Coronavirus

FC St. Pauli: „Spiele und die Kabine sind nicht zu ersetzen“

Roger Stilz leitet St. Paulis Nachwuchsleistungszentrum.

Roger Stilz leitet St. Paulis Nachwuchsleistungszentrum.

Foto: ValeriaWitters / WITTERS

St. Paulis Talentechef Roger Stilz sieht in der Zwangspaus wegen der Coronakrise aber auch eine Chance.

Hamburg.  Nicht nur die Profis des FC St. Pauli, sondern auch die für den Club so wichtigen Nachwuchsteams können derzeit kein Mannschaftstraining absolvieren, an Spiele ist schon gar nicht zu denken. Mehr noch: Da auch die Schulen geschlossen sind und es die bekannten Ausgangsbeschränkungen gibt, hat der Kiezclub entschieden, sein Jugendtalentehaus in Hamburg-Schnelsen vorerst zu schließen und die dort sonst wohnenden Talente nach Hause zu schicken.

Die Betreuung der jungen, talentierten Spieler aus den mehr als zehn Nachwuchsteams durch die Trainer, aber auch Sportpsychologen, ist allerdings mit der Zwangspause nicht unterbrochen, wie Roger Stilz, der Leiter des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) jetzt erläutert.

„Wir haben drei übergeordnete Ziele formuliert: Erstens wollen wir den Trainingsrhythmus aufrechterhalten. Zweitens soll die Freude an der Bewegung weiterhin bestehen bleiben. Und drittens wollen wir den Kontakt untereinander aufrechterhalten“, sagte der 43-Jährige jetzt in einem auf St. Paulis Homepage veröffentlichten Gespräch.

Aus diesen übergeordneten Zielen seien konkrete Pläne für die jeweiligen Mannschaften erstellt worden, die von den zugeordneten Trainern weiter betreut werden. „Dazu gibt es drei Bereiche: fußballtechnische Übungen, auch mit Videoanalyse, Athletik und die Sportpsychologie, die gerade in diesen Tagen noch einmal eine Wertigkeit gewinnt“, sagt Stilz weiter. In Briefen an die Eltern der Talente hat Stilz dieses Vorgehen erläutert.

Konzentriertes Krafttraining jetzt möglich

Auf der einen Seite steht für St. Paulis NLZ-Leiter, der auch den Fußballlehrerschein besitzt, fest, dass eine wochenlange Spiel- und Trainingspause die fußballerische Entwicklung der jungen Spieler hemmt. „Auf Strecke sind Pflichtspiele und das Messen auf hohem Niveau nicht zu ersetzen. Da brauchen wir uns nichts vorzumachen. Irgendwann brauchen die Jungs ihren Wettkampf“, stellt er klar.

Andererseits aber sieht er in der unfreiwilligen Pause und dem damit verbundenen Zwang zu improvisieren und auch ohne Team um sich herum diszipliniert zu bleiben, auch eine Chance. „Es gibt konkrete Sachen, für die jetzt Zeit gut ist: für ein konzentriertes Krafttraining oder ein Auftrainieren einer guten Rumpfmuskulatur.

So ein Durchpusten, das die Jungs im Moment haben und in dieser Form teilweise seit Jahren nicht gewohnt sind, kann auch Kräfte freisetzen. Die Pause lässt die Jungs manchmal auch wachsen. Ich glaube, sowohl für Geist, aber auch für den Körper, muss das nicht zum Nachteil sein“, sagt Stilz, der selbst als Fußballprofi bei den Schweizer Zweitligateams des SC Kriens und FC Vaduz gespielt hat, ehe er nach Hamburg umzog und hier noch für Altona 93 und den SC Victoria aktiv war.

Bei all den modernen Kommunikationsmöglichkeiten der Spieler untereinander und mit ihren jeweiligen Trainern ist für Roger Stilz eines aber auch nicht zu leugnen: „Wir brauchen den Kontakt und die Kabine. Da entsteht ganz viel und vor allem eine Gemeinschaft. Die Kabine wird fehlen und ist auf Dauer nicht zu ersetzen.“

Den Vorstoß des Mannschaftsrates des Zweitligateams, einen Gehaltsverzicht anzubieten, hat St. Paulis Sportchef Andreas Bornemann positiv zur Kenntnis genommen. Der Club arbeitet derzeit aber an einer „ganzheitlichen Lösung für den Verein“, wie Präsident Oke Göttlich kürzlich bereits im Abendblatt betont hat.