Zweite Bundesliga

St. Pauli ist im Niemandsland des Unterhauses angekommen

Elfmeter-Torschütze Aziz Bouhaddouz beim 0:1

Elfmeter-Torschütze Aziz Bouhaddouz beim 0:1

Foto: ThorstenWagner/Witters

Nach dem 1:1 in Kaiserslautern kann der Abstand zu Platz 16 auf drei Punkte schmelzen. Kritik an Allagui: "Wie ein 16-Jähriger".

Kaiserslautern.  Mit müden Gesichtern liefen sich die Profis des FC St. Pauli am Sonntagmorgen im Niendorfer Gehege die Schmerzen aus den Beinen. Nicht nur ein ärgerliches 1:1 in Kaiserslautern steckte ihnen in den Knochen, sondern auch eine anstrengende Rückfahrt. Wegen des erneuten Wintereinbruchs in Deutschland sind am Sonnabend zahlreiche Züge ausgefallen. Kaiserslautern bis Hamburg Hauptbahnhof – gestrichen. Das Team musste umplanen. Mit dem Bus ging es nach Frankfurt, dort erwischte es einen der überfüllten Züge Richtung Norden. Erst gegen 22:30 Uhr trudelte St. Pauli mit einem Ersatz-ICE in der Heimat ein.

Das chaotische Ende der Auswärtsreise passte zum Auftritt der Hamburger auf dem Betzenberg. Trotz der 1:0-Führung in Überzahl gegen den Tabellenletzten der Zweiten Liga kassierte der Kiezclub den späten Ausgleichstreffer. „Wir sind sehr enttäuscht von der Leistung, die wir abgeliefert haben. Wenn wir in den letzten Spielen einen Schritt nach vorne gemacht haben, haben wir heute zwei zurück gemacht“, sagte Trainer Markus Kauczinski sichtlich angefressen nach der Partie.

Blick nach vorn erledigt

Recht hatte er. St. Pauli ist im Niemandsland des Unterhauses angekommen. War der Relegationsplatz zur Bundesliga lange Zeit noch in Sicht, so ist der Ligadritte Holstein Kiel an diesem Wochenende auf acht Punkte davongezogen. „Darüber müssen wir nicht mehr reden. Der Blick nach vorne hat sich erledigt. Da können wir den Deckel draufmachen“, sagte Kauczinski in aller Deutlichkeit. Noch viel schlimmer: Sollte Erzgebirge Aue an diesem Montag gegen Greuther Fürth gewinnen, würde St. Paulis Abstand zur Abstiegszone auf drei Zähler schrumpfen. Abstiegskampf statt Aufstiegsträume.

Gegen den FCK ließ der Trainer überraschend Winterneuzugang Dimi­trios Diamantakos von Beginn an neben Sami Allagui stürmen. Stammkraft Aziz Bouhaddouz schmorte zunächst auf der Bank. „Er war einfach mal dran“, sagte Kauczinski, „Aziz hat in den letzten Spielen viele Chancen vergeben.“

Bisher hatte Diamantakos beim Kiezclub keine Rolle gespielt, stand zum letzten Mal bei der 1:3-Niederlage in Heidenheim Anfang Februar in der Startelf. Noch am vergangenen Spieltag gegen Braunschweig (0:0) hatte Nachwuchsstürmer Jan-Marc Schneider bei der Einwechslung den Vorzug erhalten. Ein bitteres Statement.

Allagui wie ein 16-Jähriger

Klar ist: Nach dem bemühten, aber glücklosen Auftritt gegen Lautern dürfte es die vorerst letzte Chance des Griechen – zumindest auf einen Startelfeinsatz – gewesen sein. Kauczinski nahm ihn nach nur 45 Minuten vom Platz und brachte Bouhaddouz. „Dima hat wenig Bälle behaupten können“, sagte der Coach über die mäßige Leistung.

Noch mehr aber zählte Kauczinski einen anderen Angreifer an. „Das war ein blödes Foulspiel von Sami. Da geht er wie ein Sechzehnjähriger hin“, schimpfte der 48-Jährige. „Das Foul war völlig unnötig“, stimmte auch Sportchef Uwe Stöver ein. „Wir haben hier und heute definitiv zwei Punkte verloren.“

Gemeint war folgende Szene: Alla­gui foulte Lauterns Benjamin Kessel kurz vor Schluss in Strafraumnähe. Die Folge: Aus dem schnell ausgeführten Freistoß von Halil Altintop resultierte der bittere Ausgleich. Der angespielte Lukas Spalvis konnte bei einer Hamburger Mannschaft im Winterschlaf pro­blemlos zum 1:1 einschieben (84.). „Mit solchen Aktionen gibt man das Spiel aus der Hand“, klagte Kauczinski zunächst. Dann relativierte er seine Worte: „Das war aber nicht nur Samis schuld.“

Einfach zu dämlich

Seine Kritik an Allagui fiel dennoch deutlich aus. Da nützte es wenig, dass der Deutsch-Tunesier zuvor den Strafstoß und eine Rote Karte für Kaiserslauterns Jan-Ingwer Callsen-Bracker rausgeholt hatte. Gleich zwei Großchancen (21., 22.) hatte er in Durchgang eins vergeben. Auf Abendblatt-Anfrage lehnte es Allagui ausdrücklich ab, sich zu den Aktionen und der Kritik an ihm zu äußern. Dafür fand Kapitän Bernd Nehrig klare Worte: „Wir sind einfach zu dämlich, das Ding nach Hause zu fahren.“

In der 73. Minute marschierte Bouhaddouz zum Elfmeterpunkt und verwandelte sicher. Anschließend schnappte er sich den Ball, stopfte ihn unter sein Trikot und steckte den Daumen in den Mund. Allen 32.243 Zuschauern im Fritz-Walter-Stadion war in diesem Moment wohl klar, was der Torjubel zu bedeuten hatte. „Ja, ich werde im Juli Papa“, verkündete der Marokkaner die frohe Botschaft nach seinem dritten Saisontreffer. Dennoch: „Ich wäre gern mit drei Punkten nach Hause gefahren.“

St. Pauli bestreitet Testspiel in Mönchengladbach

Den Unmut über seinen 45-minütigen Bankplatz ließ er sich nicht anmerken. „Natürlich ist man enttäuscht. Ich versuche immer, mein Bestes zu geben. Es ist nicht so, dass ich in den letzten Wochen schlechte Spiele gemacht habe“, sagte Bouhaddouz. Aber er müsse die Entscheidung des Trainers akzeptieren. „Deswegen mache ich mir keinen Kopf darüber.“

Fakt ist: Der Blick des FC St. Pauli richtet sich nach dem Remis in Kaiserslautern wieder nach unten. „Wir nehmen den Punkt glücklich mit nach Hause und müssen uns kräftig steigern. Denn mit so einer Leistung wird man wenig Punkte holen“, lauteten die Schlussworte von Kauczinski vor der Länderspielpause. Am Donnerstag bestreitet sein Team ein Testspiel bei Erstligist Borussia Mönchengladbach. Danach lautet die Mission: Klassenerhalt.

St. Paulis Spieler in der Einzelkritik

Himmelmann: Der Keeper hätte im ersten Durchgang ein Nickerchen halten können. Nach der Pause vereitelte er zwei Großchancen. Beim Gegentor war er machtlos.

Park: Der Südkoreaner schlug in der ersten Hälfte zwei starke Flanken, danach tauchte er etwas unter. Trotzdem: Für seine internen Konkurrenten wird es schwer, ihn wieder zu verdrängen.

Ziereis: Musste unter der Woche wegen Rückenproblemen das Training schwänzen. Gegen den FCK waren diese wie weggeblasen. Kompromisslos.

Avevor: Auch Innenverteidiger Nummer zwei wurde im letzten Moment fit. Er stabilisierte die Abwehr. Buballa: Müsste viel öfter den Mut finden, die Linie herunterzumarschieren. Defensiv solide, offensiv selten eine Verstärkung.

Sahin: Wären die Oscars nicht schon vor zwei Wochen in Los Angeles verliehen worden, hätte der Flügelspieler mit seinen theatralischen Einlagen gute Chancen auf eine Statue gehabt. Zeigte ansonsten gute Ansätze nach vorn.

Flum (bis 75.): Der Strippenzieher behielt wie gewohnt den Überblick, verteilte die Bälle gut – blieb aber glanzlos.

Dudziak (ab 75.): Dabei sein ist alles.

Nehrig: Auf den Kapitän ist Verlass. Er unterband nur zu gern den Spielaufbau des Gegners.

Neudecker (bis 45.): Feuerte einen Schuss aufs Tor, der Rest war harmlos. Nach zuletzt guten Leistungen erwischte er einen gebrauchten Tag.

Möller Daehli (ab 46.): Der quirlige Norweger brachte mit seiner Einwechslung sofort mehr Schwung in die Partie.

Diamantakos (bis 45.): Nach dem Spiel in Heidenheim stand der Grieche erstmals wieder in der Startelf. Er ackerte zwar viel, konnte seine Aufstellung aber nicht rechtfertigen.

Bouhaddouz (ab 46.): Mit ein wenig Ärger im Bauch über seinen kurzzei­tigen Bankplatz verwandelte er den Elfmeter sicher und belebte das Spiel.

Allagui: Der Stürmer holte den Elfmeter heraus, verschuldete aber auch den Freistoß vorm Gegentor. Hätte mehr aus seinen Chancen machen müssen.