Zweite Liga

Andreas Rettigs neues Leben ohne den FC St. Pauli

Andreas Rettig war bis Ende September kaufmännischer Geschäftsführer des FC St. Pauli.

Andreas Rettig war bis Ende September kaufmännischer Geschäftsführer des FC St. Pauli.

Foto: Klaus Bodig

Vor gut drei Monaten zog der ehemalige Geschäftsführer nach Köln. Er hielt Vorträge und bewertete in einer Jury kölsche Lieder.

Köln/Hamburg.  Wenn Führungskräfte eine neue Aufgabe übernehmen, ist es üblich, dass nach den ersten 100 Tagen die Schonfrist vorüber ist und eine erste Zwischenbilanz gezogen wird. Bei Andreas Rettig sind jetzt auch 100 Tage vorbei – nur anders. Vor gut drei Monaten beendete der 56-Jährige aus privaten Gründen seine Tätigkeit als kaufmännischer Geschäftsführer des FC St. Pauli und zog zurück mit seiner Frau in die Heimat nach Köln.

Wie ist es dem umtriebigen, meinungsstarken und mit immer wieder neuen Ideen aufwartenden Fußball-Funktionär ergangen in dieser freiwillig gewählten Zeit ohne feste berufliche Aufgabe? „Auf jeden Fall hatte ich keine Langeweile“, betont Rettig im 100-Tage-Gespräch mit dem Abendblatt, ehe er ins Detail geht und dabei ins Plaudern kommt.

Schon im Herbst reiste er mit seiner Frau nach Österreich, genauer gesagt ins Burgenland, wo sich die beiden 14 Tage lang einem Basenfasten unterzogen. „Sich ausschließlich basisch zu ernähren, ist uns sehr gut bekommen. Es sind einige Kilos gepurzelt, auch wenn das nicht das vorrangige Ziel war. Vor allem ging es uns ums Entgiften und Entschlacken“, sagt Rettig.

Spiele live vor Ort dürfen nicht fehlen

Auf diese Weise innerlich frisch gereinigt nutzte Rettig seine ungewohnt freie Zeit, um seine Ansichten verschiedenen Zielgruppen nahezubringen. „Ich habe einige Podcasts gemacht und quer durchs Land drei, vier Vorträge gehalten über die gesellschaftliche Bedeutung des Profifußballs“, erzählt er. Gleichzeitig aber sammelte Rettig auch neue Eindrücke. „Ich war einen Tag in der Klima-Arena in Sinsheim. Das ist ein 30-Millionen-Projekt direkt am Stadion, in dem in anschaulicher Form die Folgen des Klimawandels dargestellt werden. Das war beeindruckend“, sagt er.

Natürlich dürfen für einen wie Rettig, der ein Leben lang mit Fußball zu tun hatte, Spiele live vor Ort nicht fehlen, wobei die Liga keine so große Rolle spielt. „Alternativen gibt es hier im Rheinland ja genug“, sagt er.

Und dann bekam er noch eine Aufgabe, die er mit einem Lächeln als „persönliches Highlight“ tituliert – die Berufung in die Jury von „Loss mer singe“. „Wir haben hier an einem Abend aus 40 Liedern die 20 herausgepickt, die dann in den Kneipen – übrigens auch in Hamburg – gespielt werden. Das hat großen Spaß gemacht, obwohl es auch anstrengend werden kann, den ganzen Abend kölsche Lieder zu hören und Kölsch zu trinken“, erzählt er. „Aus den 20 Liedern wird dann im Januar und Februar das Gewinnerlied ermittelt. Eine Textzeile ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Der letzte Wagen ist immer ein Kombi.“ Ein wenig makaber, aber eben auch zutreffend.

Schwierige Situation

Und wie hat Andreas Rettig die sportlichen Dramen seines bisherigen Arbeitgebers verfolgt? „Mein letztes Spiel, das ich noch als Beschäftigter des FC St. Pauli live gesehen habe, war das 1:1 in Osnabrück am 22. September. Das kann ich mir gut merken, weil an dem Tag meine Frau Geburtstag hat. Danach habe ich, bis auf eines, alle Spiele am Fernseher verfolgt. Das 0:1 gegen Darmstadt war für mich der negative Wendepunkt“, sagt er. ´

Jene unerwartete Heimniederlage beendete die Serie von sieben unbesiegten Partien. „Es war eine schwierige Situation, in die St. Pauli sportlich hineingeraten ist. Umso bemerkenswerter fand ich, wie der Verein damit umgegangen ist – großes Kompliment dafür. Die Reihen waren geschlossen, dem Trainer wurde ganz klar das Vertrauen ausgesprochen“, sagt Rettig. Diese Einschätzung ist wenig überraschend, schließlich kannte er Trainer Jos Luhukay schon aus früheren gemeinsamen Zeiten wie beim FC Augsburg und war im April an der Verpflichtung aktiv beteiligt.

„Jos Luhukay ist ein exzellenter Trainer“

„Ich halte Jos Luhukay für einen exzellenten Trainer. Er wird das Ruder herumreißen, davon bin ich fest überzeugt. Auch Sportchef Andreas Bornemann ist erfahren genug, um die richtigen Schlüsse zu ziehen. Aus der Ferne betrachtet hat die Vereinsführung eine große Ruhe ausgestrahlt“, sagt Rettig. Dies werde sich auf Sicht auszahlen. „Jos hat bewiesen, dass er aus Stresssituationen herauskommt. Wenn man dieser sportlichen Leitung mit An­dreas Bornemann und Jos Luhukay Ruhe und Unterstützung zukommen lässt, dann bin ich sicher, dass sich der Erfolg einstellen wird.“ Was heißt das konkret für diese Saison? „Auf jeden Fall ein einstelliger Tabellenplatz“, legt sich Rettig fest.

Als es im Gespräch dann um manch umstrittene Personalentscheidung Luhukays geht, etwa um die Nominierung von Ersatzkeeper Korbinian Müller im DFB-Pokalspiel gegen Eintracht Frankfurt, spielt Rettig lieber etwas defensiver. „Es steht mir nicht zu, einzelne personelle Maßnahmen aus 400 Kilometern Entfernung zu beurteilen. Jos ist ein Trainer mit Ecken und Kanten. Aber jeder Toptrainer ist auf seine Art eigenwillig, das ist bei ihm eben auch so“, stellt er klar.

Lieblingsthema darf nicht fehlen

Im Rennen um Aufstiegsplätze in der Zweiten Liga findet Rettig unterdessen „großartig, was in Bielefeld passiert“ – ungeachtet des jüngsten 0:3 bei St. Pauli. „Wie die auftreten, ist aufstiegsreif. Man muss aber abwarten, ob sie weiter von Verletzungen verschont bleiben. Wenn zwei Stürmer wegbrechen, die für die erste Elf vorgesehen sind, dann kann das keine Mannschaft verkraften“, sagt er auch mit Blick auf die Verletztenmisere bei seinem bisherigen Club.

„Bei aller Sympathie für die Underdogs Aue und Heidenheim sehe ich die drei Clubs, die jetzt oben sind, auch am Ende auf den ersten drei Plätzen. Ich weiß nur nicht, in welcher Reihenfolge. Für den HSV und den VfB Stuttgart ist der Druck größer als für Bielefeld“, weiß er.

Natürlich darf bei diesem speziellen 100-Tage-Gespräch ein Lieblingsthema nicht fehlen – externe Investoren. „Ich halte Investoren im Fußball ja nicht per se für schlecht. Sie müssen sich nur an die Spielregeln halten. Aber was daraus werden kann, sieht man ja auch in den Ländern um uns herum“, sagt Andreas Rettig, blickt aber auch über den Tellerrand des Fußballs hinaus. „Ich sehe auch den Investoren-Einfluss in anderen Bereichen zum Teil kritisch. Nehmen wir nur den Medienbereich. Wenn etwa KKR als Finanzinvestor bei Springer einsteigt und dabei eine andere Kultur eingeführt werden sollte, um ausschließlich renditeorientiert zu handeln, halte ich das für gefährlich“, sagt er.

„Guter Journalismus ist ein wichtiges Gut“

Und weiter: „Guter Journalismus ist in unserem Lande ein wichtiges Gut, gerade in Zeiten von Fake News. Ich finde auch, dass ein Medienhaus mehr ist als eine gewinnorientierte Unternehmung. Qualitätsjournalismus zahlt auch ein auf gesellschaftlichen Zusammenhalt und fördert neben der Bildung auch unsere Demokratie. Wenn dies aus reinen Renditezielen auf der Strecke bleibt, haben wir ein Problem.“

Neben starken Meinungen wie dieser mangelt es Rettig für das gerade begonnene neue Jahr auch nicht an guten Vorsätzen. „Ich nehme mir vor, weniger zu essen. Da denke ich ein bisschen an meine Fastenzeit zurück. Ansonsten möchte ich ruhiger und gelassener werden. Ich bin selbst gespannt, wie lange es hält“, sagt er mit einer gehörigen Portion Selbstironie.

Und wie stark ist der Drang, bald wieder einen festen Job anzutreten? Klare Antwort: „Ich habe kurzfristig überhaupt keine Ambitionen, eine neue Aufgabe zu übernehmen. Dann hätte ich auch bei St. Pauli bleiben können. Ich bin dort ja mit zwei weinenden Augen weggegangen.“ Rettigs bisher letzter Besuch in Hamburg hatte auch einen traurigen Anlass. Es war die Trauerfeier für St. Paulis ehemaligen Vize-Präsidenten Tjark Woydt.