FC St. Pauli

Die erste Abrechnung für Präsident Göttlich

FC St. Paulis Präsident Oke Göttlich muss erstmals Rechenschaft ablegen

FC St. Paulis Präsident Oke Göttlich muss erstmals Rechenschaft ablegen

Foto: ValeriaWitters / WITTERS

Vor einem Jahr wurde Oke Göttlich zum Präsidenten des FC St. Pauli gewählt. Auf der Mitgliederversammlung erwarten ihn Lob und Kritik.

Hamburg.  Am Sonntag ist es genau 52 Wochen her, dass beim FC St. Pauli ein personeller Umbruch vollzogen wurde, der in seiner Größenordnung schon als vereinshistorisch zu werten ist. Von zwölf zu wählenden Führungsposten wurden damals nicht weniger als zehn völlig neu besetzt, lediglich die Aufsichtsratsmitglieder Roger Hasenbein und Marcus Schulz konnten sich über eine Wiederwahl freuen, wobei Letzterer in diesem Zuge auch seinen Posten als Vorsitzender des Kontrollgremiums verlor.

Einer Revolution glich aber vor allem die komplette Neubesetzung des Präsidiums mit fünf Personen, die zuvor allesamt noch kein offizielles Amt beim FC St. Pauli bekleidet hatten und mit Ausnahme des neuen Präsidenten Oke Göttlich sowohl öffentlich als auch vereinsintern weitgehend unbekannt waren. Dabei ist es im Wesentlichen auch geblieben, weil sich die Vizepräsidenten Thomas Happe, Joachim Pawlik, Reinher Karl, und Jochen Winand so gut wie gar nicht in der Öffentlichkeit präsentieren.

An diesem Sonntag nun stellen sich Göttlich und seine Mitstreiter erstmals offiziell wieder den Mitgliedern des FC St. Pauli. Auf der ordentlichen Mitgliederversammlung im Saal zwei des Congress Centrum Hamburg (Beginn 11 Uhr) dürfte es viel Lob, aber durchaus auch einige kritische Beiträge aus dem Plenum für die Führungscrew geben. Im Wesentlichen wird es folgende Themenkomplexe gehen.

Profifußball: Als Göttlich vor Jahresfrist das Amt übernahm, befand sich die Zweitliga-Mannschaft als Tabellen-17. tief im Abstiegskampf der Zweiten Liga. „Ich habe einen Sanierungsfall übernommen“, sagte Göttlich später einmal im Abendblatt-Interview dazu. Er holte sich externen Rat, unter anderem beim damals vereinslosen Trainer Ewald Lienen. Dessen Expertise überzeugte derart, dass der 61-Jährige am 16. Dezember 2014 neuer Cheftrainer wurde. Seither holte die Mannschaft, die damals Tabellen-Schlusslicht war, in 31 Punktspielen 50 Punkte. Das ist die Bilanz eines Topteams. Der aktuelle zweite Tabellenplatz lässt auf eine sehr erfolgreiche Saison hoffen. Kurzum: die Verpflichtung Lienens war die bisher wichtigste und beste Entscheidung des Präsidenten Oke Göttlich und seiner Vorstandskollegen.

Kurios mutete dagegen an, dass der als Trainer erfolglose Thomas Meggle als Sportchef ein Führungsamt behalten durfte und dafür Rachid Azzouzi beurlaubt wurde. Meggle konnte sich in den vergangenen elf Monaten profilieren, vor allem die Weiterverpflichtung von Verteidiger Lasse Sobiech über die vergangene Saison hinaus war eine bemerkenswerte Leistung, ebenso der Verkauf von Marcel Halstenberg für den Rekordbetrag von rund 3,5 Millionen Euro an RB Leipzig. Pünktlich zur Versammlung wurde seine Vertrag jetzt entfristet (siehe Text unten).

Vereinsinterne Organisation: Schon bevor Göttlich das Präsidentenamt übernommen hatte, schaute er auf der Geschäftsstelle um und stellte entsetzt ein „fehlendes Termin- und Berichtswesen“ fest. Im Zuge der Aufräumarbeiten nach der Amtsübernahme kam es auch zur Trennung vom langjährigen Teammanager Christian Bönig. Hierzu blieben bis heute Fragen unbeantwortet, die jetzt noch einmal ein Thema werden könnten. Für Irritationen sorgten im Sommer auch Göttlichs Äußerungen über Starkult und Heldenverehrung innerhalb des Kiezclubs.

Finanzen: Nach vier Jahren in Folge, in denen die Gewinn- und Verlustrechnung des Kiezclubs eine teilweise siebenstelligen Gewinn auswies, wurde das Geschäftsjahr vom 1. Juli 2014 bis 30. Juni 2015 wieder mit einem Verlust abgeschlossen, der sich im niedrigen sechsstelligen Bereich bewegt. Dies ist allerdings weder überraschend noch dramatisch. Der vor einem Jahr ausgeschiedene Vizepräsident Tjark Woydt, der für die Finanzen zuständig war, hatte prognostiziert, dass eine „schwarze Null“ ein schwer zu erreichendes Ziel sei. Entscheidender Grund für das Minus war der Abriss und Neubau der Nordtribüne. Damit fehlten von Oktober 2014 bis Ende der vergangenen Saison planmäßig rund 5000 Plätze und somit Einnahmen. Erschwerend kam hinzu, dass der Personalwechsel bei Trainern und Sportchef sowie die Verpflichtung zu neuen Spielern in der Winterpause (Koch, Sobota, Cooper) unplanmäßige Ausgaben verursachte.

Olympia: Bei diesem hochbrisanten Thema droht das Präsidium in eine Bredouille zu geraten. Erhält der eingebrachte Antrag, dass sich der FC St. Pauli gegen die Bewerbung stellen soll, eine Mehrheit, würde Göttlich von den eigenen Mitgliedern gezwungen werden, die bisher aus Vernunftsgründen propagierte neutrale Position aufzugeben. Vor einem Jahr konnte Göttlich bei einem ähnlichen Antrag die Mehrheit der Mitglieder noch von seiner Haltung überzeugen. Es scheint völlig offen, ob ihm dies auch jetzt gelingt.