FC St. Pauli

Fällt Fanliebling Boll dem Sparkurs zum Opfer?

Der Vertrag von  Fabian Boll, 36, endet in diesem Sommer

Der Vertrag von Fabian Boll, 36, endet in diesem Sommer

Foto: Imago/Michael Schwarz

St. Pauli will sein finanzielles Engagement bei der U 23 zurückfahren. Neuer Leiter des Nachwuchsleistungszentrums vor Unterschrift.

Hamburg.  Ein wenig versteckt, aber doch sichtbar zeigt der FC St. Pauli, wie stolz er auf sein Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) ist. Drei goldene, vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) vergebene Sterne prangen auf der Tür zum Amateurtrakt des Trainingsgeländes an der Kollaustraße. Hinter den Kulissen jedoch liegt im Nachwuchs des Kiezclubs derzeit einiges im Argen. Der Zweitligaclub plant nach Abendblatt-Informationen massive Einsparungen bei seinem U-23-Team. Aktuell zahlt der FC St. Pauli rund 500.000 Euro pro Jahr für seine „Zweite“, die sich in der Regionalliga Nord auf Rang 15 in akuter Abstiegsgefahr befindet.

So sollen die Nachwuchskicker künftig nur noch rund 450 Euro „Gehalt“ bekommen. Ein Hungerlohn für Viertligaverhältnisse. Da überrascht es nicht, dass die aktuelle Mannschaft auseinanderbrechen wird. Lediglich fünf Spieler haben einen Vertrag für die Spielzeit 2016/17, von denen einer nur ein gültiges Arbeitspapier für die Oberliga hätte. Derzeit stellen sich immer wieder Testspieler bei der U23 vor. In den vergangenen Monaten hielt sich in der Amateurszene hartnäckig das Gerücht, St. Pauli würde im Falle eines Abstieges nicht für die Fünfte Liga melden. „Mir ist nichts über eine Abmeldung bekannt“, sagte Co-Trainer Fabian Boll. Für die kommende Saison plant der Kiezclub ligaunabhängig mit einer zweiten Mannschaft. „Ich glaube, dass unsere Mannschaft die Saison so beenden wird, dass sie auch in der neuen Saison in der Regionalliga Nord spielen wird“, sagte Sportdirektor Thomas Meggle. Der Sparkurs wird aber durchgezogen. Dem könnte auch ein Mann zum Opfer zu fallen, der wie kaum ein anderer für St. Pauli steht.

Boll weiß noch nichts von seinem Aus

Publikumsliebling Boll wird in der neuen Saison wohl nicht mehr Co-Trainer bei der zweiten Mannschaft sein, weil sein Posten auch eingespart werden soll. „Mir wurde davon noch nichts gesagt, es wird aber in Kürze ein Gespräch über die Zukunft geben“, sagte der 36-Jährige. Ob der ehemalige Mittelfeldspieler, dessen Vertrag am 30. Juni ausläuft, in anderer Funktion erhalten bliebt, ist derzeit unklar. Für die U23 wäre ein Abgang Bolls ein herber Schlag. Der ehemalige Profi genießt im Gegensatz zu Cheftrainer Remigius Elert, dessen im Sommer auslaufender Vertrag wohl verlängert wird, einen extrem guten Ruf. Unabhängig von seiner Zukunft bei St. Pauli arbeitet Boll an seiner Trainerkarriere. Die Bewerbungen für die Kurse zur A-Lizenz sind abgeschickt. Allerdings sind die Lehrgänge für 2016, die im Juli und August in Köln stattfinden, bereits ausgebucht. „Sollte jedoch jemand abspringen, könnte ich vielleicht nachrücken. Wenn das nicht klappt, will ich 2017 so früh wie möglich mit der A-Lizenz beginnen“, sagte Boll, der in der vergangenen Saison als Interimstrainer der U23 zehn Punkte aus vier Spielen holte.

Von so einer Bilanz kann die aktuelle Mannschaft nur träumen. Im Profiunterbau geht es momentan drunter und drüber. Dass die Stimmung am Nullpunkt ist, liegt nicht nur an den Einsparungsplänen des Vereins. Es fehlt dem Unterbau auf und neben dem Platz an Struktur und vor allem an Disziplin. Am Mittwoch gerieten Profileihgabe Nico Empen und Furkan Pinarlik im Training wegen einer Wasserflasche (!) verbal und handgreiflich aneinander. Trainer Elert zog keine Konsequenzen, ließ den Vorgang durchgehen. Dieser Vorfall war keine Ausnahme, immer wieder kam es zu Zwischenfällen, weil sich die Talente mit Profivertrag schwertun, sich in das Kollektiv einzugliedern. Zudem bekommen die Youngster, die auch bei der Mannschaft Ewald Lienens mittrainieren, häufig mehr Einsatzzeiten als die Spieler, die sich im Training unter Woche für einen Stammplatz anbieten.

Meggle hat neuen Nachwuchs-Chef gefunden

An Arbeit wird es dem neuen Leiter des Nachwuchsleistungszentrums wahrlich nicht mangeln. Seit dem Abgang von Joachim Philipkowski sucht St. Pauli nach einem Nachfolger. Eigentlich sollte der neue NLZ-Leiter bereits zum 1. Januar starten. Anschließend hieß es, dass der neue Mann am 1. April beginnen soll. Bis heute ist dieser Schlüsselposten jedoch vakant.

Eine interne Lösung lehnte die sportliche Leitung ab. Ein neuer externer Nachwuchsfachmann soll frischen Wind ins NLZ bringen. Nach Abendblatt-Informationen wollte Meggle den ehemaligen HSV-Co-Trainer Roger Stilz für die Aufgabe gewinnen. Auch Markus Gellhaus, der mit St. Paulis Geschäftsführer Andreas Rettig gemeinsam beim FC Augsburg zusammengearbeitet hatte, wurde kontaktiert.

In St. Paulis Präsidium sorgten jedoch beide Namen nicht für uneingeschränkte Zustimmung. „Das ist eine wichtige Entscheidung. Wir sind in Gesprächen, und ich denke, wir sind fündig geworden“, sagte Meggle. Spätestens zum 1. Juli soll der neue Chef der Nachwuchsabteilung seinen Dienst antreten.