St. Pauli-Torwart

„Die Jahre auf der Bank haben mich weitergebracht“

St. Paulis Torwart Robin Himmelmann

St. Paulis Torwart Robin Himmelmann

Foto: Michael Rauhe

St. Paulis neue Nummer 1 im Tor, Robin Himmelmann, ist ein Geduldsmensch. Der 26-Jährige kann aber auch anders.

Sein Fahrrad hat Robin Himmelmann wegen des Dauerregens in Hamburg an diesem Nachmittag zwar zu Hause gelassen. Doch wer den 26 Jahre alten Torhüter des FC St. Pauli im Café Amphore auf St. Pauli sitzen sieht, der könnte ihn auch für einen Studenten halten – und würde damit sogar richtig liegen. Denn Himmelmann, einer der Garanten für den Aufschwung des Hamburger Zweitligisten, führt eine Art Doppelleben. Ein Gespräch mit einem Mann, der den Moment genießt und doch nichts dem Zufall überlässt.

Hamburger Abendblatt: Herr Himmelmann, Sie sind deutlich früher da als verabredet. Das ist ungewöhnlich.

Himmelmann : Ach ja?

Normalerweise warten Journalisten etwas länger auf Fußballer...

Himmelmann : Pünktlichkeit war mir schon immer wichtig, sowohl privat als auch beruflich. Das gehört für mich zum guten Umgang. Mir ist es unangenehm, wenn ich andere Menschen warten lasse.

Ihnen selbst scheint das Warten aber nicht so schwer zu fallen.

Himmelmann : Ich ahne, worauf Sie hinaus wollen.

Sie haben mehr als zwei Jahre gewartet, bis Sie bei St. Pauli die Nummer eins wurden.

Himmelmann : Das war natürlich keine einfache Zeit, wenn man so lange nicht spielt. Kein Fußballer sitzt gern auf der Bank. Die zwei Jahre haben mich trotzdem einen großen Schritt weitergebracht. Ich konnte mich in Ruhe entwickeln, den Verein intensiv kennen lernen und von gestandenen Spielern wie Fabian Boll, Florian Bruns oder Marius Ebbers viel lernen. Es war wichtig in der Zeit, die Ruhe zu behalten. Das Warten hat sich ausgezahlt.

Sind Sie nie ungeduldig geworden?

Himmelmann : Ich war 24. Natürlich gab es die Gedanken, dass ich so langsam regelmäßig spielen sollte. Mir war aber auch klar, dass ich nicht sofort die Nummer eins werde, deswegen habe ich keine Ungeduld gespürt. Philipp Tschauner war etablierter Stammtorwart. Ich habe mir keinen Druck gemacht, habe einfach hart gearbeitet und hatte immer ein gutes Gefühl, dass der Moment kommen wird.

Als der Moment nach knapp zwei Jahren kam, haben Sie sich beim Aufwärmen vor dem Spiel in Cottbus an der Schulter verletzt. Hatten Sie danach Angst, eine ewige Nummer zwei zu bleiben?

Himmelmann : Nein. Natürlich fragt man sich, warum ausgerechnet jetzt? Aber die Phase des Wartens war überschaubar. Es gab trotz der Verletzung die Aussicht auf einen Konkurrenzkampf und die Chance, Nummer eins zu werden. Nachdem ich wieder gesund war, ging es dann ja auch recht schnell.

In der Winterpause gab es einen wochenlangen Zweikampf. War der immer fair?

Himmelmann : Philipp Tschauner und ich hatten rückblickend immer einen vernünftigen Umgang. So sollte es unter Torhütern auch sein, auf und neben dem Platz. Meine Art ist es zum Beispiel nicht und wird es auch nicht sein, verbal Druck zu erzeugen oder sich über die Medien ins Spiel zu bringen.

Genießen Sie den Moment umso mehr, weil Sie wissen, wie schnell es vorbei sein kann?

Himmelmann : Ich habe mein Fußballerleben bislang immer genossen. Selbst der Abstiegskampf hat mir Spaß gemacht. Im Moment läuft es sportlich richtig gut, vielleicht genieße ich meinen Beruf daher tatsächlich noch ein bisschen mehr.

Sind Sie ein Genießer?

Himmelmann : Ich wünschte, ich könnte es ab und an ein wenig mehr. Es ist wichtig im Leben, die Situation zu genießen. Das ist im Fußball aber schwierig, da es immer weitergeht. Vielleicht wird das im steigenden Torwartalter einfacher.

Fällt es Ihnen im Privatleben leichter zu genießen?

Himmelmann : Jeder Mensch genießt auf eine andere Art. Für mich ist es schön, Ruhe zu haben, Musik zu hören oder bei schönem Wetter an die Alster zu fahren und die Menschen zu beobachten. Nach dem Spiel gegen Fürth bin ich zum Beispiel spontan noch in die Sonne gefahren und habe einfach entspannt Kaffee getrunken.

Sie bringt offenbar gar nichts aus der Ruhe, oder sollen wir mal bei Ihrer Freundin nachfragen?

Himmelmann : Die würde wahrscheinlich das Gleiche sagen (lacht).

Gibt es wirklich nichts, womit man Sie ärgern kann?

Himmelmann : Natürlich rege ich mich hier und da mal über alltägliche Dinge auf. Aber Unruhe ist für mich ein Zustand, der länger anhält. Als ich vor drei Jahren nicht wusste, wie es vertraglich für mich weitergeht, das war für mich innere Unruhe.

Wie sieht es im Straßenverkehr aus?

Himmelmann : In Hamburg steht man zwar wegen der vielen Baustellen häufig im Stau, aber mittlerweile macht mir das nichts mehr aus. Da bin ich deutlich entspannter geworden. Wenn wir ein Spiel verlieren, kann es aber vorkommen, dass ich die Hupe schneller betätige (lacht).

Und wenn Sie im Supermarkt lange warten müssen, weil jemand noch sein Kleingeld zählt?

Himmelmann : Dann helfe ich beim Zählen. Erst neulich stand ich hinter einer älteren Frau, die ganz süß ihren Geldbeutel sortiert hat. Die Kassiererin hat ihr dann geholfen. Ich fand es bewundernswert, dass die Dame noch selbst einkaufen konnte, die war sicher über 90 Jahre alt. Wenn ich es eilig habe, muss ich eben zum Rewe-Markt von Holger Stanislawski, da sind gefühlt 20 Kassen geöffnet.

Warten Sie an jeder Ampel, wenn Sie mit dem Fahrrad zum Training fahren?

Himmelmann : Ich weiche den Ampeln gekonnt aus (lacht). Auf dem Weg von Winterhude nach Niendorf komme ich tatsächlich nur an einer Fußgängerampel vorbei. Da halte ich natürlich an, wenn Rot ist.

Dann erzählen Sie doch mal, auf wen Sie in der Mannschaft am längsten warten müssen. Ihr Kumpel Jan-Philipp Kalla soll manchmal sehr lange brauchen...

Himmelmann : Deswegen kümmert er sich auch um die Mannschaftskasse. Schnecke hat das im Blick. Wir haben jetzt einen neuen Strafenkatalog, seitdem halten sich alle an die Zeiten. Ich musste zumindest noch nicht einzahlen.

Wie geduldig sind Sie, wenn es um den Traum von der Bundesliga geht?

Himmelmann : Überhaupt nicht ungeduldig. Wenn es passiert, wäre es schön. Es wäre aber auch kein Drama, wenn ich nie in der Bundesliga spielen würde. Im Moment ist es für mich ein Privileg, beim FC St. Pauli spielen zu können. Das hätte ich mir vor drei Jahren nicht vorstellen können. Jetzt will ich mich hier etablieren, ich bin ja gerade erst im Profifußball angekommen.

Können Sie es verstehen, dass ein junger Bundesligatorwart wie Sven Ulreich mit 27 zu Bayern München wechselt, in dem Wissen, dauerhaft Ersatz zu sein?

Himmelmann : Das muss jeder selbst wissen. Aber wenn der FC Bayern auf einen zukommt, überlegt man sich das. Wenn sich Manuel Neuer verletzt, spielt Ulreich plötzlich Champions League bei einem der besten Vereine der Welt. Ich bin froh, dass ich mir die Gedanken nicht machen musste. Für mich wäre es aber auch schwierig, jetzt wieder auf der Bank zu sitzen.

Sie sitzen auch an Ihrer Bachelorarbeit, Sie studieren parallel BWL und Wirtschaftspsychologie. Das klingt auch nach einer Geduldsprobe.

Himmelmann : Ich bin in den letzten Zügen. Durch meine neue sportliche Rolle ist das Studium etwas ins Hintertreffen geraten, aber meine Bachelorarbeit macht Fortschritte. Es geht um Anleihemöglichkeiten von Fußballvereinen und die Frage, welche Möglichkeiten Clubs am Kapitalmarkt haben.

Und wie bewertet der Betriebswirt Himmelmann die Chancen des FC St. Pauli auf den Kapitalmarkt Bundesliga?

Himmelmann : Es ist ja schön, dass die Frage auftaucht, weil sie bedeutet, dass wir Erfolg haben. Aber vor ein paar Wochen haben wir noch darüber geredet, was passiert, wenn wir absteigen und viele Spieler den Verein verlassen. Wichtig ist für uns zu wissen, warum wir die Punkte geholt haben und wie wir die nächsten Punkte holen. Wir werden uns sicher nicht verrückt machen und bleiben demütig.

War diese Ruhe auch der Schlüssel zum Klassenerhalt?

Himmelmann : Unruhe wäre das Letzte gewesen, was wir noch gebraucht hätten. Wir haben es geschafft, uns in der Rückrunde zu stabilisieren. Jeder hat an die Rettung geglaubt. Die Ruhe im Verein hat uns geholfen, den Klassenerhalt zu schaffen. Jetzt können wir den Moment ein wenig genießen und daran arbeiten, eine ruhige Saison zu spielen.