Zweite Bundesliga

FC St. Pauli geht mit neuem Optimismus ins Jahr 2020

St. Paulis Innenverteidiger Leo Östigard (l.) und Außenverteidiger Sebastian Ohlsson tanzen vor Freude über den 3:0-Sieg gegen Bielefeld.

St. Paulis Innenverteidiger Leo Östigard (l.) und Außenverteidiger Sebastian Ohlsson tanzen vor Freude über den 3:0-Sieg gegen Bielefeld.

Foto: Witters

Das 3:0 gegen Spitzenreiter Bielefeld hat eindrucksvoll gezeigt, zu welcher Leistung die Hamburger fähig sind.

Hamburg.  Es schien, als hätten sie am liebsten noch bis in den frühen Abend mit ihren Fans gefeiert. Mit regenbogenfarbenen Weihnachtsmützen auf dem Kopf tanzten die Spieler des FC St. Pauli auf dem Rasen des Millerntor-Stadions und gingen dann langsam an den Zäunen der vier Tribünen entlang, um mit den Anhängern abzuklatschen. Was so ein 3:0 (2:0)-Sieg gegen den Tabellenführer doch auslösen kann. Und was für ein Gegensatz zur Begräbnisstimmung nach dem 0:1 gegen Hannover 96, das erst drei Wochen her war.

War vor Wochenfrist der mühsame 3:1-Heimerfolg gegen den sich schwach präsentierenden Aufsteiger SV Wehen Wiesbaden allseits noch mit purer Erleichterung aufgenommen worden, so führte das in dieser Form völlig unerwartete und auch verdiente 3:0 gegen den Herbstmeister aus Ostwestfalen schon zu ausgelassener Freude und einem Anflug von Euphorie.

Dies war auch nicht unberechtigt, schließlich hatte das Team eindrucksvoll gezeigt, zu welcher Leistung es fähig ist, wenn es die zuvor so oft beklagten Nachlässigkeiten vermeidet und stattdessen in der Defensive über die volle Spielzeit kampfstark und konzentriert spielt und in der Offensive effektiv und konsequent mit den sich bietenden Torchancen umgeht. So brauchte die Mannschaft diesmal nur neun Torschüsse, um drei Treffer zu erzielen.

„Bielefeld in den ersten Minuten geschockt“

„Wir haben Bielefeld in den ersten Minuten geschockt. Das war wichtig für uns, um Selbstvertrauen zu gewinnen“, sagte Innenverteidiger Leo Östigard, der trotz des Nachteils von neun Zentimetern weniger Körperlänge Torjäger Fabian Klos weitgehend beherrschte.

In der Offensive fand das schon gegen Wehen Wiesbaden von Henk Veerman und Viktor Gyökeres begonnene Torfestival seine nahtlose Fortsetzung. Diesmal trafen der Niederländer Veerman doppelt und Gyökeres einmal. Eine Woche zuvor war es andersherum gewesen. Veerman hat nun in den erst fünf Startelfeinsätzen nach seinem Comeback bereits vier Treffer erzielt und damit verdeutlicht, wie sehr seine Qualitäten im ersten Saisondrittel gefehlt hatten. An seiner Seite lebt der Schwede Gyökeres auf und hat sich zu einem idealen Partner gemausert.

„Ich hatte ein schweres Jahr, bis ich so zurückkommen konnte“, sagte Veerman, der sich im letzten Spiel 2018 beim 4:1 gegen Magdeburg einen Kreuzbandriss zugezogen hatte. „Die Erinnerung war kein Problem. Ich habe schon Freitagabend gesagt, dass ich ein gutes Gefühl habe“, sagte Veerman.

Trainerdebatte erst einmal beendet

Die beiden Heimsiege zum Jahresabschluss – eine Parallele zur vergangenen Saison – haben nebenbei auch dafür gesorgt, dass es erst einmal keinen Anlass mehr gibt, über einen erneuten Trainerwechsel nachzudenken. Die Vereinsführung war ohnehin auch vor den Erfolgen fest entschlossen, an Jos Luhukay festzuhalten, und kann sich in dieser Haltung vorerst bestätigt sehen.

Festzuhalten ist, dass die Spieler, die jetzt auf dem Platz standen, die taktischen Vorgaben des Trainers, aber auch dessen Appell an Einsatzbereitschaft, Willen und Leidenschaft umgesetzt haben. Dabei korrigierte er seine ursprüngliche Dreierkette in der Abwehr schon nach wenigen Minuten in einen Viererverbund, weil die Bielefelder Offensivkräfte Jonathan Clauss (rechts) und Andreas Voglsammer (links) mehr als erwartet an den Außenlinien blieben.

„Immer wieder haben unsere Spieler als Mannschaft funktioniert und sich gegenseitig geholfen. Da blüht mein Trainerherz auf. Die Mannschaft hat sich hervorragend mit Bielefeld auseinandergesetzt. Das ist aufgegangen. Das gibt uns eine Bestätigung, dass wir gegen die Topmannschaften wenig zulassen“, sagte Luhukay. St. Paulis Trainer geriet entgegen seiner sonstigen Gewohnheit geradezu ins Schwärmen, als er sagte: „Für mich war Mitte der zweiten Halbzeit der schönste Moment, als plötzlich unsere Fans die Ballstafetten mit ,Hey, hey, hey‘ begleitet haben. Am Ende entstand daraus fast ein viertes Tor.“

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Bei aller Freude über die jüngste Entwicklung darf nicht übersehen werden, dass der jetzt erklommene elfte Tabellenplatz leicht darüber hinwegtäuscht, dass die Abstiegsgefahr längst nicht gebannt ist. Relegationsrang 16 ist nur zwei Punkte entfernt.

„Wenn wir unsere Effektivität erhöhen können und alle Spieler 2020 wieder zur Verfügung stehen, sieht die Zukunft für St. Pauli richtig gut aus. Niemand muss an dieser Mannschaft zweifeln. Wir werden aus ihr noch viel herausholen“, kündigte Luhukay voller Optimismus an und strich die für Sonntag ursprünglich angesetzte Trainingseinheit. Stattdessen bekamen die Spieler beim gemeinsamen Frühstück „ein paar Hausaufgaben“ für ihren zweiwöchigen Weihnachtsurlaub.

Gegen die Pyro-Strafe des DFB wird nach dem HSV auch der FC St. Pauli erneut Protest einlegen. Aufgrund des Abbrennens von Pyrotechnik beim Stadtderby am 16. September war dem Gastgeber St. Pauli zunächst eine Geldstrafe von 180.000 Euro auferlegt worden, die nach dem ersten Protest auf 120.000 Euro reduziert wurde. Dies sind immer noch 20.000 Euro mehr, als St. Pauli nach den wesentlich exzessiveren Pyro-Vorfällen im Spiel gegen den HSV im März entrichten musste. Der FC St. Pauli drängt auf eine Klärung, nach welchen Kriterien der DFB das Strafmaß für „Wiederholungstäter“ festlegt.