FC St. Pauli

Uwe Stöver nach Rauswurf: „Ich würde wieder so handeln“

Uwe Stöver ist  seit Oktober 2019 Sportdirektor in Kiel.

Uwe Stöver ist seit Oktober 2019 Sportdirektor in Kiel.

Foto: WITTERS

Am Montag kommt es für den Sportchef von Holstein Kiel zum Wiedersehen mit dem FC St. Pauli, der ihn im April 2019 beurlaubte.

Hamburg/Kiel. Keine Frage, für Uwe Stöver ist der kommende Montag und das Zweitliga-Nordderby zwischen Holstein Kiel und dem FC St. Pauli kein gewöhnlicher Tag. Schließlich beendete genau dieses Duell am 6. April vergangenen Jahres, das St. Pauli 1:2 verlor, vorzeitig Stövers Amtszeit als Sportchef beim Kiezclub. Die Vereinsführung um Präsident Oke Göttlich wollte dem seit Wochen anhaltenden Negativtrend ein Ende setzen und Trainer Markus Kauczinski beurlauben. Stöver war dagegen und musste am 10. April ebenfalls gehen.

„Ich bin im Reinen mit dem Geschehen. Im Fußball ist es nun einmal so, dass es immer Verantwortliche gibt, die Entscheidungen treffen müssen. Das musste und muss ich in meiner Funktion als Sportchef auch. Und es gibt andere, die dann über meine Person entscheiden. Man muss das professionell nehmen“, sagt Stöver im Gespräch mit dem Abendblatt.

Er würde heute wieder so handeln

Bei der Neuauflage des Spiels zwischen Kiel und St. Pauli am kommenden Montag (20.30 Uhr), also rund zehn Monate später, sitzt Stöver auf der anderen Seite. Seit dem 7. Oktober ist der 52-Jährige Sportdirektor und Vizepräsident bei der KSV Holstein. „Ich habe mich sehr schnell wieder in Kiel eingelebt. Das lag vor allem auch daran, dass die verantwortlichen Personen bei Holstein, aber auch im Umfeld noch die gleichen waren, die ich aus meiner ersten Zeit hier kannte“, sagt er. Zwischen Dezember 2015 und Mai 2016 war er zum ersten Mal in Kiel tätig gewesen, ehe er aus rein privaten Gründen den Verein verließ.

Wie tief sitzt heute bei Stöver noch der Stachel, bei St. Pauli von heute auf morgen beurlaubt worden zu sein? Würde er sich womöglich heute anders verhalten? „Bis zu meiner Rückkehr nach Kiel hatte ich sechs Monate Zeit, die Dinge Revue passieren zu lassen. Ich kann heute nur sagen, dass mir die Arbeit beim FC St. Pauli sehr viel Spaß gemacht hat.

Aber auch im Nachhinein würde ich in der Situation, in der wir damals waren, genauso wieder handeln“, sagt er klipp und klar dazu. „Wir hatten zehn verletzte Spieler, davon sechs bis sieben aus der ersten Elf. Das war eine schwierige Situation, die wir gemeinsam durchstehen wollten. Ein Trainer kann doch auch keinen Spieler gesund zaubern. Deshalb bin ich auch heute noch der Meinung, dass wir damals an Markus Kauczinski hätten festhalten sollen.“ Immerhin stand St. Pauli damals noch auf Platz sechs. „Das war auch für mich etwas Neues, als Sportchef auf einem solchen Tabellenplatz beurlaubt zu werden“, sagt er heute.

Er traut Dresden den Klassenerhalt zu

Zu Kauczinski, der mittlerweile bei Ligaschlusslicht Dynamo Dresden Trainer ist und dort zuletzt vier Punkte aus zwei Spielen erkämpft hat, hat Stöver weiter eine „gute Verbindung“, wie er sagt. „Wir haben uns nach unserer Freistellung auch noch ein paarmal getroffen. Ich traue ihm zu, dass er mit Dresden den Klassenerhalt schafft.“

Nach seinem Dienstantritt in Kiel hatten einige Beobachter auch erwartet, dass er Kauczinski als neuen Trainer zu Holstein holen würde. Das aber sei keine Option gewesen, wie Stöver betont. „Ich muss klarstellen, dass ich nach meinem Wiedereinstieg nie mit einem anderen Trainer oder Berater über ein Engagement in Kiel gesprochen habe. Diese Gerüchte entsprachen nicht der Wahrheit. Wir haben nur intern geprüft, ob die Konstellation mit Cheftrainer Ole Werner, der zeitgleich die Fußballlehrerausbildung absolviert, in der Praxis funktioniert. Ich wäre nur aktiv geworden, wenn wir zu der Auffassung gekommen wären, dass es nicht geht“, sagt Stöver dazu.

Sportlich steht Kiel besser da als St. Pauli

Die Entscheidung für Ole Werner hat sich bisher ja auch ausgezahlt, schließlich befindet sich das Team nach dem jüngsten 2:0-Sieg in Karlsruhe mit 27 Punkten als Tabellenneunter in einer deutlich komfortableren Situation als der FC St. Pauli, der mit fünf Punkten weniger als Zwölfter nur noch zwei Zähler Vorsprung auf Abstiegsrang 17 besitzt.

Sportlich steht Kiel also derzeit besser als St. Pauli da. In der Gesamtschau aber bewertet Stöver die Kräfteverhältnisse doch ein wenig anders. „Der FC St. Pauli ist im Vergleich zu Holstein Kiel aus seiner sportlichen Historie heraus der etabliertere Verein, der über viele Jahre in der Zweiten und zum Teil in der Ersten Liga gespielt hat. Wir Kieler sind jetzt nach dem Aufstieg erst in der dritten Saison in der Zweiten Liga. Das ist schon ein großer Unterschied. Auch vom Gesamtetat her liegen wir deutlich unter St. Pauli. Aber wir befinden uns sowohl sportlich als auch infrastrukturell auf einem guten Weg. Insgesamt kann man sagen, dass hier alles eine Nummer kleiner, aber definitiv nicht schlechter ist“, sagt der Kieler Sportdirektor.

Kiel hat die bessere Infrastruktur

Eine Ausnahme aber bilden bei diesem Vergleich die Trainingsmöglichkeiten. „In unserem Trainingszentrum haben wir viereinhalb Rasenplätze, zwei davon haben eine Rasenheizung und Flutlicht. Dazu kommen noch eineinhalb Kunstrasenplätze. Damit sind wir sogar besser aufgestellt als St. Pauli. Hier ist viel Geld für die Infrastruktur in die Hand genommen worden, um optimale Bedingungen zu schaffen. Das ist ein Prozess von mehreren Jahren gewesen“, lobt Stöver die weitsichtigen Maßnahmen der Kieler Vereinsführung. St. Pauli verfügt an der Kollaustraße über zwei Naturrasen- und einen Kunstrasenplatz.

Ein Spiel des FC St. Pauli live vor Ort hat Uwe Stöver zuletzt Mitte Januar im Trainingslager in Spanien gesehen. In Oliva Nova, wo Holstein Kiel untergekommen war, trafen die Hamburger auf den Liga-Konkurrenten SV Wehen Wiesbaden. Nach 120 Spielminuten hieß es 5:2. „Die beiden Besetzungen, die jeweils 60 Minuten auf dem Feld waren, sind dort sehr dominant aufgetreten. Wenn alle Spieler gesund sind, was ja immer die wichtigste Voraussetzung ist, gibt der Kader von St. Pauli schon etwas her. Man hat vor allem gesehen, wie wertvoll ein gesunder Stürmer Henk Veerman ist“, urteilt Stöver, der ansonsten nicht weiter ins Detail gehen möchte. „Ich bin ja nicht mehr so nah dran“, sagt er zur Begründung, obwohl ihm noch die weitaus meisten Spieler sehr bekannt sind. Sein Fazit: „Auf jeden Fall aber ist das Team in der Lage, Akzente zu setzen.“

Das könnte Sie auch noch interessieren:

Natürlich hat Stöver auch verfolgt, wie es Rico Benatelli, den er schon im März für die folgende Saison ablösefrei aus Dresden zum FC St. Pauli geholt hatte, seit dem Sommer ergangen ist. Erst am vergangenen Sonnabend beim 1:1 gegen Stuttgart durfte der Mittelfeldspieler erstmals von Beginn an für den Kiezclub auflaufen – und überzeugte. „Es freut mich für Rico, dass er jetzt Akzente auf dem Spielfeld setzen kann. Er hat einen guten Charakter und ist ein guter Fußballer. Wir haben ihn zu St. Pauli als Verbindungsspieler geholt, der sehr ball- und passsicher ist“, erläutert Stöver.

Stöver freut sich, dass Rico Benatelli endlich spielen durfte

Nicht nur wegen zweier Verletzungen hatte Benatelli bis zuletzt bei Trainer Jos Luhukay keine Rolle gespielt. „Nach meiner Freistellung habe ich mit Rico telefoniert. Eine andere Option, als trotz der Trennung von Markus Kauczinski und mir zu St. Pauli zu gehen, hatte er nicht verfolgt. Er hatte sich auch sehr darauf gefreut“, berichtet Stöver.
Eine Prognose, auf welchen Tabellenplätzen die beiden Kontrahenten vom kommenden Montag die Saison beenden, mag Stöver heute noch nicht abgeben. Er sagt aber: „Ich wünsche mir, dass Holstein Kiel und der FC St. Pauli auch in der kommenden Saison in der Zweiten Liga spielen, damit dieses Nordderby erneut stattfinden kann. Unser Ziel in Kiel ist eine weitere Etablierung in der Zweiten Liga, die für ein kontinuierliches Wachstum auch notwendig ist.“