Zweite Bundesliga

FC St. Pauli: „Hells Bells“ und „Song 2“ gegen die Tristesse

| Lesedauer: 9 Minuten
Alexander Berthold
FC St. Pauli: Torhüter Robin Himmelmann kann am Sonntag wieder seinem Job nachgehen.

FC St. Pauli: Torhüter Robin Himmelmann kann am Sonntag wieder seinem Job nachgehen.

Foto: Witters

Bei Geisterspiel-Premiere gegen Nürnberg gibt es ein reduziertes Rahmenprogramm. Polizei sichert Stadionumgebung.

Hamburg.  Am Freitag wurde beim FC St. Pauli Geburtstag gefeiert. Der Kiezclub zelebrierte sein 110-jähriges Bestehen. Leise und jeder für sich, statt schrill und in großer Gesellschaft. Triste, neue Corona-Welt. Das größte Geschenk will sich der Kiezclub am Sonntag (13.30 Uhr/Sky) im Millerntor-Stadion gegen den 1. FC Nürnberg selbst machen. Wie das gelingen soll? Was die Polizei rund ums Stadion plant, und ob es ein Rahmenprogramm gibt – das Abendblatt beantwortet die letzten Fragen vor dem Restart der Kiezkicker.

Wie lief die Vorbereitung auf das erste Geisterspiel der Vereinsgeschichte?

Am Donnerstag hat die Mannschaft im Millerntor-Stadion den Ernstfall simuliert. Die Profis traten in einem Spiel elf gegen elf gegeneinander an. „Das war wichtig für die Jungs. Ich habe ihnen die Vorfreude angesehen, als sie den fantastischen Rasen betreten haben. Wir werden unsere Fans vermissen. Jetzt muss die zusätzliche Motivation aus jedem einzelnen Spieler kommen“, sagt Trainer Jos Luhukay (56), der beim Training und auch beim internen Testspiel darauf verzichtete, beim Coaching einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen. Und den kann er auch am Sonntag im Spind lassen.

Die Deutsche Fußball Liga (DFL) hob am Freitagnachmittag die Maskenpflicht für Trainer auf. Mit Mundbedeckung hat Luhukay unterdessen in den vergangenen Tagen Videosequenzen aus den Partien vor der Corona-Pause gezeigt. Darunter auch Bilder des Derbysiegs beim HSV (2:0). „Wir haben eine gute Phase erlebt, die leider von Corona unterbrochen wurde“, sagt Luhukay, der froh ist, in diesen Tagen 27 Spieler zur Verfügung zu haben. „Es werden die meisten Spieler auf ihre Einsätze kommen. Wir haben acht Wochen kein Meisterschaftsspiel gehabt und sind erst seit anderthalb Wochen wieder im Mannschaftstraining“, sagt Luhukay, den auch die fünf nun möglichen Auswechslungen freuen.

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Wie ist der Ablauf am Spieltag beim FC St. Pauli?

Die Mannschaft trifft sich im Quarantäne-Hotel „25hours“ in der HafenCity zwischen 7.30 und 8.30 Uhr zu einem freiwilligen Frühstück. Um 10.30 Uhr können sich die Profis bei einem Brunch noch mal stärken, ehe in einem großen Tagungsraum die finale Mannschaftssitzung, in der unter anderem die Aufstellung verkündet wird, auf dem Programm steht. „Dort halten wir natürlich die 1,50 Meter Abstand ein. Im Hotel laufen wir alle mit Maske herum. Auch die Hotelmitarbeiter tragen einen solchen Schutz. Wir haben alle Hygienemaßnahmen im Hotel, an der Kollaustraße und im Stadion umgesetzt“, sagt Luhukay.

Nach dem Meeting werden sich Spieler, Trainer und Betreuer getrennt auf den Weg machen, um anderthalb Stunden vor dem Anpfiff im Millerntor-Stadion anzukommen. Die Profis, die nicht im 20-Mann-Kader stehen, dürfen nicht ins Stadion, müssen die Partie in den eigenen vier Wänden schauen. „Direkt nach dem Spiel endet unsere Quarantäne im Hotel und die Spieler, die Trainer und Betreuer dürfen wieder nach Hause“, sagt Luhukay. Von Montag an sieht das Hygiene- und Sicherheitskonzept der DFL eine häusliche Quarantäne vor.

Wie will Trainer Jos Luhukay seine Mannschaft auf- und einstellen?

Personell kann der Niederländer fast aus dem Vollen schöpfen. Nur Christopher Buchtmann (Reha nach Achillessehnenoperation), Christian Conteh (muskuläre Pro­bleme) und Philipp Ziereis (leichte Knieprobleme) werden nicht zur Verfügung stehen. Die zuletzt angeschlagenen Henk Veerman, Ryo Miyaichi und Dimi­trios Diaman­takos sind wieder fit und haben laut Trainer im internen Testspiel „einen fantastischen Eindruck“ hinterlassen. Am Mittwoch sprach Trainer Luhukay zur Mannschaft, um noch einmal über die Verhaltensregeln zu informieren, die gelten, sobald die Spieler das Stadion betreten. „Wir haben auch über den Torjubel gesprochen. Ich hoffe, wir erzielen viele Treffer, aber wir müssen mit Coolness und innerer Freude jubeln und uns nicht wie sonst in die Arme fallen“, warnt der Trainer.

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Werden die „Hells Bells“ und „Song 2“ durch das leere Stadion tönen?

Wenn die Mannschaft am Sonntag um kurz vor 13.30 Uhr aus dem Spielertunnel tritt, wird sie das zu gewohnten Klängen machen. St. Pauli hat sich dazu entschlossen, sowohl die Einlaufmusik „Hells Bells“ von AC/DC als auch die Tormusik „Song 2“ von Blur im Falle eines Treffers abzuspielen. Nach Abendblatt-Informationen wurden auch die Spieler befragt, wie sie zum Thema „Rahmenprogramm“ stehen. Auf einen Stadionsprecher wird St. Pauli dagegen verzichten. Die Videowand wird jedoch entgegen der ursprünglichen Planung in Betrieb sein und Tore, Spielzeit und Auswechslungen anzeigen.

Warum steht der Schiedsrichter der Partie noch nicht fest?

Normalerweise kommuniziert der Deutsche Fußball-Bund (DFB) die Schiedsrichteransetzung spätestens am Donnerstag vor einem Spieltag. Aufgrund der Corona-Pandemie hat sich das Prozedere geändert. Die Referees werden jeweils fünf Tage und einen Tag vor einem Spiel auf das Virus Sars-CoV-2 getestet. Erst wenn diese Tests negativ ausfallen, wird die Zuteilung der Unparteiischen endgültig bestätigt. Auch für den Video-Assistant-Referee (VAR) gibt es Neuerungen. Für den „Kölner Keller“ gilt ebenfalls ein Hygienekonzept. So werden die Videoschiedsrichter durch Plexiglasscheiben getrennt sein. Auch beim Zugang zum Raum existieren für die Schiedsrichter Regeln, sodass sie die 1,50 Meter Abstand einhalten können.

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Wie sichert die Polizei den Bereich rund um das Millerntor-Stadion?

Rund um das Stadion werden etwa 50 Beamte patrouillieren, um etwaige Menschenansammlungen zu überwachen. „Weder der Verein noch die Polizei gehen aber davon aus, dass Fans ins größerer Zahl im Umfeld des Stadions auftauchen werden. Sollten es einige Anhänger dennoch tun, haben sie sich an die Abstands- und Hygieneregeln zu halten“, sagt Polizei-Pressesprecherin Svenja Levgrün. Da seit dieser Woche auch wieder Restaurants und Kneipen öffnen dürfen, die „Sky“-Übertragungen anbieten, hat die Polizei nach Abendblatt-Informationen Befürchtungen, dass es in den Lokalitäten rund um das Stadion auf St. Pauli zu Menschenansammlungen kommen könnte – und Fans im Falle eines Sieges anschließend vors Stadion pilgern, um den Spielern zuzujubeln. „Die Polizei wird auch die Restaurants und Bars im Stadionumfeld im Blick haben und anlassbezogen und stichprobenartig Kontrollen durchführen. Die Inhaber sind in der Verantwortung, dass sich an die geltenden Auflagen und Regeln im Hinblick auf die Eindämmungsverordnung gehalten wird“, sagt Levgrün.

FC St. Pauli: Himmelmann – Zander, Östigard, Buballa, Ohlsson – Knoll, Benatelli – Miyaichi, Sobota, Gyökeres – Veerman.

1. FC Nürnberg: Mathenia – Valentini, Margreitter, Mavropanos, Handwerker – Erras, Geis – Dovedan, Behrens, Hack – Frei.

Die St.-Pauli-Serie: Was bisher geschah ...

  • 68 Tage ist das letzte Pflichtspiel des FC St. Pauli her. Viktor Gyökeres und Dimitrios Diamantakos sicherten ein 2:2 beim SV Sandhausen. Es war der bisher letzte gewonnene Punkt in einer Saison, die alles war, nur nicht langweilig.
  • Größter Aufreger: Bereits vor dem ersten Saisonspiel bei Arminia Bielefeld zerlegte Trainer Jos Luhukay Verein und Mannschaft in ihre Einzelteile. In bester Giovanni-Trapattoni-Manier polterte der Niederländer vor den Medien. „Bei St. Pauli gibt es zu viel Bequemlichkeit, zu viel Komfortzone, alle sind zu nett zueinander“, lederte der 56-Jährige. „Das gilt für alle Bereiche in diesem Verein. Das sollte man in den Müll werfen.“
  • Größter Sieg: Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte konnte der FC St. Pauli beide Derbys gegen den HSV gewinnen. Nach dem 2:0-Sieg am Millerntor folgte dasselbe Ergebnis im Volksparkstadion, welches von den Kiezkickern zur Partyzone umfunktioniert wurde.
  • Bitterste Niederlage: Neben Glücksgefühlen im Stadtderby gab es Frust pur im Nordderby gegen Holstein Kiel. Bis zur 95. Minute lag St. Pauli mit 1:2 hinten, als Henk Veerman einen Handelfmeter verschoss. Im Anschluss erhielt der Kiezclub wegen eines Rückpasses zum Keeper einen indirekten Freistoß, der über und nicht ins Tor flog.
  • Größtes Spektakel: Im Spiel bei Dynamo Dresden zeigte St. Pauli 45 Minuten Traumfußball, führte zur Pause mit 3:1. Was folgte, war Fußball-Irrsinn pur. Dresden holte in Unterzahl noch ein nicht mehr für möglich gehaltenes 3:3.

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