FC St. Pauli

Jos Luhukay: Der streitbare Derbyheld feiert sein Jubiläum

Trainer Jos Luhukay übernahm den FC St. Pauli am 11. April 2019.

Trainer Jos Luhukay übernahm den FC St. Pauli am 11. April 2019.

Foto: Witters

Der 56-Jährige ist Karfreitag seit genau einem Jahr Cheftrainer des Kiezclubs. Rückblick auf 365 Tage voller Emotionen und Aufreger.

Hamburg.  Seinen Ehrentag verbringt Jos Luhukay an einem Ort, an dem er gerne ist. Am Morgen des Karfreitags leitet der 56-Jährige – wie bereits seit Dienstag – im Millerntor-Stadion das Kleingruppen-Training, das die Stadt Hamburg seit dieser Woche erlaubt. Eine Stunde schwitzen, viel räumlicher Abstand in den Übungen, Zweikämpfe verboten. Eigentlich hätte am Freitag, dem Tag seines einjährigen Dienstjubiläums beim FC St. Pauli, die Pressekonferenz vor dem Auswärtsspiel am Ostersonntag beim Karlsruher SC auf dem Programm gestanden. Dort hätte er – bestens vorbereitet wie immer – über Taktik, Gegner und Personal referiert. Schöne alte Fußballwelt. Außer in den vereinseigenen Medien schwieg der St.-Pauli-Trainer während der Coronakrise bislang.

Am 11. April 2019, also vor fast genau einem Jahr, war das anders. Als Nachfolger von Markus Kauczinski sollte Luhukay St. Pauli in neue Sphären führen. „In den kommenden zwei Jahren möchte ich in die Bundesliga“, kündigte der Fußballlehrer bei seiner Präsentation im Presseraum des Stadions vollmundig an. Was folgte, war keine Annäherung an die Bundesliga. Stattdessen gab es 365 Tage voller Emotionen, Aufreger und etliche legendäre Auftritte vor den Medienvertretern.

Luhukays Kritik an Mannschaft und Verein hatte Folgen

Kurz vor Beginn der Saison 2019/20 zerlegte der impulsive Niederländer öffentlich Mannschaft und Verein in ihre Einzelteile. „Bei St. Pauli gibt es zu viel Bequemlichkeit, zu viel Komfortzone, alle sind zu nett zueinander“, polterte der Trainer. „Das gilt für alle Bereiche im Verein. Das sollte man in den Müll werfen“, hatte er hinzugefügt. Ein einmaliger Vorgang, der Risse im Innenverhältnis zu seinen Spielern nach sich zog.

So schien es, als würde es auf eine zeitlich begrenzte Zweckgemeinschaft hinauslaufen, zumal er im Verlauf der Saison vor allem arrivierte Profis (Knoll, Buchtmann, Himmelmann) immer wieder einmal öffentlich kritisierte und in seinen Aufstellungen – mal wegen Verletzungen, mal ungezwungen – derart viel rotierte, dass einem schwindelig werden konnte. Saisonübergreifend setzte Luhukay in allen 33 Pflichtspielen nicht weniger als 41 (!) Spieler ein.

Luhukay schreibt mit Derbyerfolg Vereinsgeschichte

Trotz seiner Eigenheiten genoss Luhukay vor allem von Präsident Oke Göttlich (44) volle Rückendeckung. „Ich habe selten einen bodenständigeren, ehrlicheren und klareren Menschen in dieser Fußballbranche kennengelernt. So was ist mir was wert, so was ist eine Haltung, und so was ist für mich auch St. Pauli“, sagt Göttlich über seinen Cheftrainer.

Auch sportlich fand Luhukay mit seinem Team nach schwachem Saisonstart und kurzem Höhenflug zunehmend in die Spur. St. Pauli spielt unter dem ersten ausländischen Vereinstrainer attraktiver und mutiger. Junge Spieler wie Finn-Ole Becker (19), Leo Östigard (20) und Christian Conteh (20) entwickelten sich zu Leistungs-und Hoffnungsträgern. Auch Kapitän Daniel Buballa (29) wurde vom Verkaufskandidaten zum Fixpunkt.

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Bei den Fans, die ihn lange kritisch beäugten, kletterte der oft unnahbar wirkende Coach am 22. Februar in der Beliebtheitsskala in ungeahnte Höhen. Durch das 2:0 beim HSV holte Luhukay als erster Trainer in der Vereinsgeschichte zwei Siege in einer Saison gegen den großen Lokalrivalen. „Ich kann nicht gut genießen", gab Luhukay anschließend zu. Genuss empfindet er bei seiner Arbeit, die er nach der Coronakrise in der Zweiten Liga möglichst bald an der Seitenlinie fortsetzen will.