FC St. Pauli

Macht sich Luhukay durch den Derby-Coup endlich beliebt?

Nach dem Abpfiff gab es kein Halten mehr. Die Ersatzbank flippt nach dem Derbysieg aus, Jos Luhukay (4. v. l.) genießt eher still.

Nach dem Abpfiff gab es kein Halten mehr. Die Ersatzbank flippt nach dem Derbysieg aus, Jos Luhukay (4. v. l.) genießt eher still.

Foto: TayDucLam / Witters

Präsident Oke Göttlich huldigt St. Paulis Trainer Jos Luhukay. Doch hilft der Sieg beim HSV auch, bei Fans und im Umfeld anzukommen?

Hamburg.  An diesem Dienstag darf Jos Luhukay endlich wieder das tun, was er am liebsten mag: auf dem Platz stehen, an taktischen Finessen feilen und am Matchplan für die nächste Partie am Sonntag gegen den VfL Osnabrück werkeln. Am liebsten hätte der 56 Jahre alte Niederländer seine Profis bereits am Tag nach dem 2:0-Sieg beim HSV wieder zur Arbeit begrüßt.

"Ich halte nicht viel von Belohnungen, plötzlich aufdrehen und alles laufen lassen. Wir müssen jede Woche unsere Punkte neu erarbeiten“, sagte der Trainer des FC St. Pauli nach dem emotionalen Derbysieg. Doch auch wenn es ihm eigentlich zuwider war: Der Niederländer ließ Fünfe gerade sein und gewährte seinen Spielern dann doch zwei freie Tage. So ist er eben. Dieser fußballbesessene Mann aus dem niederländischen Venlo.

Luhukay steigt in erlauchten Kreis auf

Nun ist es nicht so, dass ihm ein Prestigeerfolg dieser Größenordnung nichts bedeutet. Im Gegenteil: Seinen 100. Zweitligasieg durch taktische Raffinesse errungen zu haben, sorgt bei ihm für tiefe Befriedigung. Dass er sich so ganz nebenbei in der Clubgeschichte verewigt hat, ist hingegen nur ein netter Nebeneffekt. Der Niederländer ist erst der fünfte Coach, dem das Kunststück gelang, in einer Saison beide Derbys gegen den Stadtrivalen zu gewinnen. Zuvor schafften das nur vor Gründung der Bundesliga 1963 nur Richard Sump (1930/31), Alfred Harthaus (1948/49), Walter Risse (1950/51) und Heinz Hempel (1953/54).

Der häufig verbissen wirkende Luhukay ist ein Trainer, der anders als St. Paulis Kulttrainer Holger Stanislawski seinen Gefühlen zumindest öffentlich nicht so häufig freien Lauf lässt. Hin und wieder gönnt er sich mal ein Eis, das muss als persönliche Belohnung reichen. „Ich bin wirklich kein Lebensgenießer, trinke keinen Alkohol, rauche nicht. Meine Lebensfreude finde ich im Trainerberuf“, gestand Luhukay unlängst in einem Interview mit der „Bild“ ein. Es falle ihm schwer, Erfolge als Mensch zu genießen. Zu schnell hole ihn der Alltag auf dem Platz wieder ein.

Luhukay im menschlichen Fadenkreuz

Taktisch, so heißt es in der Fußballbranche, gibt es kaum einen Übungsleiter, der ein Spiel und einen Gegner derart gut lesen kann wie der 56-Jährige. Die hervorragende Herangehensweise gegen den HSV mit einem ungewohnten 3-5-2-System und der frühen Einwechslung von Marvin Knoll für den überforderten Finn Ole Becker untermauern diese Einschätzung.

Zu einem modernen Trainer gehört aber neben fachlicher Expertise vor allem die Fähigkeit, allen Spielern im Kader das Gefühl zu geben, einen Wert für die Mannschaft zu haben. Und genau im Bereich Menschenführung und (fehlender) Empathie geriet Luhukay seit seinem Amtsantritt im April 2019 immer wieder ins Fadenkreuz. So haben Christopher Buchtmann, Philipp Ziereis, Jan-Philipp Kalla, Marvin Knoll oder Johannes Flum Probleme, auf Einsatzzeiten oder gar Kaderplätze zu kommen.

St. Pauli siegt beim HSV:

Göttlich traut Luhukay den Aufstieg zu

Die zum Teil öffentliche Kritik und die medialen Wutreden kamen in der Mannschaft nicht gut an. „Unsere Mannschaft spielt, um Spiele zu gewinnen. Nichts anderes tut sie für sich und diesen Trainer. Da haben er und St. Pauli nämlich große Lust dran! Damit sollten wir auch weitermachen“, sagt Präsident Oke Göttlich, der anprangert, dass zu viel in das Innenverhältnis Mannschaft/Trainer hineininterpretiert wird.

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Göttlich ist intern der größte Luhukay-Befürworter und stellt sich seit Monaten vor den Trainer, von dem er glaubt, dass er den FC St. Pauli perspektivisch nicht nur in der Zweiten Liga hält, sondern zum Aufstieg in die Bundesliga führt. „Wir haben mit Jos einen Trainer, der Ambitionen vorlebt und der keine Entscheidung nach Popularität trifft, sondern nach täglichen Trainingsein­drücken“, sagte der 44-Jährige im „NDR Sportclub“ und ergänzte: „Jetzt wird Jos weiter rationale und vielleicht auch die eine oder andere unpopuläre Entscheidung treffen. Hauptsache, er macht unseren Fußball weiterhin besser.“

Fans schreiben von "komischem" Trainer

Darauf hoffen auch die St.-Pauli-Fans, die abgesehen von den beiden Derbysiegen wenig Freude an dieser von Aufs und Abs geprägten Saison haben. Deshalb überrascht es auch nicht, dass die beiden Siege gegen den HSV in den einschlägigen St.-Pauli-Foren und sozialen Netzwerken nicht dafür gesorgt haben, dass plötzlich eine Luhukay-Mania ausbricht.

Von „Extrem gute Trainerleistung“ über „Ich bin noch skeptisch. Wir sind noch lange nicht in sicherem Fahrwasser“ bis hin zu „Die ersten 15 Minuten wirklich Glück gehabt, aber dann hat das Team eine geile Leistung gezeigt, die ich so nie erwartet hätte unter unserem ,komischen‘ Trainer“ war alles zu lesen.

Bis 2021 steht Luhukay, der einen Punkteschnitt von 1,10 Zählern pro Partie hat, bei St. Pauli noch unter Vertrag. Gespräche, wie es darüber hinaus weitergehen könnte, sind nach Abendblatt-Informationen noch nicht anberaumt. Bevor die Zukunft ein Thema wird, muss in der Gegenwart weiter am Minimalziel Klassenerhalt gearbeitet werden. Damit beginnt Luhukay an diesem Dienstag, um 11.15 Uhr, auf der Trainingsanlage an der Kollaustraße.