FC St. Pauli

Der Avevor-Schock und seine fatalen Folgen für St. Pauli

Foto: TayDucLamWITTERS

Der Verein steht durch den Beinbruch seines Kapitäns noch stärker unter Druck, sich zu verstärken. Trainer Luhukay beklagt Versäumnisse.

Hamburg.  Die bittere Gewissheit wurde am Sonnabend um 16.26 Uhr pu­blik. Christopher Avevor, der gerade erst zum Kapitän gekürte Innenverteidiger des FC St. Pauli, hat sich am Freitagabend im Heimspiel gegen die SpVgg. Greuther Fürth (1:3) einen Bruch des linken Wadenbeins und einen Riss des Sydesmosebandes zugezogen. Das ergaben Untersuchungen im UKE und in der Endo-Klinik.

In dieser Woche soll der 27-Jährige operiert werden. Wie lange er ausfallen wird, ist derzeit nicht absehbar. Dass es hier um einige Monate und nicht nur um wenige Wochen geht, dürfte allerdings unvermeidbar sein.

Selbstvertrauen allein reicht nicht

Die Folgen dieser schweren Verletzung waren und sind fatal. Im Spiel selbst nutzten die Fürther das Fehlen des Abwehrchefs und die damit verbundenen Unsicherheiten in der Viererkette zu einem 3:1-Sieg. St. Pauli geht damit als Tabellen-15. in das brisante DFB-Pokalspiel am kommenden Sonntag beim VfB Lübeck und sechs Tage später ins Auswärtsspiel beim Bundesliga-Absteiger VfB Stuttgart. „Das Pokalspiel ist eine Gelegenheit, die eigenen Gefühle ins Positive zu ziehen. Das habe ich der Mannschaft schon gesagt. Ein Sieg im Pokalspiel würde uns Selbstvertrauen für Stuttgart geben“, sagt Trainer Jos Luhukay.

Allein Selbstvertrauen aus einem Spiel gegen einen starken Viertligisten, wenn es denn überhaupt einen Sieg geben sollte, wird allerdings nicht reichen, um in den kommenden Wochen in der Zweiten Liga angesichts der massiven personellen Probleme zu bestehen. Der Druck auf Sportchef Andreas Bornemann, jetzt zügig personelle Verstärkungen zu finden, ist noch einmal gestiegen, auch wenn er selbst und Trainer Jos Luhukay einen unmittelbaren Ersatz für Avevor öffentlich für nicht zwingend nötig erklären. „Ein Philipp Ziereis kommt zurück. Wir haben Florian Carstens und Marc Hornschuh. Leo Östigard wird nicht all zu lange mehr ausfallen. Die Innenverteidigerposition ist numerisch nicht die Hauptbaustelle, aber wenn der Kapitän für eine gewisse Zeit fehlt, tut es uns besonders weh“, sagte Bornemann noch am Freitagabend.

Carstens ist keine Alternative

Tags darauf aber stellte Trainer Luhukay die Situation in einem Punkt entschieden anders dar. Auf die Frage, ob Carstens nun wieder eine Alternative sei, sagte er deutlich: „Nein!“ Der 20-Jährige war in der vergangenen Saison unter Trainer Markus Kauczinski zu seinem Profidebüt gekommen und hatte am Ende 18 Zweitligaeinsätze zu Buche stehen. Doch Luhukay hält offenbar weniger von ihm und hatte ihn auch jetzt gegen Fürth nicht in seinen 20er-Kader berufen.

Der genannte Philipp Ziereis befindet sich nach seinem am 16. Januar erlittenen Kreuzbandriss zwar wieder im Aufbautraining und tritt dabei auch schon wieder gegen den Ball, wann ein Einsatz in der Startformation möglich sein wird, ist allerdings heute nicht seriös voraussagbar. Es ist auf jeden Fall riskant, für die zweite Position in der Innenverteidigung neben dem nun unverzichtbaren Marvin Knoll entweder auf den erst 19 Jahre alten, aus Brighton ausgeliehenen Leo Östigard, wenn dieser seinen Muskelfaserriss auskuriert hat, oder auf Marc Hornschuh zu setzen, der zuletzt in Bielefeld sein Comeback nach 681 Tagen gegeben hatte und nach so langer Pause noch einen konditionellen Rückstand aufweist und normale Abstimmungsprobleme mit seinen Nebenleuten hat, wie gegen Fürth bei den ersten beiden Gegentoren deutlich wurde.

Indirekte Kritik an Stöver und Kauczinski

Bornemann und Luhukay werden nicht müde zu erklären, dass sie nur zusätzliche Spieler holen wollen, die aufgrund ihrer Qualität das Team besser machen. „Wir tun gut daran, Augen und Ohren offenzuhalten und bis zuletzt alle Möglichkeiten auszuschöpfen“, sagt der Sportchef.

Derweil sieht Trainer Luhukay eine Ursache für den bisher unvollständigen Kader, für den vor allem noch ein Topstürmer und ein „Sechser“ gesucht werden, in Versäumnissen der jüngeren Vergangenheit. „Aus meiner eigenen Erfahrung hatte ich meist den Großteil des Kaders im Januar oder Februar stehen. Im Sommer ging es nur noch um ein oder zwei Neuzugänge“, sagte er am Sonnabend. „Wir sind jetzt nicht in der Lage gewesen, mit einem Kader zu starten, wie wir ihn uns erhofft haben. Deswegen müssen wir allen, die zu 100 Prozent belastbar sind, so das Vertrauen schenken, dass sie das Bestmögliche abrufen können. Dieses Vertrauen bekommen sie“, sagte Luhukay weiter. „Die Hausaufgaben müssen vorher und nicht nachher gemacht werden.“

Auch wenn Luhukay immer wieder betont, keine Vorwürfe an frühere Führungskräfte richten zu wollen, so sind diese Sätze als zumindest indirekte Kritik an den im April beurlaubten Sportchef Uwe Stöver und Trainer Markus Kauczinski zu interpretieren. Womöglich aber passten auch einfach die von Stöver und Kauczinski als Sommereinkäufe ins Visier genommenen Spieler nicht zu Luhukays Fußball-Idee.

Neben all den verletzten Spielern muss sich St. Paulis Trainer derzeit auch noch damit herumschlagen, dass einige gesunde Profis aufgrund schlechter Fitnesswerte nicht ernsthaft für Startelf­einsätze in Betracht kommen. Dazu zählt er beispielsweise die potenziellen Stammspieler Christopher Buchtmann, Waldemar Sobota und Cenk Sahin. Letzterer war auch gegen Greuther Fürth nicht einmal im 20er-Kader.