Zweite Bundesliga

Kapitän Nehrig: "Jetzt nicht eine Woche lang Trübsal blasen"

Die Spieler des FC St. Pauli 
bedanken sich nach dem 1:3 in Heidenheim bei den rund 1500 mitgereisten Fans

Die Spieler des FC St. Pauli bedanken sich nach dem 1:3 in Heidenheim bei den rund 1500 mitgereisten Fans

Foto: DenizCalagan / WITTERS

Rückfall in die Krise: Beim 1:3 in Heidenheim zeigt sich St. Pauli in den entscheidenden Szenen desolat. Jetzt gegen die Top vier.

Heidenheim/Hamburg.  Die Analyse hatte schon etwas von einer Bank­rotterklärung. „Wir haben heute nicht am Limit gespielt. Es gab zu viele Spieler, die nicht das gebracht haben, was sie bringen können“, sagte Markus Kauczinski. Der seit dem 7. Dezember amtierende Cheftrainer des FC St. Pauli fasste damit treffend die entscheidenden Gründe zusammen, warum seine Mannschaft am Sonnabend trotz der frühen 1:0-Führung und damit einer perfekten Ausgangssituation mit 1:3 (1:2) beim 1. FC Heidenheim verloren hatte.

Auch am Tag danach hatte sich an der Einschätzung nicht viel geändert. „Es hatten einige Spieler, von denen wir sonst stabile Leistungen kennen, keinen guten Tag“, sagte Kauczinski. Insbesondere meinte er damit Abwehrchef Lasse Sobiech und auch Torwart Robin Himmelmann. Beim Ausgleich durch Heidenheims Timo Beermann nur sieben Minuten nach dem 1:0 lief Sobiech dem Torschützen auf dem Weg in den Strafraum nur hinterher, sodass dieser ungestört den Freistoßball des überragenden Marc Schnatterer per Kopf verwandeln konnte. Ganze 83 Sekunden später fiel Heidenheims 2:1-Führung, nachdem Sobiech­ bei einem Abwehrversuch im Strafraum den Ball hoch in die Luft statt nach vorn geschlagen hatte.

Kauczinski nimmt Keeper in Schutz

Dies allein hätte wohl noch nicht so fatale Folgen gehabt, wenn nicht Torwart Himmelmann den herunterfallenden Ball mit nur einer Faust und daher auch viel zu kurz genau auf Heidenheims Maximilian Thiel gefaustet hätte. Dieser versenkte den Ball dankend im verlassenen St.-Pauli-Tor.

„Ich hätte es besser lösen können, auch wenn Bälle, die vom Himmel herunterkommen, immer schwierig sind“, gab sich Himmelmann nach dem Spiel selbstkritisch. „Es wäre besser gewesen, wenn ich im Tor geblieben wäre.“ Eine geeignete Alternative aber hätte auch sein können, den Ball zu fangen. So aber konnten sich alle jene Kritiker bestätigt fühlen, die Himmelmanns Strafraumbeherrschung für nur mittelmäßig halten. Schon beim Freistoß, der zum 1:1 führte, hätte man Himmelmann den Mut gewünscht, den Ball an der Grenze des Fünfmeterraums abzufangen. In diesem Punkt aber nahm Kauczinski seinen Keeper in Schutz: „Der Ball von Schnatterer war dafür zu scharf getreten.“

War dieser selbst verursachte, doppelte Nackenschlag schon bitter, so fiel die Vorentscheidung drei Minuten nach der Pause, als St. Pauli den Gegner zum Kontern einlud. Der auf den Links­verteidigerposten gewechselte Jeremy Dudziak hatte sich in den gegnerischen Strafraum vorgewagt, als der Ball verloren ging. Fatalerweise aber war auch der als Absicherung vorgesehene Johannes Flum zu weit aufgerückt und brachte den Ball nicht unter Kontrolle. So hatte Schnatterer leichtes Spiel, um seinen Flankenlauf mit einem Zuspiel auf den Ex-St.-Paulianer John Verhoek abzuschließen. Für den Niederländer war es eine besondere Freude, sein erstes Tor gegen sein ehemaliges Team zu erzielen. „Wir haben zu früh die Ordnung verloren“, kritisierte Lasse Sobiech das naive Verhalten vor diesem Treffer zum 1:3.

Wieder Negativtrend eingeschlagen

Auch wenn alle drei Gegentore erschreckend an die Niederlagen in Fürth (0:4) und Bielefeld (0:5) erinnerten, die zur Ablösung von Trainer Olaf Janßen führten, war das Spiel damit noch nicht wirklich entschieden. Vielmehr gaben sich die Heidenheimer in ihrer Defen­sive noch einige Blößen. Nicht zufällig haben sie mit 37 Gegentoren die schwächste Abwehr der Liga. Doch St. Pauli schlug daraus kein Kapital.

Am Ende blieb, wie schon eine Woche zuvor nach dem 0:1 gegen Darmstadt, die Erkenntnis, gegen ein Team verloren zu haben, das selbst große Schwächen aufweist. Und so geht der Blick weiter auf die untere Tabellenhälfte. Beruhigend ist der Vorsprung von fünf Punkten auf den 16. Platz nicht – schon gar nicht angesichts des jetzt wieder eingeschlagenen Negativtrends.

Die Aussicht auf die kommenden Aufgaben ist wenig verheißungsvoll. In den nächsten vier Spielen muss St. Pauli gegen die aktuell ersten vier Teams der Zweitliga-Tabelle antreten. Als erste dieser Mannschaften kommt der 1. FC Nürnberg, der gerade 4:1 gegen Aue gewann und seit acht Spielen (18 Punkte) unbesiegt ist, am kommenden Montag (20.30 Uhr) ins Millerntor-Stadion. Trainer Kauczinski versucht, die Schwere dieser Aufgaben zu relativieren. „Ich habe nicht das Gefühl, dass es bisher einfach war. Auch Dresden hat uns alles abverlangt“, sagte er am Sonntag mit Blick auf den bisher letzten Sieg, dem nun die Niederlagen gegen Darmstadt und in Heidenheim gefolgt sind.

Nach dem Nürnberg-Spiel muss St. Pauli in Ingolstadt, gegen Kiel und schließlich bei Tabellenführer Düsseldorf antreten. „Die Gegner sind nicht von Pappe“, sagte Sportchef Stöver. „Wir sind für jeden Gegner schwer zu spielen. Es wird brennen“, sagte dagegen Kauczinski. „Wir dürfen jetzt nicht eine Woche lang Trübsal blasen, sondern müssen den Frust in positive Energie umwandeln“, forderte Kapitän Bernd Nehrig. An markigen Worten mangelt es bei St. Pauli also trotz des Rückfalls in die Krise nicht – immerhin.

Die Spieler des Profiteams, die am Sonnabend in Heidenheim gar nicht oder nur kurz zum Einsatz gekommen waren, gewannen am Sonntag ein clubinternes Testspiel gegen die U-23-Mannschaft auf dem Kunstrasen an der Kollaustraße mit 5:1 (2:1). Als dreifacher Torschütze zeichnete sich Richard Neudecker aus, je einen Treffer steuerten Jan-Philipp Kalla und Maurice Litka bei. Für das Regionalligateam traf Seung-Won Lee.