FC St. Pauli

Warum ausgerechnet St. Pauli, Herr Rettig?

Er gilt als einer der besten Fußballmanager Deutschlands, hätte leicht wieder zu einem Verein in der Bundesliga gehen können.

Eine Wohnung in Hamburg hat er schon gefunden und bezogen, die Strecke mit der U-Bahn zur Geschäftsstelle des FC St. Pauli im Millerntor-Stadion kennt Andreas Rettig, 52, auch längst. Dabei wird der gebürtige Leverkusener, der nach seiner Tätigkeit bei Bayer Leverkusen Manager beim SC Freiburg, 1. FC Köln und FC Augsburg sowie Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL) war, erst am 1. September seinen Dienst beim FC St. Pauli offiziell beginnen. Schon jetzt spricht der künftige kaufmännische Geschäftsführer des Kiezclubs im Abendblatt über seine Motivation und die Perspektiven seines neuen Clubs im Profifußball.

Hamburger Abendblatt: Was war Ihre erste Reaktion, als Sie das Angebot von St. Paulis Präsident Oke Göttlich erhielten? Fanden Sie die Anfrage angesichts Ihrer Vita mutig oder auch ein bisschen frech?

Andreas Rettig: Ich denke, dass mich Präsident Oke Göttlich und Vize-Präsident Joachim Pawlik, die mich angesprochen haben, offenbar besser einschätzen können als Sie oder manche andere. Auch vorher habe ich meine beruflichen Entscheidungen nicht karriereorientiert getroffen. Es waren immer inhaltliche Entscheidungen, es ging um die Perspektive, eine reizvolle Aufgabe und die Chance zu haben, mit dem Job zufrieden zu sein. Arbeitszeit ist auch Lebenszeit. Auf Eitelkeiten habe ich nie Wert gelegt. Wenn man sich ständig fragt, wer wichtiger als wer ist, raubt dies nur unnötig Kraft und Energie.

Warum steigen Sie erst zum 1. September ein und nicht zwei Monate früher, also zum Saisonbeginn?

Rettig : Es war mir wichtig, mir nach dem Abschied bei der DFL eine Abkühlphase zu nehmen. Ich war bei der DFL auch schon nicht mehr am Lizenzierungsverfahren beteiligt, weil ich dort alle vertraulichen Wirtschaftsdaten der Clubs gesehen hätte. Das wollte ich nicht, weil ziemlich klar war, dass ich wieder zu einem Verein gehe. Ich habe mein Amt ab 13. März ruhen lassen, bin aber bis zum 30. Juni bezahlt worden. Ich wollte danach aber nicht direkt zum 1. Juli etwas Neues anfangen. Eine solche Pause würde ich mir auch in anderen Bereichen wünschen, etwa beim Wechsel von der Politik in die Wirtschaft. Außerdem wollte ich die Pause nutzen, um ein Gespür für den FC
St. Pauli zu bekommen, ohne schon aktiv tätig zu sein. Das hat mir etwas gebracht, weil man als Privatmann noch einen anderen Blick hat als als Angestellter.

Warum haben Sie die DFL verlassen, das war doch ein guter und sicherer Job?

Rettig : Ich habe unterschätzt, dass mir die Emotionalität dabei fehlen würde. Bei der DFL kann man zwar keine Spiele verlieren, aber eben auch keine Spiele gewinnen.

Sie haben selbst gesagt, sich für das „finanziell schlechteste“ Angebot entschieden zu haben. Welche Gründe waren denn so viel stärker, sich für ein Engagement bei einem Zweitligisten zu entscheiden?

Rettig : Wissen Sie, was das Schlimmste an diesem Zitat ist? Es stimmt. Im Ernst: Es hat mich beeindruckt, wie
St. Paulis Präsident Oke Göttlich und sein Vize Joachim Pawlik vorgegangen sind. Das hatte was. Ich habe St. Pauli immer als einen Club wahrgenommen, der auch außerhalb des Sports klare Statements abgibt. Die Grundhaltung, klar gegen rechts zu sein, gewinnt heute angesichts der Flüchtlingsproblematik immer mehr an Bedeutung. Dazu kommt, dass sich die Menschen angesichts der Globalisierung und dem Streben nach immer mehr wieder nach Heimat und Wärme sehnen. Dies ist beim FC St. Pauli spürbar.

Wie ist das Angebot konkret an Sie herangetragen worden?

Rettig : Wir hatten uns vier Wochen vorher schon einmal in einem anderen Zusammenhang getroffen. Wenn Oke Göttlich damit sein Angebot strategisch schon vorbereitet haben sollte, hat er das gut gemacht. Damals wollte er mit mir über grundsätzliche Zusammenhänge und die Struktur der DFL sprechen. Die Unterhaltung über den Vertrag hat am Ende kürzer gedauert als das Zapfen eines Bieres. Kurios ist, dass ich bei dem fußballkulturellen Festival „Fußball und Liebe“ während einer Podiumsdiskussion recht kontrovers mit der jetzigen Aufsichtsratsvorsitzenden Sandra Schwedler diskutiert habe.

Sie waren Geschäftsführer der DFL, die bei maßgeblichen Fans des FC St. Pauli zu den wenig geschätzten Organisationen gehört. Sehen Sie sich in der Lage, bei den brisanten Konfliktthemen wie etwa der Pyro-Debatte, zu vermitteln?

Rettig : Das Thema Pyrotechnik im Stadion betrachte ich nicht als Konfliktfeld. Es gibt ein geltendes Recht, dem haben sich alle 36 Proficlubs unterworfen, sonst hätten sie keine Lizenz bekommen. Wenn ein Zuschauer ins Stadion geht, darf er auch darauf vertrauen, dass er unversehrt bleibt. Dafür stehen die Clubs als Veranstalter in der Verantwortung. Wenn man das ändern möchte, muss man die rechtlichen Rahmenbedingungen verändern. Und wenn man gegen geltendes Recht verstößt, wird man bestraft. So sind die Regeln.

Wie sehen Sie mittelfristig die Rolle eines Vereins wie des FC St. Pauli im deutschen Profifußball, der immer mehr durch externe Geldgeber, Konzerne oder Privatpersonen, bestimmt wird?

Rettig : Es ist eine Milchmädchenrechnung zu glauben, allein durch eine Ausgliederung der Profiabteilung fließe morgen Milch und Honig. Am Ende wird es, egal in welcher Organisationsform, immer auf Qualität und Kompetenz des Managements ankommen. Ich denke auch, dass der FC St. Pauli bei der Beibehaltung seines Weges und seiner Struktur als mitgliedergeführter Verein auch in der Vermarktung mehr Erlöse als andere erzielen kann, weil sich Sponsoren mit diesem Club und genau dieser Strategie identifizieren wollen. Es macht die Kraft des Clubs aus, dass er durch seine Grundhaltung unabhängig ist von Personen.

Sie haben große Erfahrung auch im sportlichen Bereich. Wie betrachten Sie die Rolle von Thomas Meggle, der ja erst seit Mitte Dezember Sportchef ist? Offiziell steht er mit Ihnen im Organigramm des FC St. Pauli auf einer Stufe.

Rettig : Je kleiner das Unternehmen oder der Verein sind, desto mehr Generalist muss man in der Führungsebene sein. Es ist gut, wenn der kaufmännisch Verantwortliche auch etwas vom Sport versteht und umgekehrt. Ich sehe überhaupt keine Problematik in der Zusammenarbeit mit Thomas Meggle. Ich bin hier nicht der Obersportdirektor. Wenn ich Sportchef hätte werden wollen, wäre ich es auch geworden – nur bei einem anderen Verein. Ich bin nicht der Chef von Thomas Meggle. Die Zusammenarbeit wird funktionieren, das haben die vergangenen Wochen gezeigt. Wir sind aufgerufen, eine ganzheitliche Betrachtung an den Tag zu legen.

Als kaufmännischer Geschäftsführer sind Sie auch dafür verantwortlich, die finanziellen Einnahmen so hoch wie möglich zu halten. Gleichzeitig hat sich der FC St. Pauli einen Verzicht auf bestimmte Einnahmequellen auferlegt, wie etwa den Verkauf des Stadionnamens, oder das Sponsoring von Toren, Ecken und Auswechslungen. Können Sie mit diesen Einschränkungen leben?

Rettig : Wir streben den größtmöglichen sportlichen Erfolg an unter Beibehaltung unserer Leitlinien. Es hat ja Gründe, warum der FC St. Pauli nicht nur in Hamburg so viele Sympathisanten hat. Einer ist, dass der Club nicht jeden Blödsinn mitmacht. Auf der anderen Seite weiß ich, dass dies in einem Punkt die Wettbewerbsfähigkeit verändert. Trotzdem können wir unter den gegebenen Voraussetzungen den größtmöglichen sportlichen Erfolg erreichen.

Das ist aber auch ein schmaler Grat, die Identität zu bewahren, aber auch den Anschluss nicht zu verlieren.

Rettig : Wichtig ist, dass wir den Dreiklang hinbekommen: die gesellschaftliche, die sportliche und die wirtschaftliche Ausrichtung. Der Verein hat genau deshalb diesen hohen Stellenwert, weil er für gesellschaftliche Themen steht und sportlichen Erfolg eben nicht um jeden Preis anstrebt. Es gibt zudem viele Beispiele dafür, dass man auch mit weniger Mitteln mehr erreichen kann. Wenn am Ende der Saison keiner vor uns steht, der weniger Geld eingesetzt hat, haben wir einen guten Job gemacht. Hinzu kommt hier aber, dass die Identität des Clubs und das Leben im und für den Club ja nicht am 34. Spieltag aufhört.

Haben Sie Sorgen, dass die Engländer dem deutschen Fußball endgültig den Rang ablaufen, wenn jetzt schon für durchschnittliche Spieler Wahnsinnsablösen gezahlt werden?

Rettig : Ich befürchte eher etwas anderes. Wenn die Engländer auf die Idee kommen, uns auch das Knowhow, das es hier in der Liga gibt, wegzuholen, kann es kritisch werden. Ich meine damit die besten Manager, Sportchefs und Nachwuchsleiter. Das würde an den Grundfesten unserer Wettbewerbsfähigkeit rütteln.

Sie sind jetzt schon regelmäßig auf der Geschäftsstelle tätig. Wie läuft die Übergabe durch Michael Meeske?

Rettig : Das läuft absolut vorbildlich ab. Es war für mich vom ersten Tag an zu erkennen, dass er ein hohes Verantwortungsbewusstsein besitzt und einen ordentlichen Schreibtisch übergeben will.

Wären Sie nicht lieber doch am Wochenende in Erstligastadien wie in Dortmund oder München als jetzt in Sandhausen?

Rettig : Klar, Erste Liga bringt mehr Spaß als Zweite Liga, egal bei welchem Verein. Aber ich habe mich hier beim FC St. Pauli ganz bewusst für die inhaltliche Aufgabe entschieden. Richtig ist aber auch, dass wir unsere gesellschaftlichen Themen viel besser und nachhaltiger nach draußen tragen können, wenn wir sportlich erfolgreich sind.

Ihr Mitarbeiterstab dürfte bei St. Pauli deutlich kleiner sein als Sie es bei der DFL gewohnt waren. Ihr Vorgänger Michael Meeske hat auch mal die Protokolle der Sitzungen selbst geschrieben.

Rettig : Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, dass wir alle, die mit Profifußball zu tun haben, in einer privilegierten Position sind. Zu Ihrer Frage: Wenn es dem Club am Ende einen Punkt oder einen Sponsorenvertrag mehr bringt, dass der kaufmännische Geschäftsführer die Blumen gießt, dann werde ich das jeden Tag machen.

In der Vergangenheit sind oft Ihre vorherigen Clubs Freiburg und Augsburg oder auch Mainz 05 als Vorbilder für den FC St. Pauli genannt worden. Sehen auch Sie mögliche Parallelen?

Rettig : Nein, dafür hat der Club andere Schwerpunkte und eine etwas andere Ausrichtung. Im deutschen Fußball sehe ich keinen Club, der Vorbild für den FC St. Pauli sein kann. Ich glaube eher, dass St. Pauli Vorbild werden kann.

Hat bei Ihrer Entscheidung nicht nur die Ausrichtung des Clubs, sondern auch die Stadt Hamburg eine Rolle gespielt?

Rettig : Vor der Frage, nach Hamburg zu gehen standen meine Frau und ich ja schon mal. Die Stadt hat sicher eine Rolle gespielt, es geht bei so einer Entscheidung ja auch um den Wohlfühlfaktor. Es geht aber auch um das gesamte Flair beim FC St. Pauli. Allein, wie die Fans dem Gegner Respekt zollen und ihm applaudieren, ist das Eintrittsgeld wert. Das sind wichtige Botschaften, die es leider immer weniger gibt.