St. Pauli

Meggle sicher: „Wir bleiben in der Liga“

Thomas Meggle, 40, machte als Spieler 174 Partien für St. Pauli

Thomas Meggle, 40, machte als Spieler 174 Partien für St. Pauli

Foto: TayDucLam / WITTERS

Thomas Meggle,Sportdirektor des FC St. Pauli, spricht über Abstiegskampf, seine ersten Transfers und den sportlichen Wendepunk

Hamburg. Seit etwas mehr als 100 Tagen ist Thomas Meggle Sportdirektor des FC St. Pauli. Er plant die ungewisse Zukunft der Zweitligamannschaft, die er zuvor selbst trainierte. Gerade ein Jahr ist es her, dass Meggle als Trainer die U23 des Vereins auf das Regionalligaspiel gegen den SV Eichede vorbereitete. 380 Zuschauer waren an der Hoheluft dabei, Meggles Team gewann mit 2:0. Seitdem hat der gebürtige Münchner turbulente Tage erlebt.

Hamburger Abendblatt: Herr Meggle, können Sie die vergangenen zwölf Monate in wenigen Worten zusammenfassen?

Thomas Meggle : Eine Reflexion des Jahres kriege ich aufgrund der Fülle an Ereignissen nur an den Eckpunkten hin. U23, Cheftrainer der Profis, Geschäftsführer Sport, das war schon ein rasantes Jahr.

Wie verarbeiten Sie die Ereignisse?

Meggle : Wichtig ist, dass man zwischendrin innehält und die Vergangenheit reflektiert. Ich bin am Wochenende viel bei Spielbeobachtungen unterwegs. Wenn man ins Auto steigt und mehrere Stunden zu einem anderen Stadion fährt, ist das ein schöner Zeitpunkt, in die Vergangenheit zu schauen und nachzudenken. Was ist passiert? Wo will ich in der Zukunft sein? Was für Pläne habe ich mit dem FC St. Pauli? Wie können Strukturen aussehen?

Sie müssen Strukturen für zwei mögliche Szenarien planen. Wie funktioniert das?

Meggle : Viele Mannschaften müssen zweigleisig planen. Die Hälfte der Vereine weiß nicht, in welcher Liga sie im nächsten Jahr spielt. Unser Problem ist, dass wenige Spieler für beide Ligen infrage kommen. Wenn Ingolstadt aufsteigt, bleiben viele Verträge gültig. Wenn wir absteigen, sind es keine. Deshalb müssen wir ein Gerüst von Spielern bilden, das für die jeweiligen Ligen infrage kommt. Wir filtern im Moment heraus, wer für beide Szenarien infrage kommt und bereit wäre, in der Dritten Liga auf viel Geld zu verzichten.

Keine einfache Aufgabe für einen Sportchef-Novizen.

Meggle : Der Darstellung des Novizen widerspreche ich. Woraus besteht denn meine Aufgabe? Ich bin verantwortlich für das Nachwuchsleistungszentrum, das Scouting und die Lizenzmannschaft. In den vergangenen fünf Jahren habe ich genau in diesen drei Bereichen gearbeitet. Die Darstellung in der Öffentlichkeit, dass der Sportchef die Mannschaft zusammenstellt und der Trainer sie trainiert, ist mir zu eindimensional und entspricht auch nicht der Realität. Ich habe gewisse Vorstellungen, wie der FC St. Pauli in den drei beschriebenen Bereichen und der Kaderplanung ausgerichtet wird, die Umsetzung erfolgt aber im Team. Es wird von mir keinen Alleingang geben, wenn es um den Kader geht.

Haben Sie als Sportdirektor Ihre Berufung gefunden?

Meggle : Ich habe mich nach meiner Spielerkarriere breit aufgestellt und mich mit einem Sportmanagement-Studium und dem Fußballlehrerlehrgang immer wieder weitergebildet und neuen Feldern gewidmet, damit ich ein Alleinstellungsmerkmal habe. Der Fußballlehrerschein nützt mir jetzt als Sportchef, weil ich genau weiß, wie ein Trainer tickt, und ich Abläufe verstehen und beurteilen kann. Beides sind interessante Jobs. Als Sportchef kann ich nachhaltig strukturiert arbeiten, was einem als Trainer oft verwehrt bleibt, weil es immer auf Sieg oder Niederlage ankommt.

Wie wäre es mit Trainer und Sportchef in Personalunion?

Meggle : Von der Manpower her ist das nicht zu leisten. Als One-Man-Show zu fungieren ist auch nicht mehr zeitgemäß. Man braucht ein Team um sich herum. Wenn man die Aufgaben gut strukturiert, kann auch das Modell funktionieren, dass der Trainer der Chef ist wie in England. Dort hat der Manager vier Co-Trainer, hier hat man einen Cheftrainer, zwei Co-Trainer und einen Sportchef. Die Konstellation ist im Endeffekt die gleiche.

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem ersten Transfers?

Meggle : Die Winterpause ist immer ein unglückliches Zeitfenster, wenn man unter Druck steht. Dafür haben wir es gut geregelt bekommen. Julian Koch ist ein Leader auf dem Feld, der kann Spieler mitreißen. Er hat ein Vakuum aus der Hinrunde gefüllt. Armando Cooper war ein Vorgriff auf die kommende Saison. Bei Waldemar Sobota haben wir schon sehr gute Ansätze gesehen. Er macht uns deutlich besser. Dass gerade er, der noch nie ernsthaft verletzt war, gleich vier Wochen ausfällt, ist natürlich bitter.

Vermissen Sie die Arbeit auf dem Platz?

Meggle : Ich blicke nicht zurück und bin kein Mensch, der Dingen nachtrauert. Ich sehe das Glas immer halb voll und freue mich auf die Aufgaben, die anstehen.

Sie haben Talente wie Andrej Startsev und Okan Kurt bei den Profis integriert. Im Moment spielen sie unter Trainer Ewald Lienen kaum eine Rolle. Tut Ihnen das weh?

Meggle : Das ist ganz normal. Solche Phasen bringen den jungen Spielern viel, wenn man die richtigen Lehren zieht. Es sollte ihnen Motivation geben, dass sie in der Liga mitspielen können. Jetzt müssen sie zeigen, dass sie langfristig auf einem Niveau ohne Schwankungen spielen können.

Bei einem Abstieg könnten einige Talente gehen, weil die Verträge ihre Gültigkeit verlieren. Wäre die Dritte Liga nicht vielmehr eine Chance für die jungen Spieler?

Meggle : Es gibt Bundesligisten, die junge Spieler für ihre zweiten Mannschaften locken mit dem Versprechen, sie würden zum erweiterten Ligakader gehören. Da beißen sich die Berater gegenseitig weg. Am Ende trainieren diese Spieler dann viermal in einer Saison oben mit. Wenn sie sich nicht entwickeln, werden sie nach zwei Jahren wieder weggeschickt. Die wenigsten schaffen es nach oben.

Im Hinspiel gegen Düsseldorf waren Sie noch Trainer. Zu diesem Zeitpunkt schien alles gut, dann ging es bergab. Haben Sie sich zu sicher gefühlt?

Meggle : Nein. Ich habe damals schon gesagt, dass wir eine schwere Zeit vor uns haben, weil viele verletzte Stammkräfte zurückkamen, die keine Spielpraxis hatten und erst einmal Einsätze benötigten, um wieder in Form zu kommen. Aufgrund unserer Situation hätten sie aber sofort auf Topniveau spielen müssen, was nach mehrwöchigen Pausen aber einfach nicht möglich ist. Und wir wussten, dass auch die jungen Spieler irgendwann in ein Loch fallen. Durch diese Phase sind wir nicht gut durchgekommen.

Wurden Sie Opfer der eigenen Erwartungen?

Meggle : Uns wurde jahrelang suggeriert, dass wir aufsteigen müssen. Dieses Thema gärt schon länger. Man hat sich vorgenommen, tollen Offensivfußball zu zeigen. Aber welchen Fußball wollen denn die Leute am Millerntor sehen? Soll es wirklich Tikitaka wie bei Bayern München sein, oder geht es zunächst mal um den Einsatz?

Wurde die Mannschaft zu sehr auf Tikitaka zusammengestellt?

Meggle : Der Kader ist schon so ausgerichtet, dass man mit der Mannschaft Fußball spielen will. Aber sie hat gezeigt, dass sie den Kampf annimmt. Am Ende geht es immer um die Mischung.

Reicht die Mischung für den Klassenerhalt?

Meggle : Nachdem Robin Himmelmann bei Union den Ball aufgrund des Platzfehlers nicht richtig traf und wir verloren, war mein erster Gedanke: Jetzt haben wir alles hinter uns, mehr geht nicht. Ich glaube, dass uns solche Erlebnisse noch viel stärker machen. Ich bin überzeugt, dass der Wendepunkt erreicht ist und wir in der Liga bleiben.