St. Pauli hat ein Führungsproblem

Das 0:3 gegen Dortmund deckte erneut Mentalitätsschwächen im Team auf. Verhoek droht Ausfall

Hamburg. Jürgen Klopp zeigte sich durchaus beeindruckt. „Geile Atmosphäre hier“, sagte er. „Ich bin selten so ausgepfiffen worden, als ich den Rasen betreten habe.“ Damit spielte der BVB-Trainer allerdings vorrangig auf die lautstarken Anfeuerungen von den Rängen des Millerntor-Stadions an. Die sportliche Darbietung des FC St. Pauli beim 0:3 im Zweitrundenspiel des DFB-Pokals gegen seine Dortmunder konnte den Meistermacher von 2011 und 2012 indes weniger beeindrucken.

Trotz der knisternden Pokalatmosphäre schienen die Zweitligaprofis ihre Chance kaum erkannt zu haben. 7,13 Millionen Zuschauer verfolgten die Partie in der ARD live – und sahen zumindest in der ersten Hälfte einen Underdog, der wenig an die zuvor von Trainer Thomas Meggle eindringlich beschworene Pokalsensation glaubte. Erst im zweiten Abschnitt zeigte St. Pauli Mut. Bei den Nachwuchskräften Andrej Startsev oder Okan Kurt schien der Respekt vor Weltmeistern und Champions-League-erfahrenen Profis verständlicherweise groß zu sein.

Doch an deren Seite waren Führungsspieler rar. Einzig Florian Kringe und Sören Gonther dirigierten St. Paulis Team phasenweise. „So ein Spiel ist gut für unsere junge Truppe. In solchen Spielen muss man Erfahrung mitnehmen, um beim nächsten Mal abgezockter zu sein“, sagte Kringe.

Die Mängel in der Kaderzusammenstellung werden in diesem Herbst erneut offensichtlich. Schon im vergangenen Winter hatten Sportchef Rachid Azzouzi und die weiteren Verantwortlichen erkannt, dass „Typen“ für das Team verpflichtet werden mussten. Mit Tom Trybull und Michael Görlitz schafften es nun zwei der danach geholten Spieler nicht einmal mehr in den 18-Mann-Kader. Auch gestandene Profis wie Christopher Nöthe strahlen derzeit alles andere als Selbstvertrauen aus.

Tom Trybull und Michael Görlitz schafften es nicht in den 18-Mann-Kader

Glaubte man nach der Trennung von Roland Vrabec und dem Wechsel hin zu Meggle einen Aufschwung ausmachen zu können, so treten nun erneut Mentalitätsprobleme zutage. Beim 0:4 gegen den Karlsruher SC war das Team nach dem ersten Gegentreffer zusammengebrochen, gegen Dortmund dauerte es bis zur zweiten Hälfte, ehe einige Akteure couragiert Offensivakzente setzten.

Auch Meggle hat erkannt, dass seine Elf aktuell Rückschläge nur schwer verkraften kann. „Wir brauchen mehr Glauben, mehr Widerstand. Du musst in jedem Spiel durch einen Tunnel gehen, der dunkel ist, aber dann entsteht dahinter Licht“, erklärte der Coach nach der Niederlage bildlich: „Jede Mannschaft wird eine Druckphase haben, die dich in Schwierigkeiten bringt. Da müssen wir besser dagegenhalten und geduldig warten.“

Besserung ist dringend notwendig, rangiert das Team in der Liga doch nur noch auf Relegationsplatz 16. Nach der Kür gegen Dortmund warten nun im November mit Nürnberg (A) an diesem Sonnabend, Heidenheim (H), Leipzig (A) und Kaiserslautern (H) nur hochkarätige Aufgaben. Zudem droht Stürmer John Verhoek, der gegen den BVB verletzt ausgewechselt wurde, gegen Nürnberg auszufallen. Mit einer starken Rückenprellung verließ er am Mittwochmorgen gebückt das Trainingsgelände.

Dass Meggle nun zusätzliche Aufbauarbeit leisten muss, glaubt er jedoch nicht. „Ich sage ihnen einfach, dass in der Zweiten Liga keiner so schnell Fußball spielen kann“, scherzte der 39-Jährige: „Es sind auch Erfahrungswerte, um zu sehen, dass es noch ein weiter Weg ist, um bei Dortmund Stammspieler werden zu können.“

Der Abbau der Nordtribüne am Millerntor hat begonnen, am Mittwoch wurden die Sitzschalen entfernt. Die Sitzplatz-Stahlrohrtribüne wurde bereits an einen Veranstalter von Musikfestivals verkauft.