FC St. Pauli

Viktor Gyökeres, der gute Geist im leeren Stadion

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Carsten Harms
Stürmer Viktor Gyökeres erzielte am Sonntag sein siebtes Saisontor.

Stürmer Viktor Gyökeres erzielte am Sonntag sein siebtes Saisontor.

Foto: Witters

Der schwedische Stürmer beschert dem FC St. Pauli den 1:0-Sieg gegen Nürnberg in Hamburgs erstem Profifußballspiel ohne Zuschauer.

Hamburg.  So gelöst und erleichtert hat man Jos Luhukay wohl noch nicht erlebt, seit er im April 2019 das Traineramt beim FC St. Pauli übernommen hat. Fröhlich lächelnd ging der Niederländer nach der virtuellen Pressekonferenz die Stufen der Haupttribüne im Millerntor-Stadion hinunter und musste bei der kurzen Frage, wann seine Mannschaft das nächste Training habe, ein bisschen grinsen. „Sie haben mich überredet“, gab er freimütig zu. Am Montag und Dienstag sei frei, erst am Mittwoch stehe die nächste gemeinsame Übungseinheit an. „Das haben sie sich aber auch verdient, nachdem sie eine Woche lang ihre Familien und Freundinnen nicht gesehen haben“, sagte er angesichts der Hotel-Quarantäne seit vergangenem Montag.

Auch wenn später noch konkretisiert wurde, dass die Spieler, die gerade mit 1:0 (0:0) gegen den 1. FC Nürnberg gewonnen und damit die Geisterspielpremiere nach der Corona-Pause erfolgreich gestaltet hatten, sich an diesem Montag individuell regenerieren sollen, war es ein ungewöhnliches Entgegenkommen des sonst so akribischen und oft verbissen wirkenden Luhukay. Der achte Saisonsieg, auf den im Spiel lange Zeit nichts hingedeutet hatte, sorgte für eine gewisse Erleichterung im Kampf um den Klassenverbleib und für den Sprung auf den neunten Tabellenplatz.

Geisterspiel begann mit einer Panne

Dabei hatte das durch die Corona-Pandemie bedingte Geisterspiel schon mit einer Panne begonnen, bevor es richtig angefangen hatte. Da hatte es bis zum Freitag Diskussionen darüber gegeben, ob angesichts der Tristesse auf den Rängen überhaupt der bekannte AC/DC-Song „Hells Bells“ gespielt werden sollte, wenn die Mannschaft auf das Feld läuft. Die in den Fanclubs organisierten Anhänger waren eher dagegen, die Spieler dafür. Und dann das: Die berühmten Glockenschläge erklangen, doch es tat sich nichts am Ausgang des Spielertunnels. Erst als sich das Musikstück gen Ende neigte, wanderten St. Paulis Profis quasi tröpfelweise auf den gepflegten Rasen des Millerntor-Stadions.

Diese scheinbare Schläfrigkeit legten die Spieler auch nach dem Anpfiff nicht richtig ab, kamen in vielen Szenen zu spät und liefen den deutlich präsenteren Nürnbergern viel zu oft hinterher. „Fußball lebt durch seine Fans“, stand auf einem riesigen Transparent auf der Haupttribüne. Es schien fast, als nähmen die Profis des Kiezclubs dies zum Anlass, dieses Geisterspiel selbst mehr leblos als inspiriert zu bestreiten. Beim Einlaufen hatten zudem St. Paulis Präsidiumsmitglieder ein weiteres Transparent präsentiert. „Ohne euch ist alles nichts“ stand darauf. Auch hier waren die zwangsweise fehlenden Fans gemeint, aber auf die Profis konnte dies ebenso gemünzt gewesen sein.

Luhukay: „Das war gar keine Atmosphäre“

Während des Spiels saßen die Vertreter aus St. Paulis Führungsriege mit gebührendem Abstand voneinander, ein Stück weiter gen Mitte hatte sich Nürnbergs Aufsichtsratschef Thomas Greth­lein platziert und kommentierte die Aktionen seines Teams und die Entscheidungen von Schiedsrichter Daniel Sie­bert immer wieder lautstark. Club-Stürmer Nikola Dovedan bekam verbal sein Fett weg, als er das leere St.-Pauli-Tor verfehlte (43. Minute) und damit, wie sich später herausstellte, Nürnbergs größte und auch letzte Torchance leichtfertig vergab. Zwischenzeitlich lieferte sich Grethlein einen Wechselgesang mit einem nicht zu erkennenden Mann im Logenbereich. Dessen „St. Pauli“-Rufe konterte er mit „FCN!“. Wenigstens ein bisschen Unterhaltung in dieser Geisterstimmung, über die Luhukay später sagte: „Das war gar keine Atmosphäre.“

Die Bilder zu St. Paulis Geistersieg:

Als nach dem Seitenwechsel St. Paulis Henk Veerman von Nürnbergs Torwart Christian Mathenia (siehe nebenstehenden Text) von den Beinen geholt wurde (53.), wollte Nürnbergs Aufsichtsratschef eine „Schwalbe“ gesehen haben, wie er ins leere Stadion rief, doch er ahnte schon, dass Schiedsrichter Siebert nach Ansicht der TV-Bilder diese Meinung nicht mehr teilen konnte. Der Kontakt von Mathenia mit Veerman war bis auf die Ränge zu hören gewesen.

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Die Szene war die Wende im Spiel, auch wenn der eingewechselte Mathenia-Vertreter Felix Dornebusch den fälligen, von Marvin Knoll getretenen Freistoß sicher parierte. Die Nürnberger wirkten geschockt, verloren ihren bisherigen Spielfluss, bauten damit die St. Paulianer mental auf. „Als wir elf gegen elf gespielt haben, waren wir die unterlegene Mannschaft. Der Platzverweis hat uns dann in die Karten gespielt“, urteilte Torwart Robin Himmelmann, der sein Team gleich mehrmals vor einem Rückstand bewahrt hatte.

Schon das siebte Saisontor des Skandinaviers

„Nürnberg hat uns vor allem in der ersten Halbzeit vor echte Probleme gestellt. Wir hatten es schwer, echte Lösungen zu finden“, räumte auch Trainer Luhukay ein. Schon zum Ende der ersten Halbzeit wechselte er deshalb schon Finn Ole Becker für den darüber erbosten Dimitrios Diamantakos ein, der wütend an die Seitenwand der Ersatzbank schlug. Noch zielführender aber war die Einwechslung von Viktor Gyökeres, der in Überzahl für Schwung von der linken Offensivseite sorgte. So war es kein Zufall, dass der schwedische Leihstürmer von links nach innen ziehend mit einem Flachschuss ins rechte Eck den Treffer zum 1:0-Sieg (84.) erzielte.

Es war auch schon das siebte Saisontor des Skandinaviers, eines fehlt ihm nur noch, um mit Veerman und Diamantakos gleichzuziehen. „Es war ein sehr schönes Gefühl, so zu treffen und der Mannschaft zu helfen“, sagte Gyökeres in seiner typischen unterkühlten Art. „Am Ende sind wir der glückliche Gewinner“, ordnete Luhukay den Sieg treffend ein. Da kann selbst ein Perfektionist schon einmal milde werden und den Wunsch seiner Spieler erfüllen.

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