St. Pauli stelle ich seit Langem fest, dass es hier keine Erfolgsidentität gibt. Ganz im Gegensatz zum Beispiel zum FC Bayern München. Das führt auch dazu, dass meist die entsprechenden Spielertypen zu den Vereinen gehen und sich so die jeweilige Identität fortschreibt“, sagt Hansen im Gespräch mit dem Abendblatt.

„Bei St. Pauli bedarf es immer besonderer Spiele, um einen Erfolgshunger hervorzurufen. Das hat man in dieser Saison an den Derbysiegen gegen den HSV gesehen“, stellt Hansen fest. „Ich stelle bei dem Club seit Jahren ein Mentalitätsproblem fest. Zu sehr wird von den Legenden der Vergangenheit gelebt.“ Zudem sei es ein Problem, dass sich die Verantwortlichen bislang nicht klar genug dazu bekennen, sich auch die Erste Liga zuzutrauen.

Hansen sieht Luhukays Aussagen kritisch

Mit der Verpflichtung von Jos Luhukay als Cheftrainer im April 2019 anstelle des zu genügsam erscheinenden Markus Kauczinski wollte St. Paulis Vereinsführung zwar höhere Ambitionen untermauern, das bisherige Ergebnis ist allerdings nahezu das komplette Gegenteil. An dieser Entwicklung hat der – zweifellos höchst ehrgeizige – Luhukay nach Hansens Einschätzung durchaus seinen Anteil.

Kritisch sieht er zum Beispiel Aussagen wie vor einer Woche, als Luhukay allen seinen Spielern die Berechtigung absprach, in die Startelf berufen zu werden. „Wenn ein Trainer öffentlich die Mannschaft infrage stellt, führt das eher zu einer Verunsicherung als zu zusätzlicher Motivation“, sagt der Sportpsychologe, der schon für Mainz 05, Düsseldorf, Wolfsburg, Hoffenheim und den Universum-Boxstall gearbeitet hat.

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St. Pauli hat eine interne Streitkultur

„Es ist für Spieler schwierig, wenn sie durch den Trainer permanent unterschiedlich bewertet werden. Auch dadurch werden sie eher verunsichert als motiviert – vor allem, wenn dies nicht gut begründet wird“, sagt Hansen weiter, angesprochen auf die starke Fluktuation in der Besetzung des Teams und das hohe Tempo, mit dem einzelne Profis zwischen Startelf, Reservebank und Tribüne hin und her verschoben werden.

Für Hansen bedient Luhukay das Bild, das er sich im Laufe vieler Jahre von Trainern aus den Niederlanden gemacht hat. „Sie sind diskussions- und streitfreudig und haben keine Angst vor Konflikten. Dies passt oft nicht zu deutschen Vereinen“, sagt er. Dabei pflegt St. Pauli ja noch sein Image, eine interne Streitkultur zu haben.

Aufstellung:

FC St. Pauli: Himmelmann – Zander, Östigard, Senger, Buballa – Benatelli, Knoll – Coordes, Sobota, Diamantakos – Veerman.
FC Erzgebirge Aue:
Männel – Cacutalua, Gonther, Rasmussen – Strauß, Fandrich, Riese, Hochscheidt – Nazarov – Testroet, Krüger.

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