Kellerduell statt Aufstiegsgipfel

1860 und FC St. Pauli starteten mit großen Zielen in Saison. Nach zwei Trainerwechseln treffen sich die Clubs Sonnabend im Abstiegskampf.

Hamburg. Man könnte die Worte, die vor der Saison beim TSV 1860 München zu vernehmen waren, als Ausdruck von Selbstbewusstsein interpretieren. „Wir werden Zweitligameister“, kündigte der neue Trainer Ricardo Moniz im August vollmundig an. Kaum weniger bescheiden klangen die Sätze 775 Kilometer entfernt im Norden. „Unser übergeordnetes Ziel sind die Top 25 in Deutschland“, hatte St. Paulis damaliger Chefcoach Roland Vrabec zeitgleich proklamiert. Gemessen an diesen Aussagen hätte das Duell zwischen 1860 und St. Pauli an diesem Sonnabend (13 Uhr/Sky und Liveticker auf abendblatt.de) ein echtes Topspiel werden müssen. Sechs Monate und 21 Spieltage später ist der geplante Aufstiegsgipfel aber vor allem eins: der Gipfel der Fehleinschätzungen.

Zusammengezählt 21 Niederlagen und jeweils zwei Trainerwechsel liegen in dieser Saison hinter den beiden Vereinen. Während der Tabellenletzte aus Hamburg bereits vor der Winterpause zweimal seinen Übungsleiter ausgetauscht hat, zog 1860, abgestürzt auf Platz 17, in dieser Woche nach. Torsten Fröhling, am Dienstag von der U23 zu den Profis befördert, ist nach Moniz und Markus von Ahlen der dritte Trainer, der die gelähmten Löwen wieder zum Leben erwecken soll. Anders als beim ersten Trainerwechsel im Herbst, auch das ist eine Parallele zum FC St.Pauli, geht es mit Trainer Nummer drei aber nur noch um ein Ziel: das Schlimmste verhindern.

Noch haben beide Clubs genügend Zeit, einen Abstieg in Liga drei zu verhindern. Doch vor allem St.Pauli steht in München bereits mit dem Rücken zur Wand. Verliert die Truppe von Trainer Ewald Lienen in der Allianz-Arena, wird der ohnehin schon große Druck in den kommenden Wochen weiter zunehmen. „Wir schauen nicht auf die Tabelle, sondern konzentrieren uns nur auf uns“, sagte Lienen vor dem Spiel.

Dem 61-Jährigen kommt der Trainerwechsel beim Gegner aus München ungelegen. Nicht weil Lienen nun ein wiedererstarktes 1860 erwartet. Aber ein Trainerwechsel bringe auch immer personelle und taktische Veränderungen mit sich, daher sei es schwieriger, sich auf den Gegner einzustellen. Andererseits, sagt Lienen, hätte das auch mit dem alten Trainer passieren können. „Wir müssen uns darauf einstellen, dass der Gegner so auf den Platz läuft, wie es Greuther Fürth am Montag gemacht hat.“ Das bedeutet: mit Aggressivität an der Grenze des Erlaubten. So hatte Lienen das Spiel der Fürther nach dem 0:1 am Montag bezeichnet.

Sich auf den Gegner einzustellen, dürfte Lienen vor dieser Partie aber auch nicht schwerfallen. Zwischen 2009 und 2010 arbeitete er als Trainer bei den Münchner Löwen. Der Draht dorthin sei nie abgerissen. Auch wenn Lienen ein paar Sekunden zögerte, als er auf sein Gastspiel in Bayern angesprochen wurde. „Ich muss ein bisschen nachdenken, schließlich bin ich schon über 60“, scherzte Lienen, der seine Zeit in München als „sehr schön“ bezeichnet und schließlich belegt, dass er sich mit der Problematik beim TSV intensiv auseinandergesetzt hat.

„Der Verein hat sich vor Jahren mit der damaligen Führung und der sehr optimistischen Beteiligung am Neubau der Allianz-Arena selbst in die Krise gebracht“, sagt Lienen, der die ständigen finanziellen Probleme bei den Sechzigern auch als einen Grund anführt, warum er nach der Saison 2009/10 auf eigenen Wunsch den Club verließ, um zu Olympiakos Piräus nach Griechenland zu wechseln. „Ich wollte mich verändern und bin nicht im Streit gegangen“, sagt Lienen.

Im elften Jahr in Folge bemüht sich 1860 nun schon um die Rückkehr in die Bundesliga. So schlecht wie in diesem Jahr standen die Münchner bei diesem Vorhaben aber noch nie da. Für Lienen nicht verwunderlich. „Der Verein zahlt jedes Jahr vier Millionen Euro für die Stadionmiete und ist dadurch gezwungen, die vielen Talente aus der erstklassigen Nachwuchsabteilung viel zu günstig abzugeben. Als Beispiel nennt Lienen Hoffenheims Nationalspieler Kevin Volland, der vor vier Jahren für 700.000 Euro in den Kraichgau wechselte. „Für so einen Spieler müsste man eigentlich zehn Millionen Euro bekommen“, sagt Lienen. Auch aktuell hat der Verein mit Christopher Schindler, Maximilian Wittek oder Julian Weigl wieder mehrere junge Stammspieler, die aus der eigenen Jugend kommen.

Mit Torsten Fröhling hat bei 1860 nun ein Mann das Sagen, der als Chef der U23 zuletzt ebenfalls in der Nachwuchsabteilung arbeitete. Die Münchner gehen damit denselben Weg, wie ihn St. Pauli nach der Trennung von Vrabec mit der Beförderung von Thomas Meggle beschritten hat. Die Wunschlösung war Fröhling jedoch nicht. Das musste 1860-Sportchef Gerhard Poschner öffentlich zugeben. Und auch für Fröhling selbst war der Sprung zu den Profis offenbar gar nicht erstrebenswert. „Cheftrainer zu werden war jetzt nicht die erste Priorität“, sagte Fröhling bei seiner Präsentation.

Kurioserweise muss der 48-Jährige in seinem ersten Spiel gleich gegen den Verein antreten, bei dem er die „erfolgreichste, längste und schönste Zeit“ seiner Karriere verbracht hat. Zwischen 1992 und 1997 spielte Fröhling bei St. Pauli, anschließend betreute er als Trainer die C- und B-Jugend des Kiezclubs. Noch heute spielt Fröhling für St. Paulis Traditionself. „Das ist beinahe witzig“, sagte er.

Ein witziges Spiel ist an diesem Sonnabend nicht zu erwarten. „Die Partie wird von Kampf und Unsicherheiten geprägt sein. Ich wäre mit einem dreckigen 1:0-Sieg zufrieden“, sagt Fröhling. Ähnlich denkt Ewald Lienen: „Wir müssen defensiv gut stehen, mental stark sein und die Nerven behalten“, sagte St. Paulis Coach. Zwei Ansichten, die verdeutlichen, dass in München und Hamburg Bescheidenheit eingekehrt ist.